WHO2020

Fehlermeldesysteme (CIRS): Aufbau und Systemanalyse

Diese Leitlinie stammt aus 2020 und ist möglicherweise nicht mehr aktuell. Aktualität beim Herausgeber prüfen
KI-generierte Zusammenfassung|Quelle: WHO (2020)|Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

Hintergrund

Die WHO-Leitlinie (2020) befasst sich mit der Entwicklung und dem Betrieb von Melde- und Lernsystemen für Vorfälle im Bereich der Patientensicherheit. Weltweit erleiden Patienten in Gesundheitseinrichtungen vermeidbare Schäden durch Infektionen, Medikationsfehler oder Stürze.

Ein zentrales Problem bestehender Systeme ist das Underreporting, welches oft aus der Angst des Personals vor Schuldzuweisungen und Bestrafung resultiert. Zudem wird häufig mehr Wert auf das reine Sammeln von Daten gelegt als auf die tatsächliche Ableitung von Verbesserungsmaßnahmen.

Das primäre Ziel eines Meldesystems ist es laut Leitlinie, Risiken sichtbar zu machen und zukünftige Schäden zu verhindern. Dies erfordert einen Übergang von einer reinen Fehlerzählung hin zu einer tiefgehenden Analyse systemischer Schwachstellen.

Empfehlungen

Die Leitlinie formuliert detaillierte Empfehlungen zum Umgang mit sicherheitsrelevanten Vorfällen.

Klassifikation von Vorfällen

Die Leitlinie unterteilt Vorfälle im Bereich der Patientensicherheit in drei grundlegende Kategorien. Es wird empfohlen, diese Definitionen dem gesamten Personal transparent zu kommunizieren.

Vorfall-TypDefinition
Near miss (Beinahefehler)Vorfall, der den Patienten nicht erreicht hat
No harm incident (Vorfall ohne Schaden)Vorfall erreicht den Patienten, führt aber zu keinem erkennbaren Schaden
Harmful incident (Schadensereignis)Vorfall, der zu einem Schaden beim Patienten führt

Bei Schadensereignissen wird zusätzlich zwischen einem Adverse event (vermeidbarer Schaden) und einer Adverse reaction (nicht-vermeidbarer Schaden bei korrekter Durchführung) unterschieden.

Schaffung einer positiven Meldekultur

Laut Leitlinie ist eine sanktionsfreie Umgebung die wichtigste Voraussetzung für ein funktionierendes Meldesystem. Es wird empfohlen, folgende Aspekte zu etablieren:

  • Verzicht auf Schuldzuweisungen und Disziplinarmaßnahmen (außer bei vorsätzlichem Fehlverhalten)

  • Einfache, nutzerfreundliche und idealerweise elektronische Meldewege

  • Regelmäßiges Feedback an das Personal über den Fortschritt der Untersuchungen

  • Schutz der Identität des Meldenden durch entsprechende Richtlinien

Datenerfassung und Minimal Information Model (MIM PS)

Für die Strukturierung von Meldesystemen empfiehlt die Leitlinie das Minimal Information Model for Patient Safety (MIM PS). Jeder Bericht sollte zwingend strukturierte Datenfelder sowie einen Freitextbereich enthalten.

Das Basis-Modell umfasst acht Kernelemente, darunter Patienteninformationen, Ort und Zeit des Vorfalls sowie die Art des Ereignisses. Für etablierte Systeme wird das erweiterte Modell mit zehn Elementen empfohlen, welches zusätzlich ursächliche und beitragende Faktoren erfasst.

Analyse und systemisches Lernen

Die Leitlinie betont, dass die reine Datensammlung ohne nachfolgende Verhaltens- oder Systemänderungen keinen Nutzen bringt. Für die Untersuchung von Vorfällen wird empfohlen:

  • Fokus auf systemische Schwachstellen (Latente Fehler) anstatt auf individuelles Versagen

  • Einbindung von Personal mit Fachwissen sowie Experten für Human Factors

  • Aggregation von Daten, um Muster, Trends und neue Gefahrenquellen zu identifizieren

  • Anonymisierung aller Berichte vor der Speicherung oder Weitergabe

Einbindung von Patienten und Angehörigen

Es wird eine absolute Transparenz gegenüber geschädigten Patienten gefordert. Die Leitlinie empfiehlt bei Schadensereignissen eine vollständige Offenlegung, eine Entschuldigung sowie die Erklärung der geplanten Präventionsmaßnahmen.

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💡Praxis-Tipp

Ein häufiger Fehler bei der Aufarbeitung von Vorfällen ist laut Leitlinie die vorschnelle Implementierung schwacher Präventionsmaßnahmen wie reiner Informationsweitergabe oder einmaliger Schulungen. Es wird stattdessen betont, dass nachhaltige Verbesserungen der Patientensicherheit meist tiefgreifende systemische Änderungen und die Anwendung anerkannter Methoden der Verbesserungswissenschaft erfordern. Die Leitlinie warnt davor, Untersuchungen vorzeitig abzuschließen, ohne die zugrundeliegenden organisatorischen Schwachstellen identifiziert zu haben.

Häufig gestellte Fragen

Die WHO-Leitlinie empfiehlt als Einstieg das Minimal Information Model (MIM PS) mit acht grundlegenden Datenkategorien. Es wird betont, dass neben strukturierten Feldern immer auch eine Freitextbeschreibung des Vorfalls erfasst werden sollte.

Ja, laut Leitlinie ist die Erfassung von Beinahefehlern essenziell, um systemische Risiken frühzeitig zu erkennen. Es wird empfohlen, auch Vorfälle ohne eingetretenen Schaden in die regelmäßigen Analysen einzubeziehen.

Es wird dringend eine sanktionsfreie Meldekultur empfohlen. Die Leitlinie stellt klar, dass Mitarbeiter vor Disziplinarmaßnahmen geschützt werden müssen, sofern kein vorsätzliches oder grob fahrlässiges Verhalten vorliegt.

Ein Adverse Event beschreibt laut Leitlinie einen vermeidbaren Schaden, der durch die medizinische Behandlung entstanden ist. Eine Adverse Reaction hingegen ist ein nicht-vermeidbarer Schaden, der trotz korrekter Indikation und Durchführung aufgetreten ist.

Die Leitlinie fordert eine vollständige und offene Kommunikation mit den Betroffenen. Es wird empfohlen, den Fehler transparent zu benennen, sich zu entschuldigen und die Patienten über geplante Maßnahmen zur zukünftigen Fehlervermeidung aufzuklären.

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Quelle: Patient safety incident reporting and learning systems: technical report and guidance (WHO, 2020). Originaldokument ansehen

KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.

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