MPDSR-Leitlinie: Maternale & Perinatale Mortalität (WHO)
📋Auf einen Blick
- •MPDSR zielt auf die qualitative Untersuchung maternaler und perinataler Todesfälle ab, um zukünftige zu verhindern.
- •Eine vertrauliche 'No-Blame-Kultur' (Schuldfreiheit) ist essenziell für den Erfolg der Todesfallanalysen.
- •Modifizierbare Faktoren werden oft als Verzögerungen (Delays) in der Versorgung klassifiziert.
- •Jeder maternale Todesfall muss untersucht werden, bei perinatalen Todesfällen kann eine Stichprobe genügen.
- •In der akuten Phase humanitärer Krisen (erste 6 Monate) sollte MPDSR nicht implementiert werden.
Hintergrund
Die Maternal and Perinatal Death Surveillance and Response (MPDSR) ist ein qualitativer Untersuchungsprozess der Ursachen und Umstände von maternalen und perinatalen Todesfällen. Das Hauptziel ist es, Informationen über modifizierbare Faktoren zu generieren, um zukünftige, vermeidbare Todesfälle zu verhindern und die Qualität der Versorgung zu verbessern. Ein zentraler Pfeiler ist dabei die Förderung einer vertraulichen und schuldfreien Umgebung ("No-Blame-Kultur").
Definitionen der Mortalität
Die korrekte Klassifikation ist essenziell für die Datenerfassung. Die Leitlinie definiert die Ereignisse wie folgt:
| Begriff | Definition | Zeitraum/Kriterien |
|---|---|---|
| Maternaler Todesfall | Tod einer Frau während der Schwangerschaft oder kurz danach. | Bis 42 Tage nach Beendigung der Schwangerschaft. Keine unfallbedingten Ursachen. |
| Totgeburt (Stillbirth) | Tod vor der Geburt (antepartal oder intrapartal). | WHO-Kriterien: ≥ 1000 g Geburtsgewicht und/oder ≥ 28 Wochen Gestationsalter und ≥ 35 cm Länge. |
| Neonataler Todesfall | Tod nach der Geburt. | Innerhalb der ersten 28 Lebenstage (Früh: Tag 1-7, Spät: Tag 8-28). |
Implementierung auf Einrichtungsebene
Die Einführung von MPDSR in einer Klinik erfolgt in drei grundlegenden Schritten:
- Situationsanalyse: Bewertung bestehender Qualitätsverbesserungsinitiativen und Datenquellen.
- Gründung eines Steering Committees: Ein multidisziplinäres Team (Geburtshilfe, Hebammen, Anästhesie, Pädiatrie), das die Datenerfassung leitet, Todesfälle überprüft und Empfehlungen ausspricht.
- Festlegung von Standardprozessen (SOPs): Definition von Verantwortlichkeiten, Meeting-Frequenzen und Verhaltensregeln (Code of Practice).
Identifikation und Datenerfassung
Jeder maternale Todesfall muss untersucht werden. Bei perinatalen Todesfällen kann in großen Kliniken aufgrund der höheren Fallzahlen eine repräsentative Stichprobe gewählt werden.
- Klinik: Auswertung von Geburtenregistern, OP-Büchern, Neugeborenen-Intensivstationen und Notaufnahmen.
- Community: Erfassung von Todesfällen außerhalb der Klinik (z.B. durch Community Health Workers) mittels Verbal Autopsy (idealerweise innerhalb von 48 Stunden).
Modifizierbare Faktoren und SMART-Empfehlungen
Ein modifizierbarer Faktor ist ein Umstand, dessen Änderung den Tod möglicherweise verhindert hätte. Diese werden oft als Verzögerungen (Delays) klassifiziert:
- 1. Delay: Verzögerung bei der Entscheidung, Hilfe zu suchen.
- 2. Delay: Verzögerung beim Erreichen der medizinischen Einrichtung.
- 3. Delay: Verzögerung beim Erhalt adäquater Versorgung in der Einrichtung.
Das Steering Committee muss aus den Analysen SMART-Empfehlungen (Spezifisch, Messbar, Angemessen, Relevant, Terminiert) ableiten und Verantwortlichkeiten für die Umsetzung festlegen.
MPDSR in humanitären und fragilen Settings
Die Anwendung von MPDSR muss an die Stabilität des Gesundheitssystems angepasst werden:
| Phase | Zeitraum/Definition | MPDSR-Empfehlung |
|---|---|---|
| Akute Phase | Erste 6 Monate nach Krisenbeginn | NICHT implementieren. Fokus liegt auf reiner Zählung der Todesfälle und Etablierung lebensrettender Basisdienste. |
| Stabilisierte Phase | Lebensrettende Dienste etabliert | Implementierung möglich. Fokus zuerst auf Kliniken, später Ausweitung auf die Community. |
| Flüchtlingscamps | Langfristige humanitäre Settings | Integration in das nationale Gesundheitssystem des Gastlandes. Nutzung standardisierter Tools (z.B. UNHCR). |
💡Praxis-Tipp
Fokus auf Systemfehler statt auf individuelles Versagen: Etablieren Sie eine strikte 'No-Blame-Kultur' in den Review-Meetings. Juristischer Beistand sollte bei den Analysen nicht anwesend sein, um eine ehrliche Fehlerkultur zu ermöglichen.