Patientensicherheitsrechte-Charta 2024 (WHO)
📋Auf einen Blick
- •Weltweit erleidet etwa jeder zehnte Patient im Gesundheitswesen einen Schaden, wovon über 50 % vermeidbar wären.
- •Die WHO definiert 10 grundlegende Rechte zur Gewährleistung der Patientensicherheit.
- •Dazu gehören das Recht auf sichere Prozesse, qualifiziertes Personal und sichere medizinische Produkte.
- •Patienten haben ein Recht auf transparente Information, Einsicht in Akten und faire Lösungswege bei Zwischenfällen.
- •Die aktive Einbindung von Patienten und Angehörigen ist ein zentraler Baustein der sicheren Gesundheitsversorgung.
Hintergrund
Weltweit erleidet etwa einer von zehn Patienten im Rahmen der Gesundheitsversorgung einen Schaden. Jährlich kommt es global zu mehr als drei Millionen Todesfällen aufgrund unsicherer Versorgung. Über 50 % dieser Schäden gelten als vermeidbar. Die WHO hat daher die Charta der Patientensicherheitsrechte (Patient safety rights charter) entwickelt, um die Sicherheit als grundlegendes Menschenrecht zu verankern.
Die 10 Rechte der Patientensicherheit
Die WHO definiert zehn Kernrechte, die zur Risikominderung und Vermeidung von Patientenschäden essenziell sind:
| Recht | Beschreibung | Kernaspekte |
|---|---|---|
| 1. Recht auf rechtzeitige, wirksame und angemessene Versorgung | Evidenzbasierte Behandlung ohne gefährliche Verzögerungen. | Vermeidung von "Failure to rescue", 24/7-Verfügbarkeit, zeitnahe Befundmitteilung. |
| 2. Recht auf sichere Prozesse und Praktiken | Risikominimierung durch standardisierte Abläufe. | Korrekte Patientenidentifikation, sichere Übergaben, Infektionsprävention, Vermeidung von Über-/Unterdiagnostik. |
| 3. Recht auf qualifiziertes Personal | Behandlung durch kompetente Gesundheitsfachkräfte. | Empathie, Integrität, Transparenz über Qualifikationen und Sicherheitsbewertungen der Einrichtung. |
| 4. Recht auf sichere Medizinprodukte | Zugang zu und rationaler Einsatz von sicheren Produkten. | Rationale Verschreibung, sichere Blutprodukte, Meldung von unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW). |
| 5. Recht auf sichere Einrichtungen | Physisch sichere, barrierefreie und resiliente Umgebungen. | "Universal Design", Brandschutz, Klimaresilienz, Infektionsschutz, Schutz vor Gewalt. |
| 6. Recht auf Würde, Respekt und Nichtdiskriminierung | Gleichbehandlung und Schutz der Privatsphäre. | Keine Diskriminierung, Schutz vulnerabler Gruppen, Vertraulichkeit von Gesundheitsdaten. |
| 7. Recht auf Information und Entscheidungsfindung | Verständliche Aufklärung und unterstützte Entscheidungsfindung. | Aufklärung über Risiken/Nutzen, Einbezug von KI-Risiken, Berücksichtigung des Patientenwillens. |
| 8. Recht auf Zugang zur Patientenakte | Einsicht und Kontrolle über eigene Gesundheitsdaten. | Physische/elektronische Akten, Korrekturrecht, Datenschutz, sicherer Datentransfer. |
| 9. Recht auf Gehör und faire Lösungswege | Beschwerdemanagement ohne Angst vor Repressalien. | Transparente Aufarbeitung von Zwischenfällen, psychologische Unterstützung, angemessene Entschädigung. |
| 10. Recht auf Einbindung von Patienten und Angehörigen | Aktive Partnerschaft im Behandlungsprozess. | Recht auf Zweitmeinung, Patientenverfügungen, Einbindung in gesundheitspolitische Entscheidungen. |
Maßnahmen zur Implementierung
Um diese Rechte im klinischen Alltag und auf Systemebene zu verankern, fordert die WHO verschiedene Maßnahmen von den Mitgliedsstaaten und Gesundheitseinrichtungen:
- Gesetzgebung und Richtlinien: Integration der Charta in nationale Gesetze und klinische Leitlinien.
- Verantwortlichkeit: Etablierung von Meldewegen für Rechtsverletzungen und Ernennung von "Charter Champions" in Kliniken.
- Kommunikation: Förderung der Gesundheitskompetenz (Health Literacy) der Bevölkerung.
- Ausbildung: Schulung des Gesundheitspersonals in Patientensicherheitspraktiken.
- Fehlerkultur: Aufbau unabhängiger Mechanismen zur Untersuchung von Beschwerden und zur Förderung einer transparenten Sicherheitskultur.
💡Praxis-Tipp
Etablieren Sie eine offene Fehlerkultur (z. B. durch CIRS), in der Patienten und Angehörige Sicherheitsbedenken ohne Angst vor negativen Konsequenzen äußern können. Beziehen Sie Angehörige aktiv in die Identifikation von Sicherheitsrisiken ein.