S3-Leitlinie Opioidbezogene Störungen (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnose einer opioidbezogenen Störung erfolgt nach ICD-10/11, inklusive Erfassung psychischer und somatischer Komorbiditäten.
- •Die Opioid-Agonisten-Therapie (OAT) soll jedem Menschen mit Störungen durch illegale Opioide angeboten werden.
- •Mittel der Wahl für die OAT sind Methadon, Buprenorphin, retardiertes Morphin oder Diamorphin.
- •Vor einer medizinischen Rehabilitation sollte eine qualifizierte Entzugsbehandlung mit nahtlosem Übergang erfolgen.
- •Psychosoziale Betreuung und die Behandlung von Komorbiditäten sind essenzielle Bestandteile der Therapie.
Hintergrund
Opioidbezogene Störungen sind schwere, chronisch verlaufende Krankheiten mit hoher Morbidität und Mortalität. Die substitutionsgestützte Behandlung (Opioid-Agonisten-Therapie, OAT) ist eine wissenschaftlich gut evaluierte Therapieform und stellt für die Mehrheit der Patient:innen die Therapie der Wahl dar. Ziele sind unter anderem die Sicherstellung des Überlebens, die Reduktion des Konsums illegaler Opioide und die Förderung der sozialen Teilhabe.
Diagnostik
Die Diagnose einer opioidbezogenen Störung soll strikt den Kriterien der ICD-10 bzw. ICD-11 folgen. Derzeit können keine spezifischen Screeninginstrumente empfohlen werden.
- Interdisziplinäre Beurteilung: Sollte unter Einbeziehung weiterer Sozial-, Gesundheits- und Therapieberufe erfolgen.
- Komorbiditäten: Bestehende psychische und substanzbezogene Komorbiditäten sollen zwingend diagnostiziert werden.
Therapieplanung und Entzug
Eine strukturierte Therapieplanung ist essenziell für den Behandlungserfolg. Die konsumbezogenen Behandlungsziele (Abstinenz vs. Substitution) sollten zu Beginn mit den Patient:innen abgeklärt werden.
| Behandlungsphase | Empfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Vor Entwöhnung | Qualifizierte Entzugsbehandlung | Gilt vor abstinenzorientierter und substitutionsgestützter Reha |
| Übergang | Nahtloser Übergang | Zwischen Entzugs- und teilhabeorientierter Maßnahme gewährleisten |
| Entzugsdurchführung | Langsam ausschleichend | Bei Entzug von OAT-Medikamenten oder illegalen Opioiden zur Erhöhung der Retention |
Opioid-Agonisten-Therapie (OAT)
Die OAT soll (Empfehlungsgrad A) jedem Menschen mit Störungen durch illegale Opioide angeboten werden. Die Auswahl des Arzneimittels sollte sich nach der von den Betroffenen präferierten und zugelassenen Applikationsform richten.
| OAT-Medikament | Empfehlungsgrad | Bemerkung |
|---|---|---|
| Methadon / Levomethadon | A ⇑⇑ | D,L-Methadon und Levomethadon können gleichermaßen erwogen und ausgetauscht werden |
| Buprenorphin | A ⇑⇑ | Auch als Kombinationspräparat mit Naloxon |
| Retardiertes Morphin | A ⇑⇑ | Zugelassene Alternative |
| Diamorphin | A ⇑⇑ | Unterliegt spezifischen gesetzlichen Anforderungen (§ 5 a BtMVV) |
Bei ungenügender Reduktion des Konsums illegaler Opioide sollte eine Dosisanpassung und/oder ein Wechsel des OAT-Medikaments geprüft werden.
Begleitende Maßnahmen und Komorbiditäten
Die OAT sollte stets in ein komplexes biopsychosoziales Gesamtkonzept eingebettet sein:
- Psychosoziale Betreuung: Soll innerhalb eines strukturierten Prozesses individuell bedarfsgerecht erfolgen (Empfehlungsgrad A).
- Psychotherapie: Geeignete Interventionen (z.B. KVT, Motivationale Gesprächsführung) sollten angeboten werden.
- Somatische Komorbiditäten: OAT verbessert die Adhärenz bei HIV- und HCV-Therapien.
- Psychische Komorbiditäten: Es soll eine integrierte Behandlung oder zumindest eine Koordination der Behandlungen gewährleistet werden.
- Schadensminimierung: Drogenkonsumräume sollten zur Reduktion von Überdosierungen zur Verfügung stehen (Empfehlungsgrad B).
Besondere Populationen
Schwangere, Gebärende oder Stillende sollen (Empfehlungsgrad A) ausführlich über Risiken, Nebenwirkungen und Nutzen einer OAT versus einer abstinenzorientierten Behandlung aufgeklärt werden. Die Behandlungsstrategie ist gemeinsam mit der behandelnden Person festzulegen.
💡Praxis-Tipp
Streben Sie stets einen nahtlosen Übergang zwischen der qualifizierten Entzugsbehandlung und der weiterführenden Rehabilitation an, da in dieser Zwischenphase ein besonders hohes Rückfall- und Mortalitätsrisiko besteht.