Sport bei Diabetes: Leitlinie (Diabetes Canada)
📋Auf einen Blick
- •Mindestens 150 Minuten aerobes Training pro Woche, verteilt auf mindestens 3 Tage, werden empfohlen.
- •Zusätzlich sollte 2- bis 3-mal wöchentlich ein Krafttraining durchgeführt werden.
- •Längeres Sitzen sollte alle 20 bis 30 Minuten durch kurze Bewegung unterbrochen werden.
- •Bei Typ-1-Diabetes kann das Hypoglykämie-Risiko durch Insulinreduktion, Kohlenhydrate oder die Reihenfolge (Kraft vor Ausdauer) gesenkt werden.
- •Ein medizinisches Screening (z. B. Belastungs-EKG) ist vor intensivem Training nur bei symptomatischen Patienten oder kardiovaskulärer Vorerkrankung indiziert.
Hintergrund
Körperliche Aktivität und kardiorespiratorische Fitness sind bei Menschen mit Diabetes mit einer deutlich geringeren Morbidität und Mortalität assoziiert. Die Leitlinie der Diabetes Canada unterscheidet dabei zwischen Alltagsaktivität und strukturiertem Training (Exercise). Regelmäßiges Training verbessert die glykämische Kontrolle (HbA1c-Senkung), verringert die Insulinresistenz und fördert die Gewichtsabnahme.
Trainingsempfehlungen
Für optimale gesundheitliche Vorteile sollten aerobes Training und Krafttraining kombiniert werden. Auch geringere Aktivitätsmengen bieten bereits gesundheitliche Vorteile.
| Trainingsart | Frequenz | Intensität / Dauer | Beispiele |
|---|---|---|---|
| Aerobes Training | Mind. 3 Tage/Woche (max. 2 aufeinanderfolgende Tage Pause) | Mind. 150 Min./Woche, moderat bis intensiv | Radfahren, zügiges Gehen, Schwimmen, Joggen |
| Krafttraining | 2-3 Mal/Woche | 1-3 Sätze à 8-15 Wdh. pro Muskelgruppe | Gewichte, Kraftmaschinen |
| Intervalltraining | Nach individueller Toleranz | Kurze intensive Phasen im Wechsel mit Erholung | Hochintensives Intervalltraining (HIIT) |
- Sitzendes Verhalten: Längeres Sitzen ist unabhängig vom Trainingsstatus mit einer erhöhten Mortalität assoziiert. Es wird empfohlen, das Sitzen alle 20 bis 30 Minuten kurz zu unterbrechen (Grad C).
- Schrittzähler: Die Nutzung von Pedometern zur Zielsetzung (z. B. Steigerung um 2.000 Schritte/Tag) wird in Kombination mit Beratung empfohlen (Grad B).
Vermeidung von Hypoglykämien (Typ-1-Diabetes)
Die Angst vor Hypoglykämien ist eine wesentliche Barriere für Sport bei Typ-1-Diabetes. Folgende Strategien können einzeln oder kombiniert angewendet werden:
| Strategie | Maßnahme | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Insulinanpassung | Reduktion des Bolusinsulins, das zum Trainingszeitpunkt am aktivsten ist | Grad B |
| Basalrate | Reduktion oder Pausieren (nur bei <45 Min. Dauer) währenddessen; nachts -20% | Grad B |
| Kohlenhydrate | Zufuhr vor, während und nach dem Training nach Bedarf erhöhen | Grad C |
| Trainingsablauf | Krafttraining vor dem aeroben Training durchführen | Grad D |
| Sprints | Kurze (10 Sek.) maximale Sprints einbauen (Anfang, Mitte oder Ende) | Grad D |
Umgang mit Hyperglykämie
Ein erhöhter Blutzucker (>16,7 mmol/l) erfordert je nach Diabetestyp unterschiedliche Maßnahmen:
- Typ-2-Diabetes: Training muss in der Regel nicht verschoben werden, sofern der Patient sich wohlfühlt. Auf ausreichende Hydratation ist zu achten.
- Typ-1-Diabetes: Fühlt sich der Patient unwohl, müssen zwingend Ketone gemessen werden.
- Bei erhöhten Ketonen (Blut ≥1,5 mmol/l oder Urin ≥4 mmol/l): Vigouröses Training verschieben, bis Insulin/Kohlenhydrate gegeben wurden und Ketone gesunken sind.
- Bei negativen Ketonen und Wohlbefinden: Training ist möglich.
Medizinisches Screening vor dem Sport
Für die meisten asymptomatischen Patienten ist vor Beginn eines moderaten Trainings kein medizinisches Clearance erforderlich.
Ein Ruhe-EKG und ggf. ein Belastungs-EKG sollten erwogen werden bei Patienten, die intensiver als "zügiges Gehen" trainieren möchten UND folgende Kriterien aufweisen:
- Typische oder atypische Brustbeschwerden
- Unerklärliche Dyspnoe
- Periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK)
- Strömungsgeräusche der Carotis
- Anamnese für Angina pectoris, Myokardinfarkt, Schlaganfall oder TIA
Hinweis zu Neuropathie: Patienten mit schwerer peripherer Neuropathie dürfen an moderatem, gewichtstragendem Training teilnehmen, sofern keine aktiven Fußulzera vorliegen. Die Füße müssen an Trainingstagen täglich inspiziert werden.
💡Praxis-Tipp
Verschreiben Sie Bewegung auf Rezept: Nutzen Sie Schrittzähler (Pedometrie) und setzen Sie gemeinsam mit dem Patienten konkrete Ziele. Eine Steigerung um 2.000 Schritte pro Tag reduziert nachweislich kardiovaskuläre Ereignisse.