ADA-Leitlinie 2026: Lebensstil & Ernährung bei Diabetes
📋Auf einen Blick
- •Individuelle Diabetes-Schulungen (DSMES) sollten bei Diagnose, jährlich, bei Komplikationen und Transitionen erfolgen.
- •Es gibt keine universelle Diabetes-Diät; der Fokus liegt auf nährstoffdichten Lebensmitteln und individualisierter Ernährungstherapie (MNT).
- •Für Übergewichtige wird ein Gewichtsverlust von mindestens 5-7 % angestrebt, um kardiometabolische Parameter zu verbessern.
- •Erwachsene sollten wöchentlich ≥150 Minuten aerobe Aktivität sowie 2-3 Einheiten Krafttraining absolvieren.
- •Vor religiösem Fasten (z. B. Ramadan) ist eine strukturierte Risikostratifizierung (IDF/DAR-Score) und Therapieanpassung zwingend erforderlich.
Hintergrund
Der Aufbau positiver Gesundheitsverhaltensweisen und die Erhaltung des psychologischen Wohlbefindens sind grundlegend für das Erreichen der Therapieziele bei Diabetes. Die ADA-Leitlinie 2026 betont einen personenzentrierten Ansatz, der Diabetes-Schulungen (DSMES), medizinische Ernährungstherapie (MNT), körperliche Aktivität und psychosoziale Betreuung umfasst.
Diabetes-Schulung und Support (DSMES)
Alle Patienten sollten an einer entwicklungs- und kulturspezifischen Schulung teilnehmen (Empfehlungsgrad A). DSMES senkt nachweislich den HbA1c-Wert, verbessert die Lebensqualität und reduziert Gesundheitskosten.
Kritische Zeitpunkte für DSMES:
- Bei Diagnosestellung
- Jährlich oder bei Verfehlen der Therapieziele
- Bei Auftreten von Komplikationen (medizinisch, physisch, psychosozial)
- Bei Transitionen (Übergänge in Lebens- oder Versorgungssituationen)
Telemedizinische und digitale Interventionen sind effektiv und sollten angeboten werden, um Zugangsbarrieren abzubauen (Empfehlungsgrad B).
Medizinische Ernährungstherapie (MNT)
Es gibt keine One-Size-Fits-All-Ernährung bei Diabetes. Die Makronährstoffverteilung muss individualisiert werden. Der Fokus sollte auf nährstoffdichten Lebensmitteln (Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkorn, magere Proteine) liegen.
| Nährstoff / Thema | Empfehlung | Evidenz |
|---|---|---|
| Kohlenhydrate | Fokus auf ballaststoffreiche Quellen (≥14 g/1.000 kcal). Low-Carb kann kurzfristig die Glykämie verbessern, ist aber bei SGLT2-Inhibitoren (Ketoazidose-Risiko) zu vermeiden. | Grad B |
| Proteine | 0,8–1,5 g/kg Körpergewicht. Vermehrt pflanzliche Proteine (Nüsse, Samen, Hülsenfrüchte) zur Senkung des kardiovaskulären Risikos nutzen. | Grad B |
| Fette | Mediterrane Ernährung bevorzugen. Gesättigte Fettsäuren limitieren. | Grad A/B |
| Natrium | <2.300 mg/Tag, primär durch Verzicht auf hochverarbeitete Lebensmittel. | Grad B |
| Alkohol | Max. 1 Drink/Tag (Frauen) bzw. 2 Drinks/Tag (Männer). Auf verzögerte Hypoglykämien achten (besonders bei Insulin/Sulfonylharnstoffen). | Grad B |
| Supplemente | Keine routinemäßige Gabe von Vitaminen, Zimt oder Aloe vera ohne Mangel (Grad C). Warnung vor β-Carotin (Grad B). | Grad B/C |
Gewichtsmanagement
Für Patienten mit Prädiabetes oder Diabetes und Übergewicht/Adipositas ist ein Gewichtsverlust von mindestens 5–7 % das Ziel (Empfehlungsgrad A). Bei Typ-2-Diabetes sind oft >5 % (bis zu 15 %) nötig, um optimale metabolische Effekte in Bezug auf Glykämie, Lipide und Blutdruck zu erzielen.
Religiöses Fasten (z. B. Ramadan)
Vor einem religiösen Fasten muss eine Risikobewertung mittels des IDF/DAR-Scores erfolgen (Empfehlungsgrad B).
| Risiko-Score | Risikokategorie | Empfehlung zum Fasten |
|---|---|---|
| 0–3,0 | Geringes Risiko | Fasten wahrscheinlich sicher |
| 3,5–6,0 | Moderates Risiko | Sicherheit ungewiss |
| >6,0 | Hohes Risiko | Fasten wahrscheinlich unsicher |
Medikamentöse Anpassungen während des Fastens:
- Metformin / DPP-4-Inhibitoren / GLP-1-RA: Keine Dosisänderung, Einnahme zur Hauptmahlzeit.
- Sulfonylharnstoffe: Ältere Generationen (Glibenclamid) meiden oder Dosis um 50 % reduzieren.
- Basalinsulin: Dosis um 25–35 % reduzieren, falls nicht optimal eingestellt.
- Prandiales Insulin: Dosis für die Mahlzeit vor dem Fasten um 35–50 % reduzieren.
Körperliche Aktivität
Körperliche Aktivität verbessert die Glykämie, das kardiovaskuläre Risiko und die Mortalität. Längeres Sitzen sollte alle 30 Minuten unterbrochen werden (Empfehlungsgrad C).
| Zielgruppe | Aerobes Training | Krafttraining | Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| Kinder/Jugendliche | ≥60 Min./Tag (moderat bis intensiv) | ≥3 Tage/Woche | Bildschirmzeit <2h/Tag |
| Erwachsene | ≥150 Min./Woche (verteilt auf ≥3 Tage) | 2–3 Einheiten/Woche | Max. 2 aufeinanderfolgende Tage ohne Sport |
| Ältere Erwachsene | Wie Erwachsene (angepasst) | Wie Erwachsene | Zusätzlich 2–3x/Woche Flexibilitäts- und Balancetraining |
Patienten unter medikamentöser Adipositastherapie oder nach metabolischer Chirurgie sollten besonders auf Krafttraining achten, um die fettfreie Muskelmasse zu erhalten (Empfehlungsgrad C).
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie bei Patienten, die fasten möchten (z. B. Ramadan), den IDF/DAR-Risikoscore zur Stratifizierung. Passen Sie Sulfonylharnstoffe und Insuline rechtzeitig an und warnen Sie vor SGLT2-Inhibitoren in Kombination mit Low-Carb-Diäten aufgrund des Ketoazidose-Risikos.