DGK-Stellungnahme: Atherosklerose & Cholesterinsenkung
📋Auf einen Blick
- •Atherosklerose ist eine schwerwiegende Systemerkrankung und kein natürlicher Alterungsprozess.
- •Die strikte Trennung in Primär- und Sekundärprävention gilt als veraltet; das kardiovaskuläre Risiko ist ein Kontinuum.
- •LDL-Cholesterin ist kausal an der Entstehung der Atherosklerose beteiligt und kein reiner Surrogatparameter.
- •Die medikamentöse LDL-Senkung stabilisiert Plaques und senkt das Risiko für Myokardinfarkte und plötzlichen Herztod.
- •Präventive Maßnahmen und Screenings sollten deutlich früher, idealerweise schon im Jugendalter, beginnen.
Hintergrund
Die Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems stellen in Deutschland mit 33,3 % (Stand 2021) unverändert die häufigste Todesursache dar. Dennoch ist die Sterblichkeit bei koronarer Herzkrankheit (KHK) und Herzinfarkten in den letzten zwei Jahrzehnten signifikant gesunken. Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) widerspricht in ihrer aktuellen Stellungnahme deutlich dem Leitfaden der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ), welcher atherosklerotische Veränderungen als Teil eines natürlichen Alterungsprozesses einstuft.
Die DGK betont, dass Atherosklerose eine schwerwiegende chronische Systemerkrankung ist. Der Rückgang der Mortalität ist maßgeblich auf konsequente therapeutische Maßnahmen zurückzuführen:
| Therapeutische Maßnahme | Bemerkung / Ziel |
|---|---|
| Akute Revaskularisierung | Direkte Therapie beim akuten Koronarsyndrom (ACS) |
| Duale Plättchenaggregationshemmung | Verhinderung von thrombotischen Ereignissen |
| Hemmung des Renin-Angiotensin-Systems | Einsatz von ACE-Hemmern oder Angiotensin-Rezeptorblockern |
| Statine | Kausale Senkung des LDL-Cholesterins |
Pathophysiologie und Risikobewertung
Atherosklerose betrifft alle arteriellen Gefäßbereiche. Die Pathophysiologie ist komplex und umfasst neben der Störung der Endothelfunktion und Lipidablagerung auch proinflammatorische und immunologische Prozesse.
Wichtige Kernaussagen der DGK zur Krankheitsdynamik:
- Der Krankheitsprozess beginnt oft bereits im Jugendalter.
- Auch Frauen jüngeren bis mittleren Alters sind zunehmend betroffen.
- Die subjektive Symptomatik korreliert häufig nicht mit dem Schweregrad oder dem aktuellen Risiko (Gefahr des plötzlichen Herztods durch Plaqueruptur).
Daraus ergibt sich ein Paradigmenwechsel in der Risikobewertung:
| Bisheriges Konzept | Aktuelle DGK-Position |
|---|---|
| Dichotome Einteilung | Die strikte Trennung in Primär- und Sekundärprävention ist überholt. |
| Risiko als Zustand | Das kardiovaskuläre Risiko stellt eine kontinuierliche Größe dar. |
| Später Beginn | Prävention und Screening müssen deutlich früher beginnen. |
Die Rolle des LDL-Cholesterins
Die DGK widerspricht der AkdÄ-Aussage, dass die Blutfettsenkung nur ein Surrogatparameter sei. Die Kausalität zwischen erhöhtem LDL-Cholesterin und Atherosklerose ist pathophysiologisch, genetisch und epidemiologisch gesichert.
- Plaquestabilisierung: Die Delipidierung von Plaques durch LDL-Senkung stabilisiert diese und senkt das Risiko einer Plaqueruptur mit konsekutivem Myokardinfarkt oder plötzlichem Herztod.
- Herzinsuffizienz: Bei Patienten mit ischämischer Kardiomyopathie ist die LDL-Senkung durch Statine mit einer signifikanten Reduktion von Herzinfarkten, der Gesamtmortalität und der kardiovaskulären Mortalität assoziiert.
Spezielle Patientengruppen und Langzeittherapie
Die cholesterinsenkende Therapie ist grundsätzlich auf Langfristigkeit angelegt. Dennoch erfordern bestimmte Subgruppen eine individuelle Betreuung:
| Patientengruppe | Therapeutische Konsequenz / Bemerkung |
|---|---|
| Frauen im gebärfähigen Alter | Die Therapie muss bei Kinderwunsch ggf. unterbrochen werden. |
| Hochbetagte Patienten (≥ 85 Jahre) | Ein Neustart der Therapie zur Stabilisierung der KHK ist pathophysiologisch begründet. |
| Junge Erwachsene (LDL ≥ 130 mg/dl) | Eine Statin-Therapie erweist sich in Modellrechnungen bereits als deutlich kosteneffektiv. |
💡Praxis-Tipp
Trennen Sie nicht mehr strikt zwischen Primär- und Sekundärprävention, sondern betrachten Sie das kardiovaskuläre Risiko als Kontinuum. Klären Sie Patienten darüber auf, dass LDL-Senkung kausal vor Plaquerupturen schützt.