Sportkardiologie: ESC-Leitlinie & DGK-Kommentar
📋Auf einen Blick
- •Die Sporttauglichkeit richtet sich nach Grunderkrankung, kardiopulmonaler Belastbarkeit und der sportlichen Intensität (niedrig, moderat, hoch).
- •Bei asymptomatischer hypertropher Kardiomyopathie (HCM) ohne Risikofaktoren ist hochintensiver Sport möglich, bei arrhythmogener Kardiomyopathie (ACM) hingegen strikt kontraindiziert.
- •Nach einer Myokarditis muss eine Sportpause für moderate und hochintensive Belastungen von 3 bis 6 Monaten eingehalten werden.
- •Patienten unter oraler Antikoagulation dürfen keine Kontakt- oder Risikosportarten ausüben.
- •Nach einem ST-Hebungsinfarkt sollte intensiver Sport erst nach 3 bis 6 Monaten wieder aufgenommen werden.
Hintergrund
Die Beurteilung der Sport- und Wettkampftauglichkeit bei kardialen Erkrankungen basiert auf sechs Faktoren: kardiale Grunderkrankung, Ausprägung der Erkrankung, Komorbiditäten, Alter des Patienten, sportliche Vorerfahrung und kardiopulmonale Belastbarkeit. Die Leitlinie differenziert die körperliche Belastung in drei Intensitätsstufen:
| Intensität | Laktatwert | Energiestoffwechsel | Beispiele |
|---|---|---|---|
| Niedrig | < 2 mmol/l | Aerober Bereich (Regeneration) | Golf, langsames Jogging, Walking |
| Moderat | < 4 mmol/l | Aerob bis aerob-anaerobe Schwelle | Jogging (Langstrecke), Tennis (Freizeit) |
| Hoch | > 4 mmol/l | Anaerober Bereich (Submaximal) | Rennrad, Triathlon, Kampfsport |
Chronisches Koronarsyndrom (CCS) und Post-ACS
Asymptomatische Sportler mit nicht stenosierenden Plaques, normaler linksventrikulärer (LV) Funktion und ohne Ischämie haben keine Restriktionen für die Ausübung von Sport unterschiedlicher Intensität (IIa, C).
- Nach Stentimplantation (Post-ACS): Ausdauersport (inkl. Marathontraining) ist nach wenigen Wochen möglich (IIa, C), sofern Symptomfreiheit, normale Ergometrie, normale LV-Funktion und Ischämie-/Arrhythmiefreiheit vorliegen.
- Nach ST-Hebungsinfarkt (STEMI): Intensiver Sport sollte erst 3 bis 6 Monate nach dem Ereignis begonnen werden.
Herzklappenerkrankungen
Patienten mit geringer oder moderater Klappendysfunktion, normaler LV-Funktion und guter Belastbarkeit ohne Ischämie können an allen Sportarten teilnehmen. Bei Symptomen, schwerer Dysfunktion, LV/RV-Dysfunktion, pulmonaler Hypertonie oder belastungsinduzierten Arrhythmien besteht ein hohes Risiko: Die Teilnahme an Freizeit- und Leistungssport wird nicht empfohlen (III, C).
| Erkrankung | Schweregrad | Empfehlung |
|---|---|---|
| Aortenklappenstenose | Gering | Alle Sportarten möglich. |
| Moderat/Schwer (asymptomatisch) | Bei unauffälliger Ergometrie: Freizeitsport mit niedriger Intensität erlaubt (IIb, C). Kompetitiver Sport oder moderate/hohe Intensität strikt abgeraten (III, C). | |
| Aortenklappeninsuffizienz | Gering/Moderat | Alle Sportarten möglich (IIb, C). |
| Schwer (asymptomatisch) | Bei guter LV-Funktion: Niedrige bis moderate Intensität. Kontrolle alle 6 Monate. | |
| Bikuspide Aortenklappe | Aorta 40–45 mm | Hochintensive Sportarten, Kontakt- und Kraftsport meiden (IIa, C). Kontrolle alle 1-2 Jahre. |
| Aorta 45–50 mm | Nur Spielsportarten und niedrige Intensität. | |
| Mitralklappenstenose | Gering/Moderat (asymptomatisch) | Alle Sportarten möglich (bei Sinusrhythmus, normalem PAP). |
| Hochgradig | Nur niedrige Intensität (IIb, C). Kein kompetitiver Sport (III, C). |
Kardiomyopathien
Die Empfehlungen für Kardiomyopathien wurden teilweise liberalisiert, erfordern aber eine genaue Risikostratifizierung.
| Kardiomyopathie | Kriterien | Sportempfehlung |
|---|---|---|
| Hypertrophe Kardiomyopathie (HCM) | Keine Risikofaktoren* | Höher intensive Belastungen freigegeben (IIb, C). |
| Mind. 1 Risikofaktor* vorhanden | Keine hochintensive Belastung, kein Wettkampfsport (III, C). Niedrige/moderate Intensität im Freizeitsport erlaubt (IIb, C). | |
| Arrhythmogene Kardiomyopathie (ACM) | Phänotyp oder nur Genotyp positiv | Striktes Verbot von hochintensivem Freizeit- oder Leistungssport (III, B). Niedrige Intensität (150 min/Woche) empfohlen (IIa, C). |
| LV-Non-Compaction (LVNC) | Isolierte Hypertrabekularisierung | Jeder Sport, auch hochintensiv, erlaubt (IIb, C). |
Risikofaktoren HCM: Unerklärte Synkope, ESC-Risikoscore ≥ 4 % (5 Jahre), LVOT-Gradient ≥ 30 mm Hg, pathologisches Blutdruckverhalten unter Belastung, belastungsinduzierte Arrhythmien.
- Nachsorge HCM: Jährlich (I, C), bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen alle 6 Monate (IIa, C).
Myokarditis und Perikarditis
- Myokarditis: Moderate bis hochintensive Belastungen für mindestens 3 bis 6 Monate pausieren (III, B). Bei Myokardnarbe > 20 % und persistierender LV-Dysfunktion dauerhafter Verzicht auf moderate/hohe Intensität (III, C).
- Perikarditis: Sportaufnahme bereits nach 1 Monat möglich.
Rhythmusstörungen und Ionenkanalerkrankungen
Vorhofflimmern (VHF)
- Pill-in-the-pocket: Kein Sport vor Abklingen der Medikamentenwirkung (2 Tage) (III, A).
- Ablation: Sportbeginn nach 1 Monat möglich.
- Antikoagulation: Kontaktsportarten und Sport mit Verletzungsrisiko (z. B. Mountainbiken, Klettern) sind kontraindiziert (III, A).
Präexzitationssyndrom (WPW)
- Bei dokumentierten Rhythmusstörungen wird Freizeit- und Leistungssportlern die Ablation angeraten (I, C).
- Sportbeginn: 1 Woche nach Ablation (Freizeit), 1 bis 3 Monate (Leistungssport).
Long-QT-Syndrom (LQTS)
- Diagnostik: QTc ≥ 500 ms ist diagnostisch. Normal: < 470 ms (Männer), < 480 ms (Frauen).
- LQTS-1: Keine Sportarten mit Eintauchen in kaltes Wasser (Schwimmen, Tauchen, Triathlon).
- Allgemein: Dehydratation, Elektrolytverschiebungen und QTc-verlängernde Medikamente vermeiden (I, B).
- Therapie: Betablocker bei Symptomen oder verlängerter QTc-Zeit (I, B).
- Einschränkung: Bei QTc > 500 ms oder grenzwertiger QTc-Zeit mit Mutation kein hochintensiver Sport, auch nicht unter Betablockade (III, B).
Ventrikuläre Extrasystolie (VES)
- ≥ 2 VES im Ruhe-EKG (beim Leistungssportler bereits ≥ 1 VES) erfordern eine weitere kardiologische Abklärung (I, C).
- Abnahme unter Belastung (Ursprung RVOT) spricht für benigne Genese. Zunahme oder Komplexität (Couplets, Triplets, nicht anhaltende VT) erfordert detaillierte Diagnostik.
💡Praxis-Tipp
Achten Sie bei Sportlern mit arrhythmogener Kardiomyopathie (ACM) auf ein striktes Verbot von hochintensivem Sport – dies gilt ausdrücklich auch für rein genotypisch positive Patienten ohne Phänotyp!