Gliome: Leitlinie zur Diagnostik und Therapie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die gewebebasierte histomolekulare Klassifikation (inkl. IDH-Mutation, 1p/19q-Kodeletion) ist der diagnostische Standard.
- •Die MRT mit und ohne Kontrastmittel ist die diagnostische Methode der Wahl bei Verdacht auf ein Gliom.
- •Bei der operativen Resektion hat die Vermeidung neuer permanenter neurologischer Defizite Vorrang vor der Radikalität.
- •Standardtherapie des Glioblastoms (WHO-Grad 4) ist die Resektion gefolgt von Radiotherapie und Temozolomid-Chemotherapie.
- •Eine Pseudoprogression sollte bei einer Befundverschlechterung in der MRT innerhalb der ersten 12 Wochen nach Strahlentherapie bedacht werden.
Hintergrund
Gliome weisen eine Inzidenz von etwa 5–6/100.000 Einwohnern pro Jahr auf. Die aktuelle Diagnostik und Einteilung basiert auf der integrierten histomolekularen Klassifikation der WHO sowie den Empfehlungen des cIMPACT-NOW-Konsortiums. Die gewebebasierte histomolekulare Klassifikation ist der diagnostische Standard, auf den nur in sehr seltenen Ausnahmen verzichtet werden kann.
Diagnostik
Die Methode der Wahl bei Verdacht auf ein Gliom ist die Magnetresonanztomographie (MRT) ohne und mit Kontrastmittel.
- Verlaufskontrollen: Bei Vergrößerung der Raumforderung oder Zunahme der Kontrastmittelaufnahme innerhalb der ersten 12 Wochen nach Therapieabschluss muss differenzialdiagnostisch an eine Pseudoprogression gedacht werden.
- PET: Der Einsatz einer Aminosäure-PET (z. B. mit MET oder FET) kann zur Definition des Biopsieorts, der Bestrahlungsplanung und zur Differenzierung von Pseudoprogression sinnvoll sein.
- Liquordiagnostik: Hilfreich zur differenzialdiagnostischen Abgrenzung (z. B. Lymphom, Entzündung) oder bei meningealer Mitbeteiligung.
Molekulare Marker
Molekulare Parameter sind für die Diagnosestellung und Therapieplanung essenziell:
| Marker | Diagnostische / Prädiktive Rolle |
|---|---|
| IDH1/2-Mutation | Diagnostischer Marker für IDH-mutierte Gliome. |
| 1p/19q-Kodeletion | Diagnostisch für Oligodendrogliome (zusammen mit IDH-Mutation). |
| MGMT-Promotormethylierung | Prädiktiver Marker für das Ansprechen auf alkylierende Chemotherapie (z. B. Temozolomid), insbesondere beim Glioblastom. |
| BRAF-V600-Mutation | Häufig bei pleomorphen Xanthoastrozytomen; potenziell prädiktiv für BRAF-/MEK-Inhibitoren. |
| H3 K27M-Mutation | Diagnostischer Marker für diffuse Mittelliniengliome. |
Operative Therapie
Die Vermeidung neuer permanenter neurologischer Defizite hat Vorrang gegenüber der operativen Radikalität.
- Eine stereotaktische Biopsie ist indiziert, wenn eine offene Resektion nicht möglich ist oder das Interventionsrisiko zu hoch erscheint.
- Der Einsatz von intraoperativen neurophysiologischen Überwachungsverfahren (z. B. für Sprache/Motorik) und fluoreszenzgestützter Resektion (5-ALA) wird zur Verbesserung der Resektionsergebnisse empfohlen.
Stufenschema: Therapie nach WHO-Grad
Die Therapie richtet sich nach der histomolekularen Entität und dem WHO-Grad:
| WHO-Grad / Entität | Primärtherapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| WHO-Grad 1 (z. B. Pilozytisches Astrozytom) | Möglichst vollständige Resektion | Oft kurativ; Strahlentherapie nur bei Inoperabilität/Progredienz. |
| WHO-Grad 2 (IDH-mutiertes Astrozytom / Oligodendrogliom) | Resektion + Strahlentherapie + Chemotherapie (PCV oder Temozolomid) | Bei kleinen, asymptomatischen Tumoren (<40 Jahre) ggf. zunächst Verlaufsbeobachtung. |
| WHO-Grad 3 (IDH-mutiertes Astrozytom) | Resektion + Strahlentherapie + Temozolomid (bis 12 Zyklen) | Alleinige Radiotherapie ist der Standardtherapie nicht gleichwertig. |
| WHO-Grad 3 (Oligodendrogliom, 1p/19q-kodel.) | Resektion + Radiochemotherapie mit PCV | PCV 4–6 Zyklen vor oder nach der Strahlentherapie. |
| WHO-Grad 4 (Glioblastom, IDH-Wildtyp) | Resektion + Radiotherapie + Temozolomid (begleitend + 6 Zyklen erhaltend) | Bei älteren/vulnerablen Patienten ggf. hypofraktionierte RT + Temozolomid. TTF (Tumor Treating Fields) als Option. |
Medikamentöse Tumortherapie
Die Chemotherapie mit Alkylanzien ist für die meisten Patienten mit astrozytären und oligodendroglialen Tumoren Standard.
| Wirkstoff | Indikation | Bemerkung / Toxizität |
|---|---|---|
| Temozolomid | Glioblastom (WHO-Grad 4), Astrozytom (WHO-Grad 3) | Orales Alkylans; dosislimitierend ist oft die Myelosuppression (Thrombozytopenie). |
| PCV-Schema (Procarbazin, CCNU, Vincristin) | Oligodendrogliome, Astrozytome (WHO-Grad 2/3) | Verzögerte/kumulative Myelosuppression durch CCNU; Polyneuropathie durch Vincristin. |
| Lomustin (CCNU) | Rezidivtherapie (Glioblastom) | Häufig in Kombination mit Bevacizumab oder als Monotherapie. |
Begleitmedikation
- Kortikosteroide: Dexamethason ist das Mittel der Wahl bei tumorbedingtem Hirnödem (initial bis 40 mg i.v., dann 16 mg/d p.o.).
- Antiepileptika: Eine Primärprophylaxe ist nicht indiziert. Bei symptomatischen Anfällen werden Levetiracetam, Lacosamid oder Valproinsäure bevorzugt. Phenytoin wird nicht mehr empfohlen.
💡Praxis-Tipp
Vermeiden Sie eine primärprophylaktische Gabe von Antiepileptika bei anfallsfreien Gliom-Patienten. Denken Sie bei einer Befundverschlechterung im MRT innerhalb der ersten 12 Wochen nach Radiochemotherapie an eine Pseudoprogression, bevor Sie die Therapie abbrechen.