Fetale Alkoholspektrumstörungen (FASD): Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnostik der FASD stützt sich auf vier Säulen: Wachstumsauffälligkeiten, faziale Auffälligkeiten, ZNS-Auffälligkeiten und pränatale Alkoholexposition.
- •Zu den Fetalen Alkoholspektrumstörungen (FASD) gehören das Vollbild FAS, das partielle FAS (pFAS) und die alkoholbedingte entwicklungsneurologische Störung (ARND).
- •Bei Hyperaktivität und Impulsivität soll Kindern ab 6 Jahren mit FASD Methylphenidat angeboten werden.
- •Tiergestützte Therapien können zur Verbesserung der sozialen Fertigkeiten und der Lebensqualität angewendet werden.
- •Eine frühzeitige interdisziplinäre Diagnosestellung ist essenziell, um Sekundärerkrankungen zu reduzieren und individuelle Förderung zu initiieren.
Hintergrund
Mütterlicher Alkoholkonsum während der Schwangerschaft kann zu schweren Schäden beim ungeborenen Kind führen. Diese Schädigungen werden unter dem Begriff Fetale Alkoholspektrumstörungen (FASD) zusammengefasst. FASD entspricht einem hirnorganischen Psychosyndrom bzw. einer statischen Enzephalopathie. Obwohl die zerebrale Schädigung statisch ist, können Funktions- und Alltagsbeeinträchtigungen durch frühe Förderung positiv beeinflusst werden.
Schätzungen zufolge liegt die Inzidenz der FASD in Deutschland bei etwa 1,77 % der Lebendgeburten, die Prävalenz des Vollbildes FAS bei ca. 3,83 % in der Allgemeinbevölkerung. Dennoch wird das Krankheitsbild im Versorgungsalltag stark unterdiagnostiziert.
Klassifikation der FASD
Das Spektrum der alkoholbedingten Schädigungen wird in drei wesentliche Krankheitsbilder unterteilt:
| Krankheitsbild | Abkürzung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Fetales Alkoholsyndrom | FAS | Vollbild der Erkrankung |
| Partielles Fetales Alkoholsyndrom | pFAS | Teilweise Ausprägung der Symptomatik |
| Alkoholbedingte entwicklungsneurologische Störung | ARND | Fokus auf entwicklungsneurologische Defizite |
Diagnostik: Die 4 Säulen
Die Diagnose einer FASD sollte interdisziplinär gestellt werden. Sie stützt sich systematisch auf vier diagnostische Säulen:
| Säule | Kriterium | Inhalt |
|---|---|---|
| 1 | Wachstumsauffälligkeiten | Prä- und/oder postnatale Wachstumsstörungen (Gewicht, Länge, Kopfumfang) |
| 2 | Faziale Auffälligkeiten | Spezifische Gesichtsanomalien (z. B. kurze Lidachsen, schmales Oberlippenrot, verstrichenes Philtrum) |
| 3 | ZNS-Auffälligkeiten | Funktionelle und/oder strukturelle Störungen des Zentralnervensystems |
| 4 | Pränatale Alkoholexposition | Bestätigung des mütterlichen Alkoholkonsums in der Schwangerschaft |
Interventionen und Therapie
Die Wahl der Behandlung sollte individuell an die Stärken und Schwächen der Kinder und Jugendlichen angepasst werden und von einem definierten Interventionsziel ausgehen.
Medikamentöse Therapie
- Methylphenidat: Kindern ab 6 Jahren und Jugendlichen mit FASD und Hyperaktivität/Impulsivität soll eine Therapie mit Methylphenidat angeboten werden, um diese Symptome zu verbessern (Empfehlungsgrad A).
Nicht-medikamentöse Therapie
- Tiergestützte Therapie: Zur Verbesserung der sozialen Fertigkeiten, zur Reduktion von Problemverhalten und zur Steigerung der Lebensqualität können tiergestützte Therapien angewendet werden (Expertenkonsensus).
- Psychoedukation: Sorge- und Erziehungsberechtigten sollen Informationen in Gruppen-Workshops (Präsenz oder online) oder schriftlich zur Verfügung gestellt werden, um ihr Wissen über FASD zu verbessern (Empfehlungsgrad A).
- Erfahrungsaustausch: Ein Austausch unter Bezugspersonen unter Anleitung von Fachkräften sollte angeboten werden, um den Umgang mit dem erkrankten Kind zu verbessern (Expertenkonsensus).
💡Praxis-Tipp
Überweisen Sie Kinder bei Verdacht auf FASD frühzeitig an spezialisierte, interdisziplinäre Zentren (z. B. Sozialpädiatrische Zentren). Die formale Diagnose ist essenziell, um rechtzeitig Fördermaßnahmen einzuleiten und Sekundärerkrankungen zu vermeiden.