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Intelligenzminderung: S2k-Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Prävalenz der Intelligenzminderung liegt bei 0,6 bis 1,8 %, wobei Männer häufiger betroffen sind.
  • Menschen mit Intelligenzminderung haben ein stark erhöhtes Risiko für psychiatrische und somatische Komorbiditäten.
  • Eine ätiologische Abklärung (inklusive genetischer Stufendiagnostik) soll bei jedem Patienten zum frühestmöglichen Zeitpunkt erfolgen.
  • Die Diagnosestellung erfordert den klinischen Eindruck, eine standardisierte Intelligenztestung und die Erfassung des adaptiven Verhaltens.
  • Intelligenztests müssen aktuelle Normen (nicht älter als 10 Jahre) aufweisen und IQ-Werte unter 60 zuverlässig abbilden können.
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Hintergrund

Die Intelligenzminderung (IM) weist in der Allgemeinbevölkerung eine Prävalenz von 0,6 bis 1,8 % auf, wobei das männliche Geschlecht überwiegt. Menschen mit IM haben eine stark erhöhte Vulnerabilität für somatische und psychische Erkrankungen. Etwa 33,6 % der Erwachsenen mit IM erfüllen die Kriterien einer koexistenten psychischen Störung.

Starke Empfehlung: Da Menschen mit IM vulnerabler für somatische Erkrankungen und psychische Störungen sind, sollen diese sowohl in der Diagnostik als auch Therapie berücksichtigt werden.

Häufige Komorbiditäten umfassen:

  • Demenz: Besonders hohes Risiko bei Trisomie 21 (kumulatives Risiko von 90 % bei 65-Jährigen).
  • Schizophrene Psychosen: Bei Erwachsenen mit IM etwa fünfmal häufiger als in der Allgemeinbevölkerung.
  • Affektive Störungen: Häufigste komorbide psychische Störung im Erwachsenenalter (6,7 %).
  • Autismus-Spektrum-Störung (ASS): Liegt bei ca. 18 % der Kinder mit IM vor.
  • ADHS: Prävalenz bei Kindern mit IM zwischen 8 und 32,6 %.

Klassifikation der Intelligenzminderung

Die Schweregradeinteilung erfolgt traditionell nach ICD-10 anhand des Intelligenzquotienten (IQ), wobei neuere Klassifikationen (DSM-5, ICD-11) zunehmend das adaptive Funktionsniveau in den Vordergrund stellen.

SchweregradICD-10 CodeIQ-BereichIntelligenzalter (Erwachsene)
LeichtF7050-699 bis <12 Jahre
MittelgradigF7135-496 bis <9 Jahre
SchwerF7220-343 bis <6 Jahre
SchwerstF73<20<3 Jahre

Ätiologische Abklärung

Aufgrund vieler behandelbarer Ursachen soll eine ätiologische Abklärung bei Patienten mit IM immer und zum frühestmöglichen Zeitpunkt erfolgen.

Genetische und apparative Diagnostik

  • Genetik: Sofern sich aus Anamnese und Untersuchung kein spezifischer Verdacht ergibt, soll eine genetische Stufendiagnostik empfohlen werden (inkl. Next Generation Sequencing / Panel-Diagnostik). Ein Whole Exome Sequencing soll durchgeführt werden, wenn andere Verfahren keine Klärung brachten.
  • Stoffwechsel: Bei spezifischem Verdacht soll eine ausführliche Stoffwechseldiagnostik zum frühestmöglichen Zeitpunkt erfolgen.
  • Apparative Diagnostik: Eine EEG-Untersuchung soll bei Verdacht auf Anfallsereignisse durchgeführt werden und sollte auch ohne Anfallsereignisse erfolgen. Zudem sollte das Hör- und Sehvermögen abgeklärt werden.

Feststellung einer Intelligenzminderung

Die Diagnostik soll auf dem unmittelbaren klinischen Eindruck, der Durchführung standardisierter Verfahren zur Messung der Intelligenz und der Befragung von Bezugspersonen zum adaptiven Verhalten beruhen. Die Diagnosestellung sollte interdisziplinär erfolgen.

Anforderungen an Intelligenztests

Bei der Testauswahl sollen folgende Kriterien beachtet werden:

  • Eignung für Einzeltestungen mit entsprechenden Normen.
  • Reliabilität des Gesamtwertes von mindestens .90, Retest-Reliabilität mindestens .80.
  • Der Test darf keinen Bodeneffekt aufweisen und muss IQ-Werte unter 60 zulassen.
  • Testnormen dürfen nicht älter als 10 Jahre sein (Gefahr der Unterdiagnostizierung durch den Flynn-Effekt).
  • Der Patient muss über die notwendigen Zugangsfertigkeiten (Sehen, Hören, Motorik, Sprache) für den jeweiligen Test verfügen.

💡Praxis-Tipp

Führen Sie bei jedem Patienten mit Intelligenzminderung eine genetische Stufendiagnostik durch, auch wenn keine spezifischen syndromalen Auffälligkeiten vorliegen. Achten Sie bei der IQ-Testung zwingend darauf, dass die Testnormen nicht älter als 10 Jahre sind, um eine Unterdiagnostizierung durch den Flynn-Effekt zu vermeiden.

Häufig gestellte Fragen

Sehr häufig. Etwa 33,6 % der Erwachsenen mit Intelligenzminderung erfüllen die Kriterien einer koexistenten psychischen Störung, darunter affektive Störungen, Schizophrenie und Demenz.
Eine genetische Stufendiagnostik (inklusive Next Generation Sequencing) soll bei jedem Patienten zum frühestmöglichen Zeitpunkt erfolgen, sofern sich kein spezifischer Verdacht auf eine andere Ätiologie ergibt.
Tests müssen für Einzeltestungen geeignet sein, eine Reliabilität von mindestens .90 aufweisen, IQ-Werte unter 60 abbilden können und Normen besitzen, die nicht älter als 10 Jahre sind.
Nach ICD-10 liegt eine Intelligenzminderung bei einem IQ unter 70 vor, aufgeteilt in leicht (50-69), mittelgradig (35-49), schwer (20-34) und schwerst (<20). Zusätzlich muss das adaptive Verhalten eingeschränkt sein.

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