ADHS-Leitlinie: Diagnostik & Therapie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die weltweite Prävalenz liegt bei Kindern bei 5,3 % und bei Erwachsenen bei 2,5 %.
- •Symptome verändern sich altersabhängig: Hyperaktivität wandelt sich oft zu innerer Unruhe.
- •Für die Diagnose müssen funktionelle Beeinträchtigungen in mehreren Lebensbereichen vorliegen.
- •Nach DSM-5 reicht ab 17 Jahren das Vorliegen von 5 statt 6 Symptomen für die Diagnose.
- •Bis zu 85 % der Patienten weisen komorbide psychische Erkrankungen auf.
Hintergrund
Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine der häufigsten psychischen Störungen. Die weltweite Prävalenz liegt im Kindes- und Jugendalter bei 5,3 % und im Erwachsenenalter bei 2,5 %. Die Ätiologie ist multifaktoriell: Neben einer hohen Heritabilität (76 %) spielen Umweltfaktoren wie pränatale Nikotin- oder Alkoholexposition, Frühgeburtlichkeit und frühe psychosoziale Deprivation eine Rolle.
Altersabhängige Symptomatik
Die Kernsymptome verändern sich im Laufe der Entwicklung. Bei 50 bis 80 % der im Kindesalter Betroffenen persistieren die Symptome bis ins Erwachsenenalter.
- Vorschulalter: Ausgeprägte Bewegungsunruhe und Hyperaktivität stehen im Vordergrund.
- Schulalter: Unaufmerksamkeit fällt besonders im Unterricht auf.
- Jugend- und Erwachsenenalter: Hyperaktivität wandelt sich oft in innere Unruhe oder Fahrigkeit. Impulsivität geht zurück, verursacht aber weiterhin Alltagseinschränkungen.
Diagnostik und Klassifikation
Für die Diagnose müssen funktionelle Beeinträchtigungen in mehreren Lebensbereichen (z. B. Familie und Schule/Beruf) vorliegen. Die Klassifikationssysteme unterscheiden sich in wesentlichen Punkten:
| Merkmal | ICD-10 (Hyperkinetische Störung) | DSM-5 (ADHS) |
|---|---|---|
| Symptom-Voraussetzung | Alle 3 Kernsymptome (Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Impulsivität) müssen vorliegen | Subtypen möglich (vorwiegend unaufmerksam, hyperaktiv-impulsiv oder gemischt) |
| Symptomanzahl | 6 (Unaufmerksamkeit), 3 (Hyperaktivität), 1 (Impulsivität) | 6 Symptome (ab 17 Jahren genügen 5 Symptome) |
| Beginn der Störung | Vor dem 7. Lebensjahr | Vor dem 12. Lebensjahr |
| Autismus-Spektrum | Gilt als Ausschlusskriterium | Darf komorbid diagnostiziert werden |
Komorbiditäten
Bei bis zu 85 % der Betroffenen liegt mindestens eine komorbide psychische Erkrankung vor.
| Altersgruppe | Häufigste Komorbiditäten |
|---|---|
| Kinder | Oppositionelle Störung des Sozialverhaltens (50 %), Störung des Sozialverhaltens (30-50 %), Tic-Störungen (bis 30 %), Angststörungen (bis 25 %), Umschriebene Lernstörungen (10-25 %) |
| Erwachsene | Substanzabhängigkeit (Alkohol, Drogen, Nikotin), Affektive Störungen (Depression 10-78 %, Bipolar 3-14 %), Essstörungen, Adipositas |
Leitlinien-Empfehlung zur Diagnostik
- Empfehlungsgrad B (↑): Bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Entwicklungs-, Lern-, Leistungs- oder Verhaltensproblemen und Hinweisen auf Beeinträchtigungen der Aufmerksamkeit, Konzentration, Unruhe oder Impulsivität sollte die Möglichkeit einer ADHS in Betracht gezogen und eine entsprechende Abklärung veranlasst werden.
💡Praxis-Tipp
Achten Sie bei der Diagnostik darauf, dass die Symptome in mehr als einem Lebensbereich (z. B. Schule und Elternhaus) auftreten müssen. Bei Erwachsenen reicht nach DSM-5 bereits das Vorliegen von 5 statt 6 Symptomen für die Diagnosestellung.