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ADHS Leitlinie: Diagnostik und Klassifikation (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die weltweite Prävalenz von ADHS liegt bei Kindern bei ca. 5,3 % und bei Erwachsenen bei 2,5 %.
  • Nach ICD-10 müssen für die Diagnose alle drei Kernsymptome (Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Impulsivität) vorliegen.
  • Das DSM-5 erlaubt Subtypen, setzt den Symptombeginn auf vor das 12. Lebensjahr und fordert bei Erwachsenen nur noch 5 Symptome.
  • Bis zu 85 % der Patienten weisen Komorbiditäten auf, bei Kindern vor allem Störungen des Sozialverhaltens.
  • Die Diagnostik muss zwingend eine strukturierte Exploration, Verhaltensbeobachtung und eine körperlich-neurologische Untersuchung umfassen.
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Hintergrund

Die Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine der häufigsten psychischen Störungen. Die weltweite Prävalenz liegt im Kindes- und Jugendalter bei 5,3 %, in Deutschland bei etwa 5 %. Im Erwachsenenalter liegt die Prävalenz bei 2,5 %.

Die Ätiologie ist multifaktoriell. Eine hohe Heritabilität (76 %) belegt die starke genetische Komponente. Zudem spielen Umweltrisiken wie Nikotin- oder Alkoholexposition in der Schwangerschaft, Frühgeburtlichkeit, geringes Geburtsgewicht sowie psychosoziale Deprivation eine Rolle. Neurobiologisch zeigen sich bei Betroffenen ein vermindertes globales Gehirnvolumen (insbesondere der grauen Substanz) sowie funktionelle Besonderheiten wie eine frontale Hypoaktivität.

Symptomatik und Verlauf

Die Kernsymptome verändern sich altersabhängig:

  • Vorschulalter: Ausgeprägte Bewegungsunruhe und Hyperaktivität stehen im Vordergrund.
  • Schulalter: Unaufmerksamkeit fällt besonders im Unterricht auf, wenn ruhiges Sitzenbleiben gefordert ist.
  • Jugend- und Erwachsenenalter: Hyperaktivität wandelt sich oft in innere Unruhe oder Fahrigkeit. Die Aufmerksamkeitsspanne bleibt im Vergleich zu Gleichaltrigen reduziert.

Etwa 50 bis 80 % der im Kindesalter Betroffenen weisen auch als Erwachsene noch Symptome auf, ein Drittel zeigt das Vollbild der Störung.

Klassifikation: ICD-10 vs. DSM-5

Die Klassifikationssysteme unterscheiden sich in der Definition und den Kriterien der Störung:

KriteriumICD-10 (Hyperkinetische Störung F90.0)DSM-5 (ADHS)
KernsymptomeAlle drei Symptome (Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Impulsivität) müssen vorliegen.Drei Erscheinungsbilder möglich (vorwiegend unaufmerksam, hyperaktiv-impulsiv oder gemischt).
SymptomanzahlFestgelegte Kriterien für Kinder.Bei Erwachsenen (ab 17 J.) reichen 5 statt 6 Symptome.
SymptombeginnVor dem 7. Lebensjahr.Vor dem 12. Lebensjahr.
AusschlusskriterienTiefgreifende Entwicklungsstörungen (Autismus) schließen Diagnose aus.Autismus-Spektrum-Störung ist kein Ausschlusskriterium mehr.

Komorbiditäten

Bis zu 85 % der ADHS-Patienten haben eine komorbide psychische Erkrankung, 60 % weisen multiple Komorbiditäten auf.

AltersgruppeHäufige Komorbiditäten
KinderOppositionelle Störungen des Sozialverhaltens (50 %), Störung des Sozialverhaltens (30-50 %), Tic-Störungen (bis 30 %), Angststörungen (bis 25 %), Depressionen (15-20 %), Umschriebene Lernstörungen (10-25 %).
ErwachseneSubstanzabhängigkeit (Rauchen, Alkohol, Drogen), Affektive Störungen (Unipolare Depression 10-78 %, Bipolare Störung 3-14 %), Essstörungen.

Diagnostik-Empfehlungen

Die Leitlinie gibt klare Empfehlungen zur Diagnosestellung:

  • Indikation (Empfehlungsgrad B, ↑): Bei Entwicklungs-, Lern-, Leistungs- oder Verhaltensproblemen mit Hinweisen auf Aufmerksamkeitsdefizite, Unruhe oder Impulsivität sollte eine ADHS-Abklärung erfolgen.
  • Qualifikation (Expertenkonsens): Bei Kindern durch Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten oder erfahrene Pädiater. Bei Erwachsenen durch Fachärzte für Psychiatrie, Neurologie, Psychosomatik oder Psychotherapeuten.
  • Routinediagnostik (Expertenkonsens): Die Diagnose soll basieren auf:
    • Strukturierter Exploration des Patienten und der Bezugspersonen (Symptomatik in verschiedenen Lebensbereichen, Funktionsbeeinträchtigung, Familienanamnese).
    • Verhaltensbeobachtung (bei Kindern inkl. Eltern-Kind-Interaktion).
    • Psychopathologischer Beurteilung.
    • Körperlicher und neurologischer Untersuchung.
  • Selbsteinschätzung (Expertenkonsens): Das Erleben des Patienten sollte zur Beurteilung der klinischen Bedeutsamkeit berücksichtigt werden.
  • Fragebögen (Expertenkonsens): Sind hilfreich zur vertieften Exploration, die Diagnose darf aber nicht ausschließlich darauf basieren.
  • Testpsychologie (Expertenkonsens): Psychologische Tests sollen nicht als alleinige Grundlage für Diagnose oder Ausschluss dienen, sind aber bei spezifischen Fragestellungen (z.B. Intelligenzminderung, Lernstörungen) notwendig.

💡Praxis-Tipp

Stützen Sie eine ADHS-Diagnose niemals allein auf Fragebögen oder psychologische Tests. Eine strukturierte Exploration verschiedener Lebensbereiche (Familie, Schule, Beruf) sowie eine körperlich-neurologische Untersuchung sind zwingend erforderlich.

Häufig gestellte Fragen

Bei Kindern Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, erfahrene Pädiater oder psychologische Psychotherapeuten. Bei Erwachsenen Fachärzte für Psychiatrie, Neurologie oder Psychosomatik.
Nach ICD-10 müssen alle drei Kernsymptome vorliegen. Das DSM-5 erlaubt Subtypen, setzt den Symptombeginn auf vor das 12. Lebensjahr und fordert bei Erwachsenen nur noch fünf statt sechs Symptome.
Etwa 50 bis 80 % der im Kindesalter Betroffenen weisen auch als Erwachsene noch ADHS-Symptome auf, ein Drittel zeigt das Vollbild der Störung.
Bis zu 85 % haben Komorbiditäten. Bei Kindern sind dies vor allem oppositionelle Störungen des Sozialverhaltens (50 %), bei Erwachsenen häufig Substanzabhängigkeiten und affektive Störungen.

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