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Hodenhochstand (Maldescensus testis): Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Behandlung des Hodenhochstands muss bis zur Vollendung des 12. Lebensmonats abgeschlossen sein.
  • In den ersten 6 Lebensmonaten wird auf einen spontanen Deszensus gewartet.
  • Eine Hormontherapie ist nur beim Gleithoden indiziert und nach dem 1. Lebensjahr streng kontraindiziert.
  • Bei nicht tastbaren Hoden ist die Laparoskopie der diagnostische Goldstandard.
  • Patienten haben ein 2,75- bis 8-fach erhöhtes Risiko für Hodentumoren und sollten ab 15 Jahren zur Selbstuntersuchung angeleitet werden.
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Hintergrund

Der Hodenhochstand (Maldescensus testis) ist mit einer Häufigkeit von 0,7–3 % bei Reifgeborenen (bis zu 30 % bei Frühgeborenen) die häufigste kongenitale Anomalie des Urogenitaltrakts. Ein spontaner Deszensus ist in den ersten 6 Lebensmonaten noch möglich (ca. 7 % der Fälle).

Behandlungsziel ist die Verlagerung des Hodens in das Skrotum bis zur Vollendung des 12. Lebensmonats (bei Frühgeborenen gilt das korrigierte Alter). Dies verhindert Sekundärschäden, verbessert das Hodenwachstum, schützt die Keimzellen und senkt das Risiko einer späteren malignen Entartung.

Formen des Hodenhochstands

Der Begriff Kryptorchismus beschreibt allgemein den nicht tastbaren Hoden. Die Leitlinie unterscheidet folgende Entitäten:

FormLokalisationKlinische Eigenschaft
BauchhodenIntraabdominellNicht tastbar
LeistenhodenLeistenkanalNicht ins Skrotum verlagerbar
GleithodenPräskrotalIns Skrotum luxierbar, gleitet aber sofort zurück
HodenektopieAußerhalb des normalen DeszensuswegsHäufigste Form: inguinal-epifasziale Ektopie (ca. 70 %)
PendelhodenSkrotal oder präskrotalNormvariante; spannungsfrei verlagerbar, bleibt bis zum nächsten Kremasterreflex im Skrotum

Hinweis: Der Pendelhoden bedarf keiner primären Therapie, muss aber jährlich kontrolliert werden, da in 2–45 % der Fälle eine sekundäre Aszension im Wachstumsverlauf auftritt.

Diagnostik

Die Basisdiagnostik besteht aus Inspektion und bimanueller Palpation in warmer, entspannter Umgebung (bevorzugt in sitzender Position).

  • Sonographie: Bei klinisch nicht palpablem Hoden zur Objektivierung der Hodenlage (hilft bei der Entscheidung zwischen offener oder laparoskopischer OP).
  • Endokrinologie: Bei beidseitig nicht tastbaren und sonographisch nicht darstellbaren Hoden. Vor einer OP muss Testosteron-produzierendes Gewebe nachgewiesen werden (einmalige Messung von Inhibin-B oder hCG-Stimulationstest).
  • Laparoskopie: Indiziert bei nicht tastbaren Hoden. Erlaubt die Beurteilung von Lage und Morphologie und ermöglicht oft die direkte therapeutische Intervention.

Therapie-Algorithmus

Die Therapie richtet sich streng nach dem Alter des Kindes:

AlterMaßnahmeBemerkung
0–6 MonateZuwartenSpontaner Deszensus möglich
6–12 MonateHormontherapie oder OperationAbschluss der Behandlung bis zum 1. Geburtstag
> 12 MonateAusschließlich OperationHormontherapie kontraindiziert!

Konservative Therapie (Hormontherapie)

Eine Hormontherapie wird ausschließlich beim Gleithoden empfohlen. Die Erfolgsrate liegt bei ca. 20 %.

  • Optionen: GnRH (Nasenspray über 4 Wochen) oder hCG (Injektion über 3 Wochen).
  • WICHTIG: Nach dem ersten Lebensjahr darf keine Hormontherapie mehr durchgeführt werden, da histologische Studien vermehrte Apoptose und Entzündungszeichen der Keimzellen unter hCG-Gabe nach dem 1. Geburtstag zeigen.

Operative Therapie

Die operative Therapie ist die Standardbehandlung für alle Formen außer dem hormonell behandelbaren Gleithoden.

  • Tastbarer Leistenhoden: Inguinale Orchidolyse und spannungsfreie Pexie in einer subkutanen Skrotaltasche.
  • Nicht tastbarer Hoden (Laparoskopie):
    • Hoden nahe dem Leistenring: Einzeitige laparoskopische oder inguinale Orchidopexie.
    • Hoden > 3 cm vom inneren Leistenring entfernt: Zweizeitiges Vorgehen nach Fowler-Stephens (1. Schritt: laparoskopische Gefäßligatur; 2. Schritt nach 6 Monaten: Orchidopexie).
    • Blind endende Gefäße (Vanishing testis): Beendigung der Laparoskopie, ggf. kontralaterale Pexie diskutieren.

Nachsorge und Langzeitfolgen

Postoperativ erfolgen Kontrollen nach 2 Wochen (Wunde/Lage) sowie nach 3 und 6 Monaten (Größe/Lage, ggf. Sonographie). Bei Normalbefund vierteljährliche Kontrollen bis ein Jahr postoperativ.

  • Karzinomrisiko: Das Risiko für eine maligne Entartung ist 2,75- bis 8-fach erhöht. Jungen müssen ab dem 15. Lebensjahr zur regelmäßigen Selbstuntersuchung angehalten werden.
  • Fertilität: Bei einseitigem Hodenhochstand ist die Vaterschaftsrate nahezu normal (ca. 90 %). Bei beidseitigem Hochstand ist sie deutlich reduziert (ca. 65 %).

💡Praxis-Tipp

Führen Sie nach dem 1. Geburtstag niemals eine Hormontherapie durch, da dies die Keimzellen nachweislich schädigen kann. Pendelhoden erfordern keine Therapie, müssen aber wegen der Gefahr einer sekundären Aszension zwingend jährlich kontrolliert werden.

Häufig gestellte Fragen

Die Behandlung (konservativ oder operativ) muss zwingend bis zur Vollendung des 12. Lebensmonats abgeschlossen sein, um Sekundärschäden am Hoden zu vermeiden.
Eine Hormontherapie (GnRH oder hCG) wird laut Leitlinie nur beim Gleithoden im Zeitfenster zwischen dem 6. und 12. Lebensmonat empfohlen.
Es sollte eine endokrinologische Abklärung (Inhibin-B-Bestimmung oder hCG-Stimulationstest) erfolgen, um Hodengewebe nachzuweisen, gefolgt von einer diagnostischen Laparoskopie.
Das Risiko für eine maligne Entartung ist im Erwachsenenalter um das 2,75- bis 8-fache erhöht. Patienten sollten ab dem 15. Lebensjahr zur monatlichen Selbstuntersuchung angeleitet werden.

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