Interstitielle Zystitis (IC/BPS): Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •IC/BPS wird in Hunner-Typ (HIC), Nicht-Hunner-Typ (NHIC) und das Blasenschmerzsyndrom (BPS) unterteilt.
- •Frauen sind etwa neunmal häufiger von der Erkrankung betroffen als Männer.
- •Patienten haben ein 6-fach höheres Risiko für ein Harnblasenkarzinom; regelmäßige Zystoskopien sind obligat.
- •Häufige Komorbiditäten umfassen Reizdarmsyndrom, Fibromyalgie, Endometriose und psychische Erkrankungen.
- •Die Ätiologie ist multifaktoriell und umfasst Urotheldefekte, neuronale Überaktivität und Beckenbodendysfunktionen.
Hintergrund
Die Interstitielle Zystitis (IC) und das Blasenschmerzsyndrom (BPS) werden unter dem Überbegriff IC/BPS zusammengefasst. Es handelt sich um chronische Erkrankungen der Harnblase, die mit Schmerzen, Druckgefühl und Harndrang einhergehen. Während bei der IC entzündliche Veränderungen vorliegen, fehlen diese beim BPS.
Klassifikation und Histopathologie
Die Erkrankung wird anhand zystoskopischer und histopathologischer Befunde unterteilt:
| Merkmal | Hunner-Typ IC (HIC) | Nicht-Hunner-Typ IC (NHIC) | Blasenschmerzsyndrom (BPS) |
|---|---|---|---|
| Endoskopie | Hunner-Läsionen | Entzündungen, teils Glomerulationen | Keine pathologischen Veränderungen |
| Entzündung | Vorhanden (Lymphozyten/Plasmazellen) | Nur gering | Nicht vorhanden |
| Urothel | Häufig denudiert/defekt | Meist erhalten | Alle Schichten erhalten |
| Lymphoide Follikel | Oft vorhanden | Selten | Nicht vorhanden |
Epidemiologie und Lebensqualität
Frauen sind etwa neunmal häufiger betroffen als Männer. Die Erkrankung führt zu massiven Einschränkungen der Lebensqualität:
| Bereich | Prävalenz bei Betroffenen |
|---|---|
| Gravierende Alltagsprobleme | 80% |
| Sexuelle Dysfunktion | bis zu 90% |
| Existenzielle Probleme | 40% |
Die Auswirkungen der IC/BPS sollen erfragt und bei der Therapie berücksichtigt werden.
Komorbiditäten
Patienten mit IC/BPS leiden signifikant häufiger an nichtharnblasenassoziierten Begleiterkrankungen. Bei Erstdiagnose und im Verlauf soll nach somatischen und psychosozialen Komorbiditäten gefragt werden.
Zu den häufigsten Komorbiditäten zählen:
- Reizdarmsyndrom (ca. 35%)
- Fibromyalgie (ca. 35%)
- Allergien (20-60%)
- Autoimmunerkrankungen (ca. 20%)
- Endometriose (bis zu 48% bei chronischem Beckenschmerz)
- Psychische Erkrankungen (Depressionen, Angststörungen)
Bei Frauen sollte im Verlauf eine kardiologische Abklärung erfolgen, da ein erhöhtes Risiko für eine koronare Herzkrankheit besteht.
Malignomrisiko
Patienten mit IC/BPS haben ein 6-fach höheres Risiko für die Entwicklung eines Harnblasenkarzinoms und ein 2-fach höheres Risiko für Urothelkarzinome des oberen Harntrakts.
- Zum Ausschluss einer malignen Neoplasie soll zu Beginn und im Verlauf eine Zystoskopie (ggf. mit Biopsie) erfolgen.
- Das erhöhte Risiko soll bei der Überwachung berücksichtigt werden.
- Patienten sollen auf dieses Risiko hingewiesen werden.
Ätiopathogenese
Die genauen Ursachen der IC/BPS sind noch nicht vollständig geklärt. Die Leitlinie nennt mehrere zentrale Hypothesen und Faktoren:
- Urotheldysfunktion: Ein defektes Urothel (besonders bei HIC) lässt toxische Urinbestandteile eindringen, was Schmerz und Entzündung auslöst.
- Beckenbodendysfunktion: 50-87% der Patienten zeigen einen erhöhten Beckenbodentonus oder myofasziale Schmerzpunkte. Patienten sollen hinsichtlich dieser Dysfunktionen untersucht werden.
- Neuronale Überaktivität: Eine Hyperexzitabilität des Nervensystems und eine Hyperinnervation (vermehrte C-Fasern) tragen zum neuropathischen Schmerz bei.
- Entzündung und Mastzellen: Chronische Entzündungsinfiltrate sind typisch. Eine erhöhte Mastzellzahl im Detrusor allein ist kein sicheres Diagnosekriterium mehr, jedoch ist die subepitheliale Lokalisation charakteristisch für HIC.
- Genetik und Inflammasome: Es gibt Hinweise auf familiäre Häufungen und eine Beteiligung von Inflammasomen (z.B. NLRP3) an der Aufrechterhaltung der Entzündung.
💡Praxis-Tipp
Achten Sie bei Patientinnen mit chronischen Blasenbeschwerden aktiv auf Komorbiditäten wie Reizdarmsyndrom oder Fibromyalgie und führen Sie zum Malignomausschluss regelmäßig eine Zystoskopie durch.