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Peripartale Blutungen (PPH): AWMF-Leitlinie

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Eine PPH ist definiert als Blutverlust ≥ 500 ml (vaginal) bzw. ≥ 1000 ml (Sectio) oder bei einem Schock-Index > 0,9.
  • Die Ursachen werden nach den 4 T's eingeteilt: Tonus, Tissue, Trauma und Thrombin.
  • Die Vaginalsonographie ist der Goldstandard zur Diagnose einer Placenta praevia.
  • Die aktive Leitung der Plazentarperiode (AMTSL) senkt das PPH-Risiko um bis zu 66 %.
  • Zur medikamentösen Prophylaxe werden Oxytocin (3-5 IE) oder Carbetocin (100 µg) empfohlen.
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Hintergrund

Die postpartale Hämorrhagie (PPH) betrifft 1-3 % aller Entbindungen und ist eine der Hauptursachen der Müttersterblichkeit. Ein Großteil der maternalen Todesfälle ist durch ein standardisiertes Management und frühzeitige Erkennung vermeidbar. Oft wird der tatsächliche Blutverlust bei visueller Beurteilung um 30-50 % unterschätzt.

Definition und Ursachen

Eine PPH wird anhand des Blutverlustes oder klinischer Symptome definiert:

  • Vaginale Geburt: Blutverlust ≥ 500 ml
  • Sectio caesarea: Blutverlust ≥ 1000 ml
  • Klinisch: Unabhängig vom sichtbaren Blutverlust muss bei Zeichen eines hämorrhagischen Schocks (Schock-Index > 0,9) von einer PPH ausgegangen werden.

Die Ursachen der PPH werden international nach den sogenannten "4 T's" eingeteilt:

Ursache (T)BedeutungHäufige Auslöser
TonusUterusatonieIdiopathisch (>80 %), Überdehnung (Makrosomie, Mehrlinge), lange Geburt
TissuePlazentarestePlazentaretention, Placenta Accreta Spektrum (PAS)
TraumaGeburtsverletzungenDammriss, Episiotomie, Uterusruptur
ThrombinGerinnungsstörungenPräeklampsie, HELLP, Fruchtwasserembolie, von-Willebrand-Syndrom

Risikofaktoren

Obwohl die Mehrzahl der betroffenen Frauen keine Risikofaktoren aufweist, gibt es bekannte Prädiktoren, die eine frühzeitige Planung erfordern:

RisikofaktorErhöhtes Risiko für PPH
Placenta praeviaStark erhöht (OR bis 15,9)
PlazentaretentionStark erhöht (OR bis 16,0)
Z.n. Sectio caesareaErhöht (Risiko steigt mit Anzahl der Sectiones)
Adipositas (BMI > 35)Moderat erhöht

Diagnostik von Plazentationsstörungen

Besonders bei anamnestischen Risiken (Voroperationen, Z.n. Sectio) soll an eine Implantationsstörung wie das Placenta Accreta Spektrum (PAS) gedacht werden.

  • Ultraschall: Die Vaginalsonographie ist der Goldstandard zur Diagnose einer Placenta praevia (Sensitivität 87,5 %). Bei Verdacht auf PAS soll eine differenzierte Ultraschalluntersuchung erfolgen.
  • Zervixlänge: Eine kurze Zervix (< 31 mm) vor 34+0 SSW bei Placenta praevia erhöht das Risiko für eine Notsectio und massive Blutung signifikant.
  • MRT: Eine MRT-Untersuchung ist keine Routineuntersuchung, kann aber bei inkonklusiven Befunden Zusatzinformationen liefern. Gadolinium-Kontrastmittel sollen nicht routinemäßig eingesetzt werden.
  • Biomarker: Der Einsatz von Biomarkern soll ausschließlich im Rahmen von Studien erfolgen.

Prävention der PPH

Die aktive Leitung der Plazentarperiode (AMTSL) verringert das Risiko einer PPH um bis zu 66 % und soll bei jeder Geburt empfohlen werden.

  • Abnabeln: Frühzeitiges Abklemmen und kontrollierter Zug an der Nabelschnur haben keinen präventiven Effekt und sind zu unterlassen.
  • Medikamentöse Prophylaxe: Die prophylaktische Gabe von Uterotonika ist die entscheidende Maßnahme.
WirkstoffDosierungApplikationBemerkung
Oxytocin3-5 IEi.v. (Kurzinfusion) oder i.m.Standardprophylaxe, kurz wirksam
Carbetocin100 µgi.v. (Kurzinfusion) oder i.m.Länger anhaltende Wirksamkeit, Einmalgabe

Beide Medikamente sollen bei intravenöser Gabe langsam als Kurzinfusion verabreicht werden, um einen Blutdruckabfall und Reflextachykardien zu vermeiden.

💡Praxis-Tipp

Verlassen Sie sich nicht allein auf die visuelle Schätzung des Blutverlustes, da dieser oft um 30-50 % unterschätzt wird. Berechnen Sie frühzeitig den Schock-Index (Herzfrequenz / systolischer Blutdruck) – ein Wert > 0,9 weist auf eine PPH hin.

Häufig gestellte Fragen

Von einer PPH spricht man bei einem Blutverlust von ≥ 500 ml nach einer vaginalen Geburt oder ≥ 1000 ml nach einer Sectio caesarea. Unabhängig davon definiert ein Schock-Index > 0,9 ebenfalls eine PPH.
Die Ursachen werden nach den '4 T's' eingeteilt: Tonus (Uterusatonie), Tissue (Plazentareste), Trauma (Geburtsverletzungen) und Thrombin (Gerinnungsstörungen). Die Uterusatonie ist für über 80 % der Fälle verantwortlich.
Zur medikamentösen Prophylaxe werden Oxytocin (3-5 IE) oder Carbetocin (100 µg) empfohlen. Beide können als Kurzinfusion oder intramuskulär verabreicht werden.
Nein, der Goldstandard ist die Vaginalsonographie. Ein MRT sollte nur bei unklaren Ultraschallbefunden (z.B. bei Hinterwandplazenta oder Adipositas) als Zusatzuntersuchung erwogen werden.
Nein. Ein frühzeitiges Abklemmen der Nabelschnur hat keinen Effekt zur Verminderung der PPH, kann dem Neugeborenen schaden und ist daher zu unterlassen.

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