Schulterdystokie: S2k-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Schulterdystokie ist ein unvorhersehbarer und nicht vollständig vermeidbarer geburtshilflicher Notfall.
- •Eine primäre Sectio wird bei Nicht-Diabetikerinnen ab 5.000 g und bei Diabetikerinnen ab 4.500 g Schätzgewicht empfohlen.
- •Fundaler Druck und forcierte Traktion am kindlichen Kopf sind bei einer Schulterdystokie absolut kontraindiziert.
- •First-Line-Manöver wie das McRoberts- oder Gaskin-Manöver haben keine feste Reihenfolge und werden situativ angewandt.
Hintergrund
Die Schulterdystokie ist ein seltener (Inzidenz ca. 0,2–3 %), unvorhersehbarer und nicht vollständig vermeidbarer geburtshilflicher Notfall. Es handelt sich um einen akut auftretenden Geburtsstillstand nach Austritt des kindlichen Kopfes. Geburtsmechanisch werden zwei Varianten unterschieden:
- Hoher Schultergeradstand: Die Schultern treten nicht in den Beckeneingang ein. Der Kopf wird über den Damm geboren und zieht sich gleich danach zurück (Schildkrötenphänomen / Turtle-Sign).
- Tiefer Schulterquerstand: Fehlende Rotation in der Beckenhöhle. Die Schultern bleiben auf Höhe der Spinae ischiadicae hängen.
Nach dem Austritt des kindlichen Kopfes sollte die physiologische Rotation der Schultern bis zur nächsten Wehe abgewartet werden, um nicht durch forcierte Kindsentwicklung eine Schulterdystokie zu provozieren.
Risikofaktoren
Eine zuverlässige Prädiktion ist nicht möglich, da die Hälfte der Ereignisse ohne bekannte Risikofaktoren eintritt. Dennoch gibt es assoziierte Faktoren:
| Präpartale Risiken | Intrapartale Risiken |
|---|---|
| Zustand nach Schulterdystokie | Prolongierte Eröffnungsperiode |
| Makrosomie > 4.500 g | Geburtsstillstand |
| Diabetes mellitus | Protrahierte Austrittsphase |
| Maternale Adipositas (BMI ≥ 30) | Oxytocin-Gabe |
| Geburtseinleitung | Vaginal-operative Geburt |
| Übertragung > 42+0 SSW | Periduralanästhesie |
Prävention und Geburtsplanung
Die Diagnose einer kindlichen Makrosomie kann erst postnatal sicher gestellt werden. Pränatal ist der Ultraschall die beste Methode zur Prädiktion, wobei das Gewicht makrosomer Kinder oft unterschätzt wird.
| Situation | Empfehlung zum Geburtsmodus |
|---|---|
| Schätzgewicht > 4.250 g | Schwangere sollten über das erhöhte Risiko informiert werden. Individuelle Entscheidung. |
| Schätzgewicht ≥ 4.500 g (mit Diabetes) | Eine primäre Sectio caesarea soll angeboten werden. |
| Schätzgewicht ≥ 5.000 g (ohne Diabetes) | Eine primäre Sectio caesarea soll angeboten werden. |
| Z.n. Schulterdystokie | Wiederholungsrisiko 10-15 %. Ab 4.000 g Schätzgewicht sollte eine Sectio angeboten werden. |
Akutmanagement und Logistik
Da das Behandlungszeitfenster eng ist (ca. 5 Minuten bis zur möglichen Asphyxie), ist ein schnelles, strukturiertes Vorgehen essenziell. Die Leitung der Geburt soll die erfahrenste anwesende Fachperson übernehmen.
Folgende Sofortmaßnahmen sollen durchgeführt werden:
- Kommunikation der Notfallsituation und Alarmierung weiterer Fachkräfte (Neonatologie, Anästhesie).
- Gebärende auffordern, nicht weiter zu pressen und ruhig zu atmen.
- Laufende Oxytocininfusion abstellen.
- Bei Wassergeburt: Wanne umgehend verlassen.
- Jede Form von fundalem Druck soll unterlassen werden.
- Forcierte Traktion am Kopf oder äußere Überdrehung des Kopfes ist kontraindiziert.
- Entleerung der Harnblase (falls möglich/erforderlich).
First-Line-Manöver
Die First-Line-Manöver unterliegen keiner festen Reihenfolge und werden der Situation entsprechend gewählt. Ziel ist es, den Bezug der kindlichen Schulter zum mütterlichen Becken zu verändern.
| Manöver | Durchführung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Gaskin-Manöver | Gebärende begibt sich in den Vierfüßlerstand (auf Knie und Hände/Unterarme gestützt). | Hohe Erfolgsrate bei mobilen Gebärenden, benötigt nur eine Hilfsperson. |
| Klassisches McRoberts-Manöver | Einmalige maximale Beugung der Beine im Hüftgelenk in Rückenlage. | Führt zur Begradigung des Os sacrum. Kann mit suprapubischem Druck kombiniert werden. |
| Modifiziertes McRoberts-Manöver | Zyklisches Beugen und Strecken der Beine (dreimal hintereinander). | Weitet den Beckeneingang und -ausgang. Im deutschsprachigen Raum verbreitet. |
Hinweis: Wenn sich die Schulter nicht löst, kann während der maximalen Hüftflexion beim McRoberts-Manöver ein suprapubischer Druck ausgeübt werden.
💡Praxis-Tipp
Stoppen Sie bei Erkennen einer Schulterdystokie sofort eine laufende Oxytocin-Infusion, unterlassen Sie jeglichen fundalen Druck und fordern Sie die Gebärende auf, nicht weiter zu pressen.