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Infektiologie bei minderjährigen Flüchtlingen (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Ein Differentialblutbild, Tuberkulose-Screening (bevorzugt IGRA) und Hepatitis-B-Serologie (HBsAg) werden für alle minderjährigen Flüchtlinge empfohlen.
  • Ein routinemäßiger Röntgen-Thorax zum Tuberkulose-Ausschluss ist bei Kindern unter 15 Jahren obsolet.
  • Spezifische Screenings (HCV, HIV, Schistosomiasis, Chagas) erfolgen herkunfts- und risikoabhängig.
  • Routine-Stuhluntersuchungen auf Darmparasiten werden ohne klinischen Verdacht nicht empfohlen.
  • Der Impfstatus soll frühzeitig überprüft und prioritär (v.a. MMR-V) vervollständigt werden.
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Hintergrund

Minderjährige Flüchtlinge stellen eine besonders vulnerable Gruppe dar. Ziel der infektiologischen Versorgung ist es, einen unvollständigen Impfschutz frühzeitig zu erkennen, übliche Infektionen zu behandeln und in Deutschland seltene, importierte Erkrankungen rechtzeitig zu diagnostizieren.

Generell empfohlene Basisdiagnostik

Für alle minderjährigen Flüchtlinge wird zeitnah nach Ankunft folgende Basisdiagnostik empfohlen:

UntersuchungZiel/IndikationBemerkung
DifferentialblutbildAnämie, EosinophilieHäufigste Ursachen für Anämien: Eisenmangel, Hämoglobinopathien, Parasitosen.
Tuberkulose-ScreeningLatente oder aktive TBBevorzugt IGRA. Bei Kindern <5 Jahren alternativ Tuberkulin-Hauttest (THT).
Hepatitis B (HBsAg)Chronische HBV-InfektionAuch bei Schwangeren. Bei Nachweis: Mitbehandlung und Umgebungsuntersuchung.
  • Wichtig zur Tuberkulose: Eine routinemäßige Röntgenuntersuchung des Thorax zum TB-Ausschluss ist bei Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren aufgrund der Strahlenbelastung und niedrigen Sensitivität abzulehnen. Ein Röntgen erfolgt nur bei positivem Immuntest oder klinischem Verdacht.

Herkunfts- und indikationsabhängige Diagnostik

Je nach Herkunftsland und Risikoprofil sind weitere gezielte Screenings indiziert:

ErkrankungDiagnostikIndikation / Risikogruppe
Hepatitis CAnti-HCVHochprävalenzgebiete (Afrika, Naher/Mittlerer Osten, Osteuropa).
HIVHIV1/2-SuchtestSub-Sahara Afrika, Osteuropa, Schwangere, unbegleitete Minderjährige.
SchistosomiasisSerologieSub-Sahara Afrika, Gebiete entlang des Nils.
StrongyloidoseSerologieVor geplanter Immunsuppression, bei Eosinophilie (Herkunft: Afrika, Asien, Lateinamerika).
Chagas-KrankheitSerologie (T. cruzi)Lateinamerika (insb. Bolivien), junge Frauen im gebärfähigen Alter.

Nicht empfohlene Routine-Untersuchungen

Folgende Untersuchungen sollen nicht routinemäßig bei asymptomatischen Patienten durchgeführt werden:

  • Stuhluntersuchungen auf Darmparasiten: Nur bei klinischem Verdacht (z.B. chronische Diarrhö, Gedeihstörung, Eosinophilie). Keine präemptive antihelmintische Therapie!
  • Syphilis (Treponema pallidum): Kein generelles Screening (außer bei Schwangeren gemäß Mutterschafts-Richtlinien).
  • Zystizerkose & Zystische Echinokokkose: Kein Screening bei asymptomatischen Kindern.

Impfungen

Ein fehlender oder unvollständiger Impfschutz soll rasch nachgeholt werden. Ohne offizielle Dokumente gelten Kinder als ungeimpft (Titer-Bestimmungen werden nicht empfohlen).

Priorisierung bei Gemeinschaftsunterbringung:

  • Erste Priorität: MMR-V (ab 9 Monaten)
  • Zweite Priorität: DTaP-IPV-Hib-HBV (Sechsfachimpfung bei <5 Jahren) bzw. Tdap-IPV (ab 5 Jahren)
  • Weitere: Pneumokokken, Meningokokken, HPV, Rotavirus (altersentsprechend)

MRE-Screening vor stationärer Aufnahme

Ein Screening auf multiresistente Erreger (MRSA, MRGN) ist vor einem Krankenhausaufenthalt indiziert bei:

  • Krankenhausaufenthalt oder wiederholtem Kontakt zum Gesundheitssystem im Herkunftsland/Transit in den letzten 12 Monaten
  • Bekannter früherer Kolonisierung/Infektion mit MRE
  • Chronischen Wunden oder Hautläsionen
  • Kontakt zu vulnerablen Mitpatienten (Intensiv, Onkologie) UND Fluchtanamnese in den letzten 3 Monaten oder Unterbringung in Gemeinschaftseinrichtung

💡Praxis-Tipp

Verzichten Sie bei asymptomatischen Kindern unter 15 Jahren auf einen routinemäßigen Röntgen-Thorax zum Tuberkulose-Ausschluss. Nutzen Sie stattdessen immunologische Tests (bevorzugt IGRA).

Häufig gestellte Fragen

Ein Differentialblutbild sowie ein Screening auf Tuberkulose (IGRA/THT) und Hepatitis B (HBs-Antigen).
Nein, ein generelles Screening auf Darmparasiten wird nicht empfohlen. Eine gezielte Diagnostik sollte nur bei klinischem Verdacht (z.B. chronische Diarrhö, Eosinophilie) erfolgen.
Vor einer stationären Aufnahme, wenn in den letzten 12 Monaten Kontakt zum Gesundheitssystem im Herkunfts- oder Transitland bestand, bei chronischen Wunden oder bekannter MRE-Kolonisation.
Kinder und Jugendliche ohne offizielle Impfdokumente gelten als nicht oder unvollständig geimpft. Sie sollten altersentsprechend alle Impfungen gemäß STIKO erhalten. Titer-Bestimmungen werden nicht empfohlen.

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