Wiederholte Spontanaborte (WSA): Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •WSA wird nach WHO als drei oder mehr konsekutive Fehlgeburten vor der 20. SSW definiert.
- •Eine Abklärung der Risikofaktoren soll nach 3 Aborten erfolgen, in begründeten Fällen bereits nach 2.
- •Genetische Ursachen (v.a. embryonale Chromosomenaberrationen) sind die häufigste Abortursache.
- •Lebensstilfaktoren wie Nikotin, Alkohol sowie Über- und Untergewicht sollten optimiert werden.
- •Eine zytogenetische Analyse des Abortmaterials oder beider Partner wird dringend empfohlen.
Hintergrund
Etwa 1 % bis 3 % aller Paare im reproduktionsfähigen Alter sind von wiederholten Spontanaborten (WSA) betroffen. Die WHO definiert WSA als drei und mehr konsekutive Fehlgeburten vor der 20. Schwangerschaftswoche (SSW). Die amerikanische Fachgesellschaft (ASRM) zieht die Grenze bereits bei zwei Aborten.
Die Wahrscheinlichkeit einer Lebendgeburt nach vorangegangenen Aborten sinkt mit steigendem maternalem Alter und der Anzahl der Aborte:
| Vorausgegangene Aborte | Lebendgeburt (25-29 Jahre) | Lebendgeburt (35-39 Jahre) | Lebendgeburt (40-44 Jahre) |
|---|---|---|---|
| 1 Abort | ~85 % | ~70 % | ~52 % |
| 2 Aborte | ~80 % | ~62 % | ~45 % |
| 3 Aborte | ~75 % | ~55 % | ~32 % |
| ≥ 4 Aborte | <65 % | <45 % | >25 % |
Empfehlungen zur Abklärung:
- Soll: Abklärung relevanter Risikofaktoren nach 3 konsekutiven Aborten.
- Sollte: In begründeten Fällen Abklärung bereits nach 2 konsekutiven Aborten.
Lebensstil und Verhalten
Verschiedene Lebensumstände können das Abortrisiko beeinflussen. Eine Optimierung des Lebensstils ist ein wichtiger präkonzeptioneller Ansatz.
- Nikotin: Erhöht das Risiko für frühe Schwangerschaftsverluste. Soll: Präkonzeptionelle Nikotinkarenz anraten.
- Alkohol: Soll: Verzicht auf jeglichen Alkoholkonsum ab Bekanntwerden der Schwangerschaft (Gefahr des Fetalen Alkoholsyndroms).
- Body-Mass-Index (BMI): Sowohl Untergewicht (BMI < 18,5 kg/m2) als auch Übergewicht/Adipositas (BMI ≥ 25 kg/m2) erhöhen das Abortrisiko. Soll: Gewichtsnormalisierung anstreben.
- Koffein: Aktuelle Studien zeigen keine Korrelation zwischen Koffeinkonsum und Abortwahrscheinlichkeit.
- Stress: Kann zu einem Abortgeschehen beitragen, wobei unklar ist, ob der Stress selbst oder resultierendes gesundheitsschädliches Verhalten ursächlich ist.
Genetische Faktoren
Embryonale oder fetale Chromosomenaberrationen sind die häufigste Ursache für Spontanaborte (ca. 50 % im ersten Trimenon, 30 % im zweiten Trimenon). Am häufigsten ist die Trisomie 16.
Empfehlungen zur genetischen Diagnostik:
- Soll: Zytogenetische Analyse bei Paaren mit WSA (konventionell bei beiden Partnern präkonzeptionell oder molekular-zytogenetisch aus dem Abortmaterial).
- Soll: Bei Nachweis einer strukturellen Chromosomenstörung im Abortmaterial zytogenetische Untersuchung beider Partner.
- Soll: Genetische Beratung bei Hinweisen auf eine monogene Krankheit als Abortursache.
- Soll nicht: Molekulargenetische Analyse von Genvarianten aus Assoziationsstudien.
| Diagnostik-Option | Indikation / Bemerkung |
|---|---|
| Zytogenetik (Abortmaterial) | Primäre Empfehlung zur Ursachenklärung. |
| Zytogenetik (Eltern) | Bei struktureller Aberration im Abortmaterial zwingend erforderlich. |
| Präimplantationsdiagnostik (PGT-SR) | Kann bei familiärer Chromosomenstörung zur Verringerung der Abortrate angeboten werden (verbessert jedoch nicht die Lebendgeburtenrate). |
Anatomische Faktoren
Angeborene oder erworbene intrauterine Pathologien finden sich bei 10 % bis 25 % der Frauen mit WSA. Die Prävalenz unterscheidet sich nicht signifikant zwischen Frauen mit 2, 3 oder ≥4 Aborten.
| Fehlbildung | Klinische Bedeutung bei WSA |
|---|---|
| Uterus subseptus | 2,6-fach höheres Risiko für Frühaborte (vermutlich durch mangelnde Vaskularisation des Septums). |
| Uterus arcuatus | Normalvariante, keine klinische Bedeutung. |
| Uterus bicornis | Erhöhtes Risiko für Früh- und Spätaborte. |
💡Praxis-Tipp
Leiten Sie bei Paaren mit WSA primär eine zytogenetische Untersuchung des Abortmaterials oder beider Partner ein und raten Sie zur Gewichtsnormalisierung sowie Nikotin- und Alkoholkarenz.