Urethritis beim Mann: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Häufigste Erreger sind C. trachomatis, N. gonorrhoeae und M. genitalium.
- •Die Klassifikation in gonorrhoische (GU) und nicht-gonorrhoische Urethritis (NGU) erfolgt primär anhand der Ausfluss-Qualität.
- •Eine NAT auf N. gonorrhoeae und C. trachomatis aus Erststrahlurin oder Abstrich ist diagnostischer Standard.
- •Bei Ausfluss soll zusätzlich eine mikrobiologische Kultur auf N. gonorrhoeae zur Resistenztestung angelegt werden.
- •Die empirische Therapie erfolgt bei GU mit Ceftriaxon und Doxycyclin, bei NGU mit Doxycyclin.
Hintergrund
Die Urethritis (Harnröhrenentzündung) ist eine Entzündung der urethralen Mukosa. Sie äußert sich durch subjektive Symptome und klinische Anzeichen, wobei ein erheblicher Anteil der Infektionen auch asymptomatisch verlaufen kann.
Typische Symptome und Anzeichen:
- Urethraler Ausfluss
- Dysurie oder Algurie
- Brennen, Juckreiz oder Schmerzen im Bereich der distalen Urethra oder des Meatus urethrae externus
- Erythem im Bereich des Meatus urethrae externus
- Inguinale Lymphadenopathie
Erregerspektrum und Koinfektionen
In der überwiegenden Mehrheit wird die Urethritis durch sexuell übertragene bakterielle Pathogene verursacht. Koinfektionen sind häufig (z. B. liegt bei 21 % der N. gonorrhoeae-Nachweise eine Koinfektion mit C. trachomatis vor).
| Erreger | Häufigkeit bei Urethritis | Bemerkung |
|---|---|---|
| C. trachomatis | 18 % | Häufigster Erreger |
| N. gonorrhoeae | 14 % | Hohes Koinfektionsrisiko |
| M. genitalium | 13 % | Zunehmende Resistenzen (Makrolide/Fluorchinolone) |
| U. urealyticum | 15 % | Relevanz als Auslöser im Einzelfall zu prüfen |
Differenzialdiagnosen
Besonders bei vorrangiger Angabe von Dysurie sollen eine Zystitis und eine Infektion der oberen Harnwege ausgeschlossen werden. Folgende Kriterien sprechen gegen eine unkomplizierte Urethritis und erfordern eine entsprechende Differenzialdiagnostik:
- Pollakisurie, Nykturie, imperativer Harndrang, Inkontinenz
- Makrohämaturie, Trübung des Urins
- Suprapubische Schmerzen
- Fieber, Schüttelfrost, Minderung des Allgemeinzustands
- Anamnese früherer Zystitiden
- Fehlende Sexualkontakte
Klinische Klassifikation
Zur Auswahl einer adäquaten empirischen antibiotischen Therapie wird die Urethritis initial klassifiziert. Die Einteilung ersetzt jedoch nicht die Erregerdiagnostik.
| Klassifikation | Ausfluss-Qualität | Mikroskopie (optional) |
|---|---|---|
| Gonorrhoische Urethritis (GU) | Purulent (gelblich-grünlich) | Intraleukozytäre Diplokokken nachweisbar |
| Nicht-gonorrhoische Urethritis (NGU) | Mukoid (wässrig-klar) oder mukopurulent (weißlich-undurchsichtig) | Keine intraleukozytären Diplokokken |
Hinweis: Wenn kein Ausfluss erkennbar ist, aber sonstige klinische Anzeichen oder Symptome vorliegen, soll die Urethritis initial als NGU klassifiziert werden.
Diagnostik
Die Diagnostik stützt sich auf molekularbiologische und kulturelle Verfahren:
- Standard-NAT: Unabhängig von der Klassifikation soll eine Nukleinsäureamplifikationstestung (NAT) auf N. gonorrhoeae und C. trachomatis erfolgen (Erststrahlurin oder meataler/urethraler Abstrich).
- Erweiterte NAT: Zusätzlich sollte eine NAT auf M. genitalium erfolgen.
- Kultur: Bei Vorliegen von urethralem Ausfluss soll ein Abstrich zur mikrobiologischen Anzucht und Resistenztestung von N. gonorrhoeae erfolgen.
- Resistenztestung (molekular): Wird auf M. genitalium getestet, sollte begleitend eine Testung auf Resistenzmarker gegenüber Makroliden und Fluorchinolonen erfolgen.
Empirische Therapie
Da die Erregeridentifikation Zeit in Anspruch nimmt, wird oftmals eine empirische Therapie eingeleitet.
| Verdachtsdiagnose | Empirische Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| GU | Ceftriaxon + Doxycyclin | Auf Doxycyclin sollte verzichtet werden, wenn eine Wiedervorstellung zur Behandlung etwaiger Koinfektionen gesichert ist. |
| NGU | Doxycyclin |
Wichtig: Sowohl bei GU als auch bei NGU wird auf den Einsatz von Azithromycin soweit möglich verzichtet.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie für die NAT-Diagnostik auf Gonokokken und Chlamydien den Erststrahlurin nach mindestens 2 Stunden Miktionskarenz. Die Sensitivität ist sehr hoch (>93%) und die Probengewinnung für den Patienten deutlich schmerzärmer als ein urethraler Abstrich.