Chlamydia trachomatis: RKI-Ratgeber & Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Bis zu 80 % der Infektionen bei Frauen und 50 % bei Männern verlaufen asymptomatisch.
- •Der Goldstandard in der Diagnostik ist die Nukleinsäure-Amplifikations-Technik (NAT/PCR) aus Abstrich oder Urin.
- •Die unkomplizierte genitale Infektion wird primär mit Azithromycin (1 g Einmaldosis) oder Doxycyclin (7 Tage) behandelt.
- •Eine Mitbehandlung aller Sexualpartner der letzten 60 Tage ist zwingend erforderlich, um Reinfektionen zu vermeiden.
- •Nachweise der Serotypen L1 bis L3 (Lymphogranuloma venereum) sind nach § 7 Abs. 3 IfSG namentlich meldepflichtig.
Hintergrund
Chlamydia trachomatis ist ein unbewegliches, gramnegatives und obligat intrazelluläres Bakterium. Es gehört weltweit zu den häufigsten Erregern sexuell übertragbarer Infektionen (STI). Der komplexe Reproduktionszyklus umfasst extrazelluläre, infektiöse Elementarkörperchen und intrazelluläre, stoffwechselaktive Retikularkörperchen. Die Inkubationszeit für eine Erstinfektion beträgt etwa 1 bis 3 Wochen.
Serotypen und klinische Manifestation
Die verschiedenen Serotypen von C. trachomatis lösen unterschiedliche Krankheitsbilder aus:
| Serotyp | Erkrankung | Übertragungsweg |
|---|---|---|
| A–C | Trachom (chronische Keratokonjunktivitis) | Schmierinfektion (Augensekret, kontaminierte Hände/Tücher, Fliegen) |
| D–K | Urogenitale Infektionen, perinatale Infektionen | Sexuell, perinatal |
| L1–L3 | Lymphogranuloma venereum (LGV) | Sexuell |
Klinische Symptomatik
Ein Großteil der urogenitalen Chlamydieninfektionen verläuft asymptomatisch (bis zu 80 % bei Frauen, ca. 50 % bei Männern), was die unbemerkte Weitergabe begünstigt.
- Frauen: Manifestation oft an der Zervix (eitriger Fluor). Aufsteigende Infektionen können zu Urethritis, Salpingitis, Endometritis und Perihepatitis (Fitz-Hugh-Curtis-Syndrom) führen. Spätfolgen sind extrauterine Schwangerschaften und sekundäre Sterilität.
- Männer: Häufig nichtgonorrhoische Urethritis (NGU) mit Druckgefühl, Brennen beim Wasserlassen und eitrigem Ausfluss. Komplikationen umfassen Epididymitis und Prostatitis.
- Beide Geschlechter: Je nach Sexualpraktik auch Proktitis, Pharyngitis oder reaktive Arthritis (Reiter-Syndrom).
- Neugeborene: Bei perinataler Übertragung drohen Konjunktivitis, Otitis media oder schwere Pneumonien.
- Lymphogranuloma venereum (LGV): Schmerzloses Bläschen/Geschwür am Infektionsort, gefolgt von schmerzhaften regionalen Lymphknotenschwellungen (Bubo), die aufbrechen können. Später narbige Strikturen und Fisteln.
Diagnostik
Der direkte Erregernachweis ist die Methode der Wahl.
| Methode | Material | Bewertung |
|---|---|---|
| NAT (z.B. PCR) | Abstrich, Urin | Goldstandard. Höchste Sensitivität und Spezifität. |
| Zellkultur | Zervix-, Urethra-, Rektumabstrich | Spezialtupfer nötig, aufwendig. |
| Antigen-Nachweis (ELISA) | Abstrich | Geringe Sensitivität/Spezifität, Bestätigungstest nötig. Schnelltests gelten als unsicher. |
| Serologie (Antikörper) | Serum | Kein Akuitätsmarker. Antikörper erst nach 6–8 Wochen messbar. Nützlich bei Sterilitätsdiagnostik. |
Therapie
Eine Untersuchung und Mitbehandlung aller Sexualpartner der letzten 60 Tage ist essenziell, um Reinfektionen zu verhindern. Sexuelle Kontakte dürfen erst nach Abschluss der Behandlung erfolgen.
| Indikation | Wirkstoff | Dosierung | Dauer |
|---|---|---|---|
| Unkomplizierte genitale Infektion | Azithromycin | 1 g p.o. | Einmaldosis |
| Alternative | Doxycyclin | 100 mg 2x1 p.o. | 7 Tage |
| Weitere Alternativen | Erythromycin | 500 mg 4x1 p.o. | 7 Tage |
| Ofloxacin | 300 mg 2x1 p.o. | 7 Tage | |
| Levofloxacin | 500 mg 1x1 p.o. | 7 Tage | |
| Komplizierte Infektion (z.B. PID, Epididymitis) | Doxycyclin / Makrolide | - | Mindestens 14 Tage (evtl. parenteral) |
| Lymphogranuloma venereum | Antibiotika | - | 3 Wochen |
Screening und Prävention
- Frauen unter 25 Jahren: Jährliches Screening-Angebot (Kassenleistung) mittels NAT aus Urin. Ein Pooling von bis zu fünf Urinproben ist aus Kostengründen möglich.
- Schwangere: Screening ist fester Bestandteil der Mutterschaftsvorsorge zur Vermeidung perinataler Komplikationen.
- Vor Schwangerschaftsabbruch: Screening dringend empfohlen, da das Risiko für eine Pelvic Inflammatory Disease (PID) bei unbehandelter Infektion bis zu 43 % beträgt.
Meldepflicht
In Deutschland sind Infektionen mit Chlamydia trachomatis grundsätzlich nicht meldepflichtig. Ausnahme: Nachweise der Serotypen L1 bis L3 (Lymphogranuloma venereum) müssen gemäß § 7 Abs. 3 IfSG namentlich an das Robert Koch-Institut (RKI) gemeldet werden. In Sachsen bestehen zudem ergänzende Verordnungen.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie auf serologische Tests zur Akutdiagnostik, da Antikörper erst nach 6 bis 8 Wochen nachweisbar sind. Nutzen Sie stattdessen immer die Nukleinsäure-Amplifikations-Technik (NAT/PCR) aus Urin oder Abstrichmaterial.