Intravenöse Infusionstherapie bei Kindern: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Zur Grundinfusion sollen isotone, balancierte Vollelektrolytlösungen (bVEL) verwendet werden.
- •Hypotone Lösungen sind obsolet, da sie das Risiko für Hyponatriämie und Hirnödeme signifikant erhöhen.
- •Der Flüssigkeitsgrundbedarf wird gewichtsadaptiert nach der Holliday-Segar-Formel berechnet.
- •Die initiale Bolusgabe bei Volumenmangelschock erfolgt mit 20 ml/kg KG in unter 10 Minuten.
Hintergrund
Die intravenöse Infusionstherapie bei akut kranken Kindern (jenseits der 4. Lebenswoche) zielt auf den Erhalt bzw. die Wiederherstellung der Volumen- und Osmo-Homöostase ab. In der Vergangenheit führten hypotone Lösungen häufig zu iatrogener Hyponatriämie und potenziell lebensbedrohlichen Hirnödemen. Daher empfiehlt die aktuelle Leitlinie einen Paradigmenwechsel hin zu isotonen, balancierten Lösungen.
Flüssigkeitsbedarf (Grundinfusion)
Der Grundbedarf wird anhand des idealen Körpergewichts (IBW) nach der Holliday-Segar-Formel berechnet. Bei akut kranken Kindern kommt es häufig zu einer erhöhten ADH-Ausschüttung, weshalb je nach Klinik eine Reduktion auf 50-80 % des errechneten Volumens sinnvoll sein kann.
| Körpergewicht | Flüssigkeitsbedarf pro Tag | Flüssigkeitsbedarf pro Stunde |
|---|---|---|
| 1 - 10 kg | 100 ml/kg | 4 ml/kg |
| 11 - 20 kg | 1000 ml + 50 ml/kg (für jedes kg > 10) | 40 ml + 2 ml/kg (für jedes kg > 10) |
| > 20 kg | 1500 ml + 20 ml/kg (für jedes kg > 20) | 60 ml + 1 ml/kg (für jedes kg > 20) |
Wahl der Infusionslösung
Für die Grundinfusion gelten folgende starke Empfehlungen:
- Natrium: Einsatz isotoner Lösungen (Na 135-145 mmol/l). Hypotone Lösungen begünstigen Hyponatriämie und Hirnödeme.
- Chlorid: Verwendung balancierter Vollelektrolytlösungen (bVEL), um hyperchlorämische Azidosen und Nierenversagen zu vermeiden.
- Glukose: Kinder ≤ 6 Jahre beginnen mit 5 % Glukose, ältere Kinder mit 2,5 % Glukose. Die Anpassung erfolgt nach Blutzucker und Ketonurie (Ziel: Normoglykämie, Vermeidung von Katabolie).
- Kalium: Da bVEL nur ca. 4-5 mmol/l Kalium enthalten, ist bei normaler Diurese nach 24-48 Stunden oft eine zusätzliche Substitution nötig.
Flüssigkeits- und Volumentherapie (Bolus)
Bei Hypovolämie oder Schock muss das intravasale Volumen rasch aufgefüllt werden. Glukosehaltige Lösungen sind hierbei (außer bei nachgewiesener Hypoglykämie) nicht indiziert.
| Stufe | Maßnahme | Bemerkung |
|---|---|---|
| 1. Bolus | 20 ml/kg KG bVEL (ohne Glukose) | Bei Schock in < 10 Minuten applizieren |
| 2. Repetition | 10-20 ml/kg KG bVEL | Bis zur hämodynamischen Stabilisierung (max. 40-60 ml/kg in der 1. Stunde) |
| 3. Eskalation | Kolloide (Albumin, Gelatine) 5-10 ml/kg | Nur erwägen, wenn Kristalloide nicht ausreichen. HES ist nicht mehr verfügbar. |
Hinweis: In vital bedrohlichen Notfallsituationen soll frühzeitig ein intraossärer (i.o.) Zugang angelegt werden.
Monitoring und Zielparameter
Während der Volumentherapie muss eine kontinuierliche Reevaluation auf Zeichen der Hypo- oder Hypervolämie (Rasselgeräusche, gestaute Halsvenen, Hepatomegalie) erfolgen.
| Parameter | Zielwert / Normalisierung |
|---|---|
| Kapillarfüllungszeit | < 3 Sekunden |
| Diurese | mind. 0,5 - 1 ml/kg/h |
| Herzfrequenz & Blutdruck | Altersentsprechende Normwerte |
| Vigilanz | Normale Bewusstseinslage |
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei akut kranken Kindern vollständig auf hypotone Lösungen als Grundinfusion. Nutzen Sie isotone, balancierte Vollelektrolytlösungen (bVEL) und passen Sie den Glukoseanteil alters- und bedarfsgerecht an.