ClariMedClariMed

Infantile Hämangiome: S2k-Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Infantile Hämangiome durchlaufen drei Phasen: Proliferation, Übergang und Involution.
  • Die klinische Abgrenzung zu vaskulären Malformationen ist essenziell (Hämangiome wachsen meist erst nach der Geburt).
  • Komplizierte Verläufe (10-15 %) erfordern eine frühzeitige Therapie, idealerweise im 2. bis 5. Lebensmonat.
  • Mittel der Wahl bei komplizierten infantilen Hämangiomen ist systemisches Propranolol.
  • Die Basisdiagnostik erfolgt klinisch, bei unklaren Befunden ergänzt durch B-Bild und farbkodierte Duplexsonographie.
Frage zu dieser Leitlinie stellen...

Hintergrund

Infantile Hämangiome sind benigne, proliferierende Gefäßtumoren. Sie treten bei 4-5 % aller Säuglinge auf, wobei Mädchen (3:1) und Frühgeborene unter 1000 g (bis zu 30 %) besonders häufig betroffen sind. Der natürliche Verlauf gliedert sich in drei Phasen:

  1. Proliferationsphase: Erste 6-9 Lebensmonate (Hauptwachstum kutaner Hämangiome im 2. bis 5. Monat).
  2. Übergangsphase: Wachstumsstillstand.
  3. Involutionsphase: Rückbildung, die bei 80-90 % der Tumoren im Alter von vier Jahren abgeschlossen ist.

Klassifikation und Differenzialdiagnose

Die wichtigste klinische Weichenstellung ist die Abgrenzung zu vaskulären Malformationen, da sich das therapeutische Vorgehen grundlegend unterscheidet.

KriteriumInfantiles HämangiomVaskuläre Malformation
ManifestationNach der Geburt (Vorläuferläsionen möglich)Bei Geburt vorhanden
GrößenzunahmeRasch in den ersten LebensmonatenKaum, sehr langsames Wachstum über Jahrzehnte
RegressionObligatKeine

Komplikationen und assoziierte Syndrome

Etwa 10-15 % der infantilen Hämangiome gelten als kompliziert. Dazu zählen funktionelle Beeinträchtigungen (z. B. Auge, Atemwege, Nahrungsaufnahme), Ulzerationen, sekundäre Hypothyreose und langfristige ästhetische Spätfolgen. Segmentale Hämangiome können zudem mit komplexen Syndromen assoziiert sein:

SyndromLokalisation des HämangiomsAssoziierte Fehlbildungen
PHACESKopf-/Halsregion (segmental, > 5 cm)Fehlbildungen der hinteren Schädelgrube, arterielle/kardiale Anomalien, Augenanomalien, Sternumspalte
PELVIS / SACRALLumbosakralregion (segmental)Perineale/genitale Fehlbildungen, Lipomeningomyelozele, vesikorenale Fehlbildungen, Analatresie

Diagnostik

Die Basisdiagnostik besteht aus Anamnese, klinischer Untersuchung und Fotodokumentation. Bei unkomplizierten Hämangiomen ist keine weitere Diagnostik nötig. Je nach Befund ergeben sich folgende Indikationen:

Befund / LokalisationEmpfohlene Diagnostik
Unklare TiefenausdehnungSonographie (B-Bild + farbkodierte Duplexsonographie)
≥ 5 kutane HämangiomeSonographie (Schädel, Leber), TSH im Serum
Segmental (Kopf/Hals)Sonographie, Echokardiographie, MRT (Schädel/Orbita/MR-Angio)
AugennahAugenärztliche Untersuchung, ggf. Sonographie/MRT
Unklare KlassifikationBiopsie (Histologie, GLUT1-positiv bei infantilem Hämangiom)

Therapie

Eine Therapie sollte bei komplizierten Hämangiomen frühzeitig, idealerweise zu Beginn der Wachstumsphase im 2. bis 5. Lebensmonat, eingeleitet werden.

Therapie der Wahl: Propranolol (systemisch)

  • Indikation: Komplizierte infantile Hämangiome (kutan und extrakutan) sowie Ulzerationen.
  • Dosierung: Einschleichend ab 1 mg/kg KG/Tag, Zieldosis 2 (-3) mg/kg KG/Tag (verteilt auf 2-3 Einzeldosen).
  • Dauer: Mindestens 6 Monate. Zur Vermeidung eines Rebounds wird die Therapie oft bis zum Ende des 1. Lebensjahres fortgeführt.
  • Voruntersuchung: EKG obligat. Echokardiographie nur bei Verdacht auf kardiale Erkrankung oder positiver Familienanamnese.
  • Monitoring: Herzfrequenzkontrolle in der 1. und 2. Stunde nach Dosissteigerung. Stationäre Einstellung bei Säuglingen < 8 Wochen (korrigiertes Alter) oder relevanten Begleiterkrankungen.

Weitere Therapieoptionen im Überblick:

TherapieIndikation / Bemerkung
Selektive Beta-BlockerNadolol/Atenolol (Off-Label), ähnlich wirksam wie Propranolol
Kortikosteroide (systemisch)Nur bei Therapieversagen von Propranolol oder akut lebensbedrohlichen Situationen
KryotherapieKleine, plane Hämangiome (< 1 cm)
Topische Beta-BlockerTimolol (Off-Label), nur für kleine, oberflächliche Läsionen
Laser (Farbstoff / Nd:YAG)Primär zur Behandlung von Residuen nach dem 4. Lebensjahr
OperationBeseitigung von Residuen nach dem 4. Lebensjahr, ultima ratio bei Komplikationen in der Proliferationsphase

Nachbehandlung

Nach Abschluss der Spontanregression (ab dem 4. Lebensjahr) können verbleibende Residuen wie Teleangiektasien, Cutis laxa oder Narben mittels Lasertherapie oder plastisch-chirurgischer Eingriffe bis zum Schuleintritt korrigiert werden.

💡Praxis-Tipp

Führen Sie vor dem Start einer systemischen Propranolol-Therapie immer ein EKG durch. Stellen Sie Säuglinge mit einem korrigierten Alter von unter 8 Wochen zur Therapieeinleitung zwingend stationär auf.

Häufig gestellte Fragen

Komplizierte Hämangiome sollten frühzeitig, idealerweise in der Proliferationsphase zwischen dem 2. und 5. Lebensmonat, behandelt werden.
Infantile Hämangiome entstehen meist erst nach der Geburt und wachsen in den ersten Lebensmonaten rasch, während vaskuläre Malformationen bereits bei Geburt vorhanden sind und proportional mitwachsen.
Die Therapiedauer sollte mindestens 6 Monate betragen. Um ein erneutes Wachstum (Rebound) zu verhindern, wird die Therapie in der Praxis oft bis zum Ende des ersten Lebensjahres fortgeführt.
Lasertherapien (z. B. Farbstofflaser) sind primär zur Behandlung von Hämangiom-Residuen nach dem 4. Lebensjahr indiziert, wenn die Spontanregression weitgehend abgeschlossen ist.
Das Glukose-Transporter-Protein 1 (GLUT1) ist der wichtigste Marker. Infantile Hämangiome sind GLUT1-positiv, während andere Gefäßtumoren diesen Marker nicht exprimieren.

Verwandte Leitlinien