Infantile Hämangiome: S2k-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Infantile Hämangiome durchlaufen drei Phasen: Proliferation, Übergang und Involution.
- •Die klinische Abgrenzung zu vaskulären Malformationen ist essenziell (Hämangiome wachsen meist erst nach der Geburt).
- •Komplizierte Verläufe (10-15 %) erfordern eine frühzeitige Therapie, idealerweise im 2. bis 5. Lebensmonat.
- •Mittel der Wahl bei komplizierten infantilen Hämangiomen ist systemisches Propranolol.
- •Die Basisdiagnostik erfolgt klinisch, bei unklaren Befunden ergänzt durch B-Bild und farbkodierte Duplexsonographie.
Hintergrund
Infantile Hämangiome sind benigne, proliferierende Gefäßtumoren. Sie treten bei 4-5 % aller Säuglinge auf, wobei Mädchen (3:1) und Frühgeborene unter 1000 g (bis zu 30 %) besonders häufig betroffen sind. Der natürliche Verlauf gliedert sich in drei Phasen:
- Proliferationsphase: Erste 6-9 Lebensmonate (Hauptwachstum kutaner Hämangiome im 2. bis 5. Monat).
- Übergangsphase: Wachstumsstillstand.
- Involutionsphase: Rückbildung, die bei 80-90 % der Tumoren im Alter von vier Jahren abgeschlossen ist.
Klassifikation und Differenzialdiagnose
Die wichtigste klinische Weichenstellung ist die Abgrenzung zu vaskulären Malformationen, da sich das therapeutische Vorgehen grundlegend unterscheidet.
| Kriterium | Infantiles Hämangiom | Vaskuläre Malformation |
|---|---|---|
| Manifestation | Nach der Geburt (Vorläuferläsionen möglich) | Bei Geburt vorhanden |
| Größenzunahme | Rasch in den ersten Lebensmonaten | Kaum, sehr langsames Wachstum über Jahrzehnte |
| Regression | Obligat | Keine |
Komplikationen und assoziierte Syndrome
Etwa 10-15 % der infantilen Hämangiome gelten als kompliziert. Dazu zählen funktionelle Beeinträchtigungen (z. B. Auge, Atemwege, Nahrungsaufnahme), Ulzerationen, sekundäre Hypothyreose und langfristige ästhetische Spätfolgen. Segmentale Hämangiome können zudem mit komplexen Syndromen assoziiert sein:
| Syndrom | Lokalisation des Hämangioms | Assoziierte Fehlbildungen |
|---|---|---|
| PHACES | Kopf-/Halsregion (segmental, > 5 cm) | Fehlbildungen der hinteren Schädelgrube, arterielle/kardiale Anomalien, Augenanomalien, Sternumspalte |
| PELVIS / SACRAL | Lumbosakralregion (segmental) | Perineale/genitale Fehlbildungen, Lipomeningomyelozele, vesikorenale Fehlbildungen, Analatresie |
Diagnostik
Die Basisdiagnostik besteht aus Anamnese, klinischer Untersuchung und Fotodokumentation. Bei unkomplizierten Hämangiomen ist keine weitere Diagnostik nötig. Je nach Befund ergeben sich folgende Indikationen:
| Befund / Lokalisation | Empfohlene Diagnostik |
|---|---|
| Unklare Tiefenausdehnung | Sonographie (B-Bild + farbkodierte Duplexsonographie) |
| ≥ 5 kutane Hämangiome | Sonographie (Schädel, Leber), TSH im Serum |
| Segmental (Kopf/Hals) | Sonographie, Echokardiographie, MRT (Schädel/Orbita/MR-Angio) |
| Augennah | Augenärztliche Untersuchung, ggf. Sonographie/MRT |
| Unklare Klassifikation | Biopsie (Histologie, GLUT1-positiv bei infantilem Hämangiom) |
Therapie
Eine Therapie sollte bei komplizierten Hämangiomen frühzeitig, idealerweise zu Beginn der Wachstumsphase im 2. bis 5. Lebensmonat, eingeleitet werden.
Therapie der Wahl: Propranolol (systemisch)
- Indikation: Komplizierte infantile Hämangiome (kutan und extrakutan) sowie Ulzerationen.
- Dosierung: Einschleichend ab 1 mg/kg KG/Tag, Zieldosis 2 (-3) mg/kg KG/Tag (verteilt auf 2-3 Einzeldosen).
- Dauer: Mindestens 6 Monate. Zur Vermeidung eines Rebounds wird die Therapie oft bis zum Ende des 1. Lebensjahres fortgeführt.
- Voruntersuchung: EKG obligat. Echokardiographie nur bei Verdacht auf kardiale Erkrankung oder positiver Familienanamnese.
- Monitoring: Herzfrequenzkontrolle in der 1. und 2. Stunde nach Dosissteigerung. Stationäre Einstellung bei Säuglingen < 8 Wochen (korrigiertes Alter) oder relevanten Begleiterkrankungen.
Weitere Therapieoptionen im Überblick:
| Therapie | Indikation / Bemerkung |
|---|---|
| Selektive Beta-Blocker | Nadolol/Atenolol (Off-Label), ähnlich wirksam wie Propranolol |
| Kortikosteroide (systemisch) | Nur bei Therapieversagen von Propranolol oder akut lebensbedrohlichen Situationen |
| Kryotherapie | Kleine, plane Hämangiome (< 1 cm) |
| Topische Beta-Blocker | Timolol (Off-Label), nur für kleine, oberflächliche Läsionen |
| Laser (Farbstoff / Nd:YAG) | Primär zur Behandlung von Residuen nach dem 4. Lebensjahr |
| Operation | Beseitigung von Residuen nach dem 4. Lebensjahr, ultima ratio bei Komplikationen in der Proliferationsphase |
Nachbehandlung
Nach Abschluss der Spontanregression (ab dem 4. Lebensjahr) können verbleibende Residuen wie Teleangiektasien, Cutis laxa oder Narben mittels Lasertherapie oder plastisch-chirurgischer Eingriffe bis zum Schuleintritt korrigiert werden.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie vor dem Start einer systemischen Propranolol-Therapie immer ein EKG durch. Stellen Sie Säuglinge mit einem korrigierten Alter von unter 8 Wochen zur Therapieeinleitung zwingend stationär auf.