Dentale digitale Volumentomographie (DVT): Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die DVT ist zur routinemäßigen Karies- und Parodontaldiagnostik nicht indiziert.
- •Bei Kindern und Jugendlichen ist die Indikation aufgrund der erhöhten Strahlenempfindlichkeit besonders streng zu stellen (ALARA-Prinzip).
- •Vor Weisheitszahnentfernungen ist ein DVT nur indiziert, wenn die 2D-Bildgebung Hinweise auf Risikostrukturen zeigt.
- •In der Kiefergelenksdiagnostik eignet sich die DVT nur für knöcherne Veränderungen; für Weichteile und den Diskus ist ein MRT indiziert.
- •In der Implantologie ist die DVT bei komplexen anatomischen Verhältnissen oder speziellen Konzepten (z. B. navigierte Implantation) indiziert.
Hintergrund
Die dentale digitale Volumentomographie (DVT), international als Cone Beam Computed Tomography (CBCT) bezeichnet, ist ein etabliertes 3D-Röntgenverfahren zur Hartgewebsdiagnostik im Zahn-, Mund- und Kieferbereich. Gegenüber der klassischen Computertomographie (CT) zeichnet sich die DVT durch ein dreidimensionales Nutzstrahlenbündel und einen flächigen Detektor aus.
Grundsätzlich gilt bei jeder DVT-Anwendung das ALARA-Prinzip (As low as reasonably achievable). Die rechtfertigende Indikation erfordert, dass der gesundheitliche Nutzen das Strahlenrisiko überwiegt. Die Befundung des gesamten abgebildeten Volumens ist gesetzlich verpflichtend.
Kinder und Jugendliche
Kinder und Jugendliche haben ein überproportional erhöhtes Risiko für strahleninduzierte Folgeschäden.
- Die Indikation soll bei Kindern und Jugendlichen besonders streng gestellt werden.
- Maßnahmen zur Dosisreduktion (z. B. Reduktion auf 180°-Umlauf, Einblendung des Field of View) sollen ausgeschöpft werden.
- Für die kieferorthopädische Routinediagnostik besteht keine Indikation.
Indikationen nach Fachbereichen
Kariologie und Parodontologie
- Kariesdiagnostik: Nach bisheriger Datenlage nicht indiziert. Artefakte durch Metallrestaurationen oder Zahnhartsubstanz schränken die Beurteilbarkeit stark ein.
- Parodontologie: Nicht zur routinemäßigen Diagnostik indiziert. Kann in Einzelfällen bei unzureichender 2D-Bildgebung zur Darstellung von Knochentaschen oder Furkationsdefekten erwogen werden.
Endodontie und Traumatologie
Eine kleinvolumige DVT kann in spezifischen Fällen indiziert sein, wenn die 2D-Diagnostik nicht ausreicht:
| Indikation | Bemerkung |
|---|---|
| Periapikale Läsionen | Wenn klinische Symptome bestehen, aber das 2D-Röntgen unauffällig ist |
| Wurzelfrakturen | Bei unzureichender Absicherung durch klinische Befunde |
| Perforationen | Insbesondere bei Stiftperforationen |
| Komplexe Anatomie | Zur Beurteilung des Wurzelkanalsystems oder bei Resorptionen |
| Fremdkörper | Lagebestimmung frakturierter Wurzelkanalinstrumente |
Implantologie und Prothetik
Vor einer Implantatinsertion ist primär eine klinische und 2D-radiologische Diagnostik erforderlich.
| Stufe | Diagnostik | Indikation |
|---|---|---|
| 1 | 2D-Bildgebung (z.B. OPG) | Standarddiagnostik zur orientierenden Beurteilung |
| 2 | DVT | Bei anatomischen Besonderheiten (starke Atrophie, Kieferhöhlensepten) |
| 3 | DVT + Navigation | Bei Sofortversorgung, navigationsgestützter Implantologie oder komplexen Fällen |
Wichtig: Die DVT sollte aufgrund nicht standardisierter Grauwerte nicht zur quantitativen Bestimmung der Knochendichte verwendet werden.
Retinierte Zähne und Weisheitszähne
Die DVT hat die 2D-Bildgebung bei der operativen Zahnentfernung nicht routinemäßig abgelöst.
- Keine Indikation: Wenn die 2D-Bildgebung keine Hinweise auf eine besondere Risikosituation zeigt.
- Indikation: Wenn die 2D-Bildgebung Hinweise auf eine unmittelbare Lagebeziehung zu Risikostrukturen (z. B. Mandibularkanal) oder pathologischen Veränderungen zeigt und weitere räumliche Informationen für die OP-Planung zwingend erforderlich sind.
Kiefergelenkdiagnostik
Die Wahl des Bildgebungsverfahrens hängt strikt von der Fragestellung ab:
| Struktur | Methode der Wahl | Bemerkung |
|---|---|---|
| Knöcherne Veränderungen | DVT | Bei Verdacht auf Arthrose, Frakturen, Ankylosen oder Tumoren |
| Diskus articularis | MRT | DVT ist hierfür nicht indiziert |
| Weichteilpathologie | MRT | DVT ist hierfür nicht indiziert |
Pathologische Veränderungen und Kieferhöhle
Zur Abklärung größerer pathologischer Veränderungen (Zysten, Tumoren, Osteomyelitis, Bisphosphonat-assoziierte Nekrosen) ist eine 3D-Bildgebung indiziert, um die räumliche Ausdehnung zu beurteilen. Bei Verdacht auf eine odontogene Sinusitis maxillaris ist primär ein 2D-Röntgenbild anzufertigen; bei erweitertem Abklärungsbedarf sollte ein DVT oder CT erfolgen.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie bei jeder DVT-Aufnahme das kleinstmögliche Field of View (FOV), das für die Beantwortung der klinischen Fragestellung erforderlich ist. Dies reduziert die Strahlenbelastung für den Patienten signifikant und minimiert Streustrahlung.