Enuresis & Harninkontinenz bei Kindern: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnose einer Enuresis oder funktionellen Harninkontinenz wird ab einem Alter von 5,0 Jahren bei mindestens einem Ereignis pro Monat über 3 Monate gestellt.
- •Die Therapie folgt einem strikten Stufenschema: Obstipation und psychiatrische Komorbiditäten (z.B. ADHS) müssen vor der Tagessymptomatik und der Enuresis behandelt werden.
- •Die Basisdiagnostik erfordert ein 48h-Miktionsprotokoll, ein 14-Tage-Protokoll sowie eine Sonographie inklusive Messung der Rektumweite.
- •Bei der überaktiven Blase (OAB) ist Propiverin das Medikament der ersten Wahl; TENS ist eine nicht-medikamentöse Alternative.
- •Die häufige Kombination aus funktioneller Blasendysfunktion und Darmentleerungsstörungen wird als Bladder and Bowel-Dysfunction (BBD) bezeichnet.
Hintergrund
Die nicht-organische (funktionelle) Harninkontinenz und Enuresis gehören zu den häufigsten Störungen im Kindesalter. Gemäß den Kriterien der ICCS (International Children’s Continence Society) wird eine intermittierende Harninkontinenz nach Ausschluss organischer Ursachen ab einem chronologischen Alter von mindestens 5,0 Jahren als Störung definiert, sofern sie über 3 Monate mindestens einmal pro Monat auftritt.
Eine kontinuierliche Harninkontinenz ist hingegen fast immer organisch bedingt und erfordert eine intensive somatische Diagnostik (starke Empfehlung).
Klassifikation der Enuresis
Als Enuresis (nocturna) wird deskriptiv jede Form des intermittierenden Einnässens im Schlaf bezeichnet. Es werden vier Formen unterschieden:
| Form | Definition |
|---|---|
| Primär monosymptomatisch (MEN) | Nur nachts, keine Tagessymptome, nie >6 Monate trocken |
| Sekundär monosymptomatisch | Nur nachts, keine Tagessymptome, zuvor >6 Monate trocken |
| Primär nicht-monosymptomatisch (NMEN) | Nachts + Tagessymptomatik/Blasendysfunktion, nie >6 Monate trocken |
| Sekundär nicht-monosymptomatisch | Nachts + Tagessymptomatik, zuvor >6 Monate trocken |
Formen der funktionellen Harninkontinenz (Tag)
Wenn ein Kind tagsüber einnässt, wird dies als nicht-organische (funktionelle) Harninkontinenz bezeichnet. Die drei häufigsten Formen sind:
| Form | Leitsymptome | Bemerkung |
|---|---|---|
| Überaktive Harnblase (OAB) | Imperativer Harndrang, kleine Miktionsvolumina, Haltemanöver | Oft mit rezidivierenden Harnwegsinfekten (HWI) bei Mädchen assoziiert |
| Miktionsaufschub | Seltene Miktion (2-3x/Tag), ausgeprägte Haltemanöver | Häufig assoziiert mit Störungen des Sozialverhaltens (ODD) |
| Detrusor-Sphinkter-Dyskoordination | Stakkato-Miktion, Pressen zu Beginn, unterbrochener Harnfluss | Erhöhtes Risiko für Restharn und Nierenparenchymschäden |
Komorbiditäten
Komorbide Störungen müssen zwingend diagnostiziert und behandelt werden (starke Empfehlung).
- Bladder and Bowel-Dysfunction (BBD): Die Assoziation von funktioneller Blasendysfunktion und Störungen der Darmentleerung (Obstipation/Stuhlinkontinenz). Etwa ein Drittel der Kinder mit Harninkontinenz ist betroffen.
- Psychische Störungen: Besonders ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung), Autismusspektrumstörungen (ASS) und Intelligenzminderung weisen hohe Komorbiditätsraten auf.
- Harnwegsinfektionen: Treten besonders bei Mädchen mit OAB oder dyskoordinierter Miktion gehäuft auf.
Diagnostik
Die Basisdiagnostik soll bei allen Kindern durchgeführt werden (starke Empfehlung) und umfasst:
- Anamnesefragebogen (inkl. Erfassung komorbider Störungen)
- Fragebogenscreening für psychische Symptome (z.B. CBCL, SDQ)
- Miktions- und Trinkprotokoll über mindestens 48 Stunden
- 14-Tage-Protokoll zur Dokumentation von Harninkontinenz und Darmentleerung
- Körperliche Untersuchung (inkl. Inspektion der LWS/Os sacrum zum Ausschluss einer Spina bifida occulta)
- Urindiagnostik
- Sonographie von Nieren und Harnwegen inkl. Blasenwanddicke und Rektumdurchmesser (>30-35 mm weist auf Obstipation hin)
Bei Inkontinenz tagsüber und NMEN soll zusätzlich eine Restharnbestimmung erfolgen (starke Empfehlung).
Therapieprinzipien und Stufenschema
Die Behandlung erfordert eine feste Reihenfolge, um erfolgreich zu sein:
| Stufe | Therapie-Fokus | Bemerkung |
|---|---|---|
| 1 | Obstipation / Stuhlinkontinenz | Normalisierung der Darmentleerung bessert oft die Harninkontinenz |
| 2 | Manifeste psychische Störungen | Z.B. ADHS (Behandlung steigert Adhärenz für Urotherapie) |
| 3 | Harninkontinenz tagsüber | Tagessymptomatik muss zwingend vor der Enuresis behandelt werden |
| 4 | Enuresis nocturna | Erst nach erfolgreicher Behandlung der Tagessymptomatik |
Medikamentöse Therapie der überaktiven Blase (OAB)
Für die überaktive Blase / Dranginkontinenz gelten folgende aktuelle Empfehlungen:
| Wirkstoff / Maßnahme | Wahl | Bemerkung |
|---|---|---|
| Propiverin | 1. Wahl | Geringere Nebenwirkungsrate |
| Oxybutynin | 2. Wahl | - |
| Trospiumchlorid | 2. Wahl | Erst ab dem Alter von 12 Jahren zugelassen |
| Tolterodin, Solifenacin, Darifenacin | Off-label | Nur bei Unwirksamkeit zugelassener Anticholinergika nach Re-Evaluation |
| Botulinumtoxin | Reserve | Nur bei Therapieresistenz und strenger Indikation in Einzelfällen |
| TENS (Nervenstimulation) | Alternative | Transkutane elektrische Nervenstimulation, auch als Kombinationstherapie |
💡Praxis-Tipp
Messen Sie bei der Sonographie routinemäßig den Rektumquerdurchmesser. Ein Wert >30-35 mm ist ein zuverlässiger Hinweis auf eine Stuhlretention, die zwingend vor der Harninkontinenz behandelt werden muss.