ClariMedClariMed

Enuresis & Harninkontinenz bei Kindern: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Diagnose einer Enuresis oder funktionellen Harninkontinenz wird ab einem Alter von 5,0 Jahren bei mindestens einem Ereignis pro Monat über 3 Monate gestellt.
  • Die Therapie folgt einem strikten Stufenschema: Obstipation und psychiatrische Komorbiditäten (z.B. ADHS) müssen vor der Tagessymptomatik und der Enuresis behandelt werden.
  • Die Basisdiagnostik erfordert ein 48h-Miktionsprotokoll, ein 14-Tage-Protokoll sowie eine Sonographie inklusive Messung der Rektumweite.
  • Bei der überaktiven Blase (OAB) ist Propiverin das Medikament der ersten Wahl; TENS ist eine nicht-medikamentöse Alternative.
  • Die häufige Kombination aus funktioneller Blasendysfunktion und Darmentleerungsstörungen wird als Bladder and Bowel-Dysfunction (BBD) bezeichnet.
Frage zu dieser Leitlinie stellen...

Hintergrund

Die nicht-organische (funktionelle) Harninkontinenz und Enuresis gehören zu den häufigsten Störungen im Kindesalter. Gemäß den Kriterien der ICCS (International Children’s Continence Society) wird eine intermittierende Harninkontinenz nach Ausschluss organischer Ursachen ab einem chronologischen Alter von mindestens 5,0 Jahren als Störung definiert, sofern sie über 3 Monate mindestens einmal pro Monat auftritt.

Eine kontinuierliche Harninkontinenz ist hingegen fast immer organisch bedingt und erfordert eine intensive somatische Diagnostik (starke Empfehlung).

Klassifikation der Enuresis

Als Enuresis (nocturna) wird deskriptiv jede Form des intermittierenden Einnässens im Schlaf bezeichnet. Es werden vier Formen unterschieden:

FormDefinition
Primär monosymptomatisch (MEN)Nur nachts, keine Tagessymptome, nie >6 Monate trocken
Sekundär monosymptomatischNur nachts, keine Tagessymptome, zuvor >6 Monate trocken
Primär nicht-monosymptomatisch (NMEN)Nachts + Tagessymptomatik/Blasendysfunktion, nie >6 Monate trocken
Sekundär nicht-monosymptomatischNachts + Tagessymptomatik, zuvor >6 Monate trocken

Formen der funktionellen Harninkontinenz (Tag)

Wenn ein Kind tagsüber einnässt, wird dies als nicht-organische (funktionelle) Harninkontinenz bezeichnet. Die drei häufigsten Formen sind:

FormLeitsymptomeBemerkung
Überaktive Harnblase (OAB)Imperativer Harndrang, kleine Miktionsvolumina, HaltemanöverOft mit rezidivierenden Harnwegsinfekten (HWI) bei Mädchen assoziiert
MiktionsaufschubSeltene Miktion (2-3x/Tag), ausgeprägte HaltemanöverHäufig assoziiert mit Störungen des Sozialverhaltens (ODD)
Detrusor-Sphinkter-DyskoordinationStakkato-Miktion, Pressen zu Beginn, unterbrochener HarnflussErhöhtes Risiko für Restharn und Nierenparenchymschäden

Komorbiditäten

Komorbide Störungen müssen zwingend diagnostiziert und behandelt werden (starke Empfehlung).

  • Bladder and Bowel-Dysfunction (BBD): Die Assoziation von funktioneller Blasendysfunktion und Störungen der Darmentleerung (Obstipation/Stuhlinkontinenz). Etwa ein Drittel der Kinder mit Harninkontinenz ist betroffen.
  • Psychische Störungen: Besonders ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung), Autismusspektrumstörungen (ASS) und Intelligenzminderung weisen hohe Komorbiditätsraten auf.
  • Harnwegsinfektionen: Treten besonders bei Mädchen mit OAB oder dyskoordinierter Miktion gehäuft auf.

Diagnostik

Die Basisdiagnostik soll bei allen Kindern durchgeführt werden (starke Empfehlung) und umfasst:

  • Anamnesefragebogen (inkl. Erfassung komorbider Störungen)
  • Fragebogenscreening für psychische Symptome (z.B. CBCL, SDQ)
  • Miktions- und Trinkprotokoll über mindestens 48 Stunden
  • 14-Tage-Protokoll zur Dokumentation von Harninkontinenz und Darmentleerung
  • Körperliche Untersuchung (inkl. Inspektion der LWS/Os sacrum zum Ausschluss einer Spina bifida occulta)
  • Urindiagnostik
  • Sonographie von Nieren und Harnwegen inkl. Blasenwanddicke und Rektumdurchmesser (>30-35 mm weist auf Obstipation hin)

Bei Inkontinenz tagsüber und NMEN soll zusätzlich eine Restharnbestimmung erfolgen (starke Empfehlung).

Therapieprinzipien und Stufenschema

Die Behandlung erfordert eine feste Reihenfolge, um erfolgreich zu sein:

StufeTherapie-FokusBemerkung
1Obstipation / StuhlinkontinenzNormalisierung der Darmentleerung bessert oft die Harninkontinenz
2Manifeste psychische StörungenZ.B. ADHS (Behandlung steigert Adhärenz für Urotherapie)
3Harninkontinenz tagsüberTagessymptomatik muss zwingend vor der Enuresis behandelt werden
4Enuresis nocturnaErst nach erfolgreicher Behandlung der Tagessymptomatik

Medikamentöse Therapie der überaktiven Blase (OAB)

Für die überaktive Blase / Dranginkontinenz gelten folgende aktuelle Empfehlungen:

Wirkstoff / MaßnahmeWahlBemerkung
Propiverin1. WahlGeringere Nebenwirkungsrate
Oxybutynin2. Wahl-
Trospiumchlorid2. WahlErst ab dem Alter von 12 Jahren zugelassen
Tolterodin, Solifenacin, DarifenacinOff-labelNur bei Unwirksamkeit zugelassener Anticholinergika nach Re-Evaluation
BotulinumtoxinReserveNur bei Therapieresistenz und strenger Indikation in Einzelfällen
TENS (Nervenstimulation)AlternativeTranskutane elektrische Nervenstimulation, auch als Kombinationstherapie

💡Praxis-Tipp

Messen Sie bei der Sonographie routinemäßig den Rektumquerdurchmesser. Ein Wert >30-35 mm ist ein zuverlässiger Hinweis auf eine Stuhlretention, die zwingend vor der Harninkontinenz behandelt werden muss.

Häufig gestellte Fragen

Von einer Störung spricht man ab einem chronologischen Alter von mindestens 5,0 Jahren, sofern das Einnässen über 3 Monate mindestens einmal pro Monat auftritt.
BBD beschreibt die häufige Assoziation von funktioneller Blasendysfunktion und Störungen der Darmentleerung (Obstipation oder Stuhlinkontinenz).
Propiverin ist aufgrund der geringeren Nebenwirkungsrate das Mittel der ersten Wahl. Oxybutynin gilt als 2. Wahl.
Bei der NMEN (nicht-monosymptomatisch) liegen zusätzliche Tagessymptome vor. Diese Tagessymptomatik muss zwingend erfolgreich behandelt werden, bevor eine Therapie der nächtlichen Enuresis begonnen wird.
Die Basisdiagnostik umfasst Anamnese, ein 48h-Miktionsprotokoll, ein 14-Tage-Protokoll, Urindiagnostik, eine körperliche Untersuchung sowie eine Sonographie von Nieren, Harnwegen und Rektum.

Verwandte Leitlinien