Soziale Teilhabe in der Altenhilfe bei Pandemien (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Gesundheits- und Palliativversorgung soll durch Telekonsultation externer Leistungserbringer gesichert werden.
- •Individuelle Behandlungspräferenzen (Advance Care Planning) müssen frühzeitig erhoben und dokumentiert werden.
- •Körperkontakt ist ein Grundbedürfnis und soll unter Einhaltung von Hygienemaßnahmen ermöglicht werden.
- •Bewegungsförderung muss fester Bestandteil der täglichen Pflege- und Versorgungsroutine bleiben.
- •Sinnstiftende Alltagsgestaltung und kontaktlose Teilnahme an Veranstaltungen fördern die Lebensqualität bei Isolation.
Hintergrund
Die S2e-Leitlinie adressiert das Spannungsfeld zwischen Infektionsschutz und dem Erhalt der Lebensqualität sowie der sozialen Teilhabe von Bewohnern in der stationären Altenhilfe unter pandemischen Bedingungen. Isolierung, Quarantäne und Kontaktbeschränkungen bergen erhebliche Risiken für die physische und psychische Gesundheit, wie Depressionen, Einsamkeit und raschen funktionellen Abbau.
Medizinische und Palliative Versorgung
Die Aufrechterhaltung der ärztlichen und pflegerischen Versorgung ist auch in Krisenzeiten essenziell. Besonders bei multimorbiden Bewohnern muss vorausschauend geplant werden.
| Maßnahme | Umsetzung | Ziel |
|---|---|---|
| Telekonsultation | Einbindung von Geriatern, Palliativmedizinern und spezialisierten Pflegekräften via Video/Audio | Sicherstellung der Versorgung ohne zusätzliches Infektionsrisiko |
| Advance Care Planning | Frühzeitige Erhebung und Dokumentation des Patientenwillens | Vermeidung ungewollter Hospitalisierungen oder Intensivtherapien im Infektionsfall |
Kernaussagen:
- Die Gesundheitsversorgung sollte durch Telekonsultation unterstützt werden.
- Individuelle Behandlungspräferenzen müssen frühzeitig erhoben und dokumentiert werden, idealerweise direkt nach Einzug.
Beziehungsgestaltung und soziale Kontakte
Soziale Isolation muss durch kreative und sichere Konzepte vermieden werden. Pauschale Besuchsverbote werden kritisch gesehen.
| Kontaktart | Umsetzungsmöglichkeiten | Bemerkung |
|---|---|---|
| Körperkontakt | Berührung bei der Pflege, angepasste Schutzausrüstung, strikte Handhygiene | Körperkontakt ist ein Grundbedürfnis und soll nach Präferenz ermöglicht werden |
| Besuche | Separate Zugänge, spezielle Besuchszimmer, Treffen im Außenbereich | Einrichtungsspezifische Besuchskonzepte statt pauschaler Verbote |
| Digitale Kontakte | Videotelefonie, Messenger, Telefonanrufe | Unterstützung der Bewohner bei der Techniknutzung ist zwingend erforderlich |
Alltagsgestaltung und Mobilität
Der pandemiebedingte Wegfall von Gruppenangeboten führt bei älteren Menschen rasch zu Funktionsverlusten. Ein Abbau, der sonst ein Jahr dauert, kann unter Isolationsbedingungen bereits nach drei Monaten eintreten.
| Bereich | Intervention | Evidenz/Nutzen |
|---|---|---|
| Alltagsgestaltung | Strukturierte Reminiszenztherapie (Erinnerungsarbeit) | Stärkt Copingkapazitäten, Kohärenzgefühl und Resilienz |
| Veranstaltungen | Kontaktlose Teilnahme (z.B. Balkonkonzerte, Gottesdienste vor dem Haus) | Fördert soziale Teilhabe über mehrere Sinne (Hören, Sehen) |
| Mobilität | Integration von Balance- und Kraftübungen in die Pflege | Verhindert raschen motorischen Funktionsverlust |
Empfehlungen zur Mobilität:
- Bewegungsförderung muss Bestandteil der täglichen Pflege- und Versorgungsroutine sein.
- Spezifische Bewegungsprogramme (z.B. computergestützte Bewegungsspiele, Otago-Übungsprogramm) sollen angeboten werden.
Ernährung
Die Nahrungsaufnahme hat eine wichtige soziale Dimension, die bei Isolation in den Zimmern entfällt. Dies kann zu Mangelernährung und Dehydration führen.
- Ursachenforschung: Bei mangelnder Nahrungsaufnahme Gründe evaluieren (z.B. Vereinsamung, fehlende Anreize, kognitive Beeinträchtigung).
- Maßnahmen: Leicht zugängliche Speisen, adäquate Inkontinenzversorgung, häufige Angebote und eine möglichst motivierende Umgebungsgestaltung.
💡Praxis-Tipp
Integrieren Sie kurze Balance- und Bewegungsübungen direkt in die tägliche Grundpflege, um dem raschen Funktionsverlust bei isolierten Bewohnern entgegenzuwirken. Nutzen Sie zudem strukturierte Erinnerungsarbeit (Reminiszenztherapie), um die Resilienz der Bewohner zu stärken.