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Schwindel in der Hausarztpraxis: Leitlinie (AWMF/DEGAM)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Differenzierung zwischen peripherem und zentralem Schwindel (z.B. Schlaganfall) ist lebensrettend, insbesondere mittels HINTS-Test.
  • Der benigne paroxysmale Lagerungsschwindel (BPPV) wird mit dem Dix-Hallpike- oder Semont-Manöver diagnostiziert und mit Befreiungsmanövern behandelt.
  • Bei der akuten unilateralen Vestibulopathie (AUVP) sollten frühzeitig Steroide gegeben und eine vestibuläre Rehabilitationstherapie begonnen werden.
  • Sedierende Antivertiginosa dürfen maximal drei Tage verabreicht werden, um die zentrale Kompensation nicht zu stören.
  • Bei Schwindel unklarer Genese müssen internistische Ursachen und Medikamentennebenwirkungen zwingend geprüft werden.
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Hintergrund

Schwindel gehört zu den 20 häufigsten Beratungsanlässen in der Hausarztpraxis. Er ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Symptom verschiedener Ätiologien. Da Patienten mit Schwindel eine 1,7-fach höhere Mortalität aufweisen, ist die korrekte diagnostische Einordnung essenziell, um abwendbar gefährliche Verläufe (z. B. Schlaganfall) rasch zu erkennen.

Ursachen und Differenzialdiagnostik

Die Anamnese ist der wichtigste Baustein der Diagnostik. Entscheidend sind zeitlicher Verlauf, Charakter (Dreh-, Schwank- oder Benommenheitsschwindel), Auslöser und Begleitsymptome.

ZeitverlaufAuslöserArt des SchwindelsWahrscheinliche Diagnose
SekundenKopfbewegung relativ zur SchwerkraftDrehschwindelBenigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPPV)
Sekunden/MinutenAufrichten aus Liegen/SitzenBenommenheitOrthostase
Minuten/StundenSpontanDreh-/Schwankschwindel (mit Hörminderung/Tinnitus)Morbus Menière
TageZunahme bei BewegungDrehschwindel (mit Nystagmus, Übelkeit)Akute unilaterale Vestibulopathie (AUVP)
TageSpontanDreh-/Schwankschwindel (mit neurologischen Ausfällen)Hirnstamm-/Kleinhirninfarkt

Starker Konsens: Bei Schwindel ohne eindeutige zentralnervöse oder vestibuläre Genese sollen internistische Ursachen (z. B. Herzrhythmusstörungen, Orthostase) erwogen und Medikamente auf unerwünschte Wirkungen geprüft werden.

Peripherer vs. Zentraler Schwindel

Die Unterscheidung zwischen peripheren (z. B. Innenohr) und zentralen (z. B. Hirnstamm) Ursachen ist überlebenswichtig.

KriteriumPeriphere StörungZentrale Störung
FallneigungAkut ja, chronisch geringAkut deutlich, chronisch deutlich
NystagmusHorizontal-torsionell, durch Fixation abschwächbarRein vertikal, richtungswechselnd, durch Fixation nicht reduziert
Neurologische SymptomeNeinMeistens (Doppelbilder, Paresen, Dysarthrie)
HörstörungJa (bei M. Menière)Sehr selten (nur bei AICA-Infarkt)

Der HINTS-Test

Starker Konsens: Bei erwachsenen Patienten mit akutem vestibulärem Syndrom (AVS) und Nystagmus soll routinemäßig der HINTS-Test durchgeführt werden, um zwischen zentralen und peripheren Diagnosen zu unterscheiden.

TestkomponentePeriphere Läsion (z. B. AUVP)Zentrale Läsion (z. B. Schlaganfall)
Head Impulse (Kopfimpulstest)Pathologisch (Korrektursakkade)Normal
NystagmusUnidirektionalRichtungswechselnd (Blickrichtungsnystagmus)
Test of Skew (Abdecktest)Keine vertikale AbweichungVertikale Achsenabweichung (Skew deviation)

Häufige Krankheitsbilder und Therapie

Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPPV)

Der BPPV ist die häufigste periphere Ursache.

  • Diagnostik: Starker Konsens: Routinemäßige Durchführung des diagnostischen Semont- oder Dix-Hallpike-Manövers.
  • Therapie: Starker Konsens: Behandlung mit geeigneten Befreiungsmanövern (Semont, Epley, Semont-Plus).

Akute unilaterale Vestibulopathie (AUVP / Neuritis vestibularis)

  • Symptome: Akuter Drehschwindel über Tage, Übelkeit, peripherer Spontannystagmus.
  • Therapie: Starker Konsens: In der Akutphase sollten Steroide gegeben werden.
  • Rehabilitation: Starker Konsens: Frühzeitiges Angebot einer vestibulären Rehabilitationstherapie (selbstständiges Training).

Morbus Menière

  • Symptome: Episodischer Schwindel (20 min bis 12 h), fluktuierende Hörminderung, Tinnitus, Ohrdruck.
  • Diagnostik: Starker Konsens: Diagnose bei zwei oder mehr Episoden mit typischer Symptomtrias.
  • Therapie: Physiotherapie/Vestibuläre Rehabilitationstherapie im chronischen Intervall.

Medikamentöse Therapie

Starker Konsens: Sedierende Antivertiginosa (z. B. Dimenhydrinat) sollen nur zur rein symptomatischen Behandlung eingesetzt und nicht länger als drei Tage gegeben werden, um die zentrale Kompensation nicht zu behindern.

💡Praxis-Tipp

Führen Sie bei akutem vestibulärem Syndrom immer den HINTS-Test durch. Ein unauffälliger Kopfimpulstest bei starkem Schwindel und Nystagmus spricht für eine zentrale Läsion (Notfall!).

Häufig gestellte Fragen

Mit dem diagnostischen Semont- oder Dix-Hallpike-Manöver. Bei Verdacht auf den horizontalen Bogengang wird der Supine-Head-Roll-Test angewendet.
Bei begleitenden neurologischen Ausfällen, unauffälligem Kopfimpulstest (HINTS), vertikalem Nystagmus oder Skew Deviation (Verdacht auf zentrales Geschehen wie einen Schlaganfall).
In der Akutphase mit Steroiden und einer frühzeitigen vestibulären Rehabilitationstherapie (selbstständiges Training).
Sedierende Antivertiginosa (z.B. Dimenhydrinat) sollten maximal 3 Tage zur reinen Symptomkontrolle eingesetzt werden, da sie sonst die zentrale Kompensation behindern.
Zwei oder mehr Schwindelepisoden (20 Minuten bis 12 Stunden) kombiniert mit fluktuierender Schallempfindungsschwerhörigkeit, Tinnitus oder Druckgefühl im betroffenen Ohr.

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