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Vestibuläre Funktionsstörungen: S2k-Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Differenzierung zwischen zentralen und peripheren Schwindelsyndromen ist durch strukturierte Anamnese und klinische Untersuchung meist möglich.
  • Beim akuten vestibulären Syndrom (AVS) soll ein 5-schrittiges Vorgehen (erweiterter HINTS-Test) zur Abgrenzung von zentralen Läsionen angewendet werden.
  • Der Video-Kopf-Impuls-Test (vHIT) und die kalorische Prüfung sind essenzielle Bestandteile der apparativen Basisdiagnostik.
  • Zu den häufigsten Diagnosen in Spezialambulanzen zählen funktioneller Schwindel, BPLS, zentraler Schwindel, vestibuläre Migräne und Morbus Menière.
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Hintergrund

Schwindel ist ein sehr häufiges Leitsymptom mit einer Lebenszeitprävalenz von knapp 30 % für moderate bis starke Beschwerden in der erwachsenen Bevölkerung. Die Ursachenklärung ist oft komplex, da verschiedene periphere Sensororgane und zentralnervöse Einheiten beteiligt sein können. Ziel der Diagnostik ist die exakte Differenzierung, um Fehlbehandlungen zu vermeiden und eine adäquate Therapie einzuleiten.

Klassifikation der Schwindelsyndrome

Die Leitlinie unterscheidet vier Hauptgruppen von Schwindelsyndromen:

Syndrom-GruppeUrsprung / PathophysiologieBeispiele
Periphere vestibuläre SyndromeLabyrinth und/oder N. vestibularis (beidseitig, einseitig oder paroxysmal)BPLS, Morbus Menière, akute unilaterale Vestibulopathie
Zentrale vestibuläre SyndromeLäsionen der vestibulären Bahnen (Hirnstamm, Zerebellum, Thalamus)Hirnstamm- oder Kleinhirninfarkt, vestibuläre Epilepsie
Funktionelle SchwindelsyndromeVerstärkte Selbstbeobachtung der BalancePPPD, Phobischer Schwankschwindel
Nicht-vestibuläre SyndromeInternistische oder pharmakologische UrsachenOrthostatische Dysregulation, Medikamentennebenwirkungen

Klinisches Vorgehen beim Akuten Vestibulären Syndrom (AVS)

Beim akuten vestibulären Syndrom besteht grundsätzlich das Risiko, zentralnervöse Ursachen (z. B. Schlaganfall) nicht korrekt von peripheren Läsionen abzugrenzen. Zur Differenzierung soll ein 5-schrittiges Vorgehen (erweiterter HINTS-Test) angewendet werden:

  • 1. Skew Deviation: Untersuchung auf vertikale Divergenz der Augen mittels alternierendem Cover-Test.
  • 2. Spontannystagmus: Prüfung auf peripheren vestibulären Spontannystagmus versus zentralen Fixationsnystagmus (mit Frenzel-Brille).
  • 3. Blickrichtungsnystagmus: Prüfung auf Nystagmus entgegen der Richtung eines möglichen Spontannystagmus oder vertikalen Blickrichtungsnystagmus.
  • 4. Kopfimpulstest (KIT): Prüfung des vestibulo-okulären Reflexes (VOR), bevorzugt quantitativ mittels Videookulographie (vHIT), um auch verdeckte Korrektursakkaden zu erfassen.
  • 5. Romberg-Test: Überprüfung der Standstabilität.

Zusätzlich soll obligat die Prüfung der Hirnnerven, der Sensibilität für Berührung und Schmerz, des Temperaturempfindens sowie grob der motorischen Kraft vorgenommen werden.

Apparative Basisdiagnostik

Fehlende Beschwerden schließen pathologische Funktionsbefunde nicht aus (und umgekehrt). Daher wird bei Schwindelbeschwerden sowie bei unklarer Hörminderung folgende Basisdiagnostik empfohlen:

  • Otoskopie/Mikrootoskopie (ggf. Tympanometrie)
  • Audiometrie (Tonschwellen- und ggf. Sprachaudiometrie)
  • ENG/VOG Spontannystagmus
  • ENG/VOG Kalorik und vHIT (Video-Kopf-Impuls-Test)
  • ENG/VOG langsame Blickfolge und Blickrichtungsnystagmus
  • ENG/VOG Lagenystagmus

Hinweis: Zur Verlaufskontrolle von Befunden des VOR sollte die VOG-Technik zum Einsatz kommen.

Wichtige Krankheitsbilder im Überblick

DiagnoseKlinische CharakteristikaDiagnostische Kriterien / Befunde
BPLS (Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel)Sekunden dauernde Drehschwindelattacken durch KopflageänderungPositives Dix-Hallpike- oder Sémont-Manöver mit typischem Nystagmus
Akute unilaterale VestibulopathieAkuter Schwindel (Tage bis Wochen), Intoleranz gegen KopfbewegungenHorizontal-torsioneller Spontannystagmus, pathologischer KIT, pathologische Kalorik
Morbus MenièreDrehschwindel (20 min - 12 h), Hörminderung, Tinnitus, OhrdruckAudiometrisch gesicherte Hörminderung, >2 spontane Attacken
Bilaterale VestibulopathieBewegungsabhängiger Schwankschwindel, Oszillopsien, schlimmer im DunkelnBilateral pathologischer vHIT (VOR <0,6) und/oder reduzierte Kalorik
Vestibuläre MigräneEpisodischer Schwindel (5 min - 72 h) mit Migränesymptomen>5 Episoden, Migräne-Anamnese, Kopfschmerz/Phonophobie/Photophobie in >50% der Attacken
Syndrome des 3. Fensters (z.B. SCDS)Schwindel durch Druckänderung oder laute Töne (Tullio-Phänomen)Typischer Nystagmus, VEMP-Auffälligkeiten, Nachweis im hochauflösenden CT

💡Praxis-Tipp

Achten Sie bei der Nystagmusprüfung genau auf die Schlagrichtung: Ein horizontaler Nystagmus mit torsioneller Komponente zur gleichen Seite spricht für eine periphere Läsion, während ein rein vertikaler, ein richtungswechselnder oder ein durch Fixation nicht unterdrückbarer Nystagmus ein Warnsignal für eine zentrale Störung darstellt.

Häufig gestellte Fragen

Nutzen Sie das 5-schrittige Vorgehen (erweiterter HINTS-Test) inklusive Prüfung auf Skew Deviation, Spontan- und Blickrichtungsnystagmus, Kopfimpulstest und Romberg-Test.
Empfohlen werden Otoskopie, Audiometrie sowie ENG/VOG zur Prüfung von Spontannystagmus, Kalorik, vHIT, Blickfolge und Lagenystagmus.
Mindestens 5 Schwindelepisoden (5 min bis 72 h) bei bekannter Migräne, wobei in mindestens 50 % der Attacken typische Migränesymptome wie Kopfschmerz, Photo- oder Phonophobie auftreten.
Der vHIT sollte bei akutem vestibulärem Syndrom, starker Beeinträchtigung oder bei Vorliegen eines Spontannystagmus im Nachgang zum klinischen Kopfimpulstest durchgeführt werden, um auch verdeckte Korrektursakkaden quantitativ zu erfassen.
Typischerweise dauert eine Attacke beim Morbus Menière zwischen 20 Minuten und 12 Stunden.

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