Schilddrüsenszintigraphie: Indikation und Durchführung
Hintergrund
Die AWMF-S1-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Nuklearmedizin (DGN) beschreibt die fachgerechte Durchführung der Schilddrüsenszintigraphie. Ziel der Untersuchung ist die Beurteilung der Funktionstopographie der Schilddrüse.
Der regelhaft zu bestimmende Tc-99m-Uptake (TcU) oder Radioiod-Uptake (RIU) dient als Clearanceäquivalent. Eine hohe Iodid-Clearance weist auf Iodmangel oder eine pathologisch erhöhte Hormonproduktion hin.
Eine niedrige Clearance deutet auf eine ausreichende Iodversorgung, einen mangelnden TSH-Stimulus oder eine Blockade durch Iodexzess beziehungsweise Thyreoiditiden hin. Sehr selten beruht ein fehlender Uptake auf kongenitalen Defekten.
Klinischer Kontext
Epidemiologie: Schilddrüsenerkrankungen gehören zu den häufigsten endokrinologischen Störungen in Deutschland, wobei Knoten bei bis zu 30 Prozent der Erwachsenen auftreten. Die Inzidenz steigt mit zunehmendem Lebensalter deutlich an.
Pathophysiologie: Die Schilddrüsenszintigraphie nutzt den physiologischen Jodstoffwechsel der Thyreozyten aus. Radiopharmaka wie Tc-99m Pertechnetat oder I-123 Natriumiodid werden über den Natrium-Iodid-Symporter in die Zellen aufgenommen und spiegeln so die regionale funktionelle Aktivität des Gewebes wider.
Klinische Bedeutung: Für die Abklärung von Schilddrüsenknoten und Hyperthyreosen ist die funktionelle Bildgebung essenziell. Sie ermöglicht die Differenzierung zwischen autonomen Adenomen, fokalen Entzündungen und potenziell malignen kalten Knoten.
Diagnostische Grundlagen: Die Untersuchung erfolgt in der Regel nach einer sonographischen Auffälligkeit oder bei pathologischen TSH-Werten. Die visuelle und quantitative Auswertung der Tracer-Aufnahme erlaubt eine präzise Zuordnung der Stoffwechselaktivität zu den morphologischen Strukturen.
Wissenswertes
Eine Szintigraphie wird typischerweise bei einem erniedrigten basalen TSH-Wert und Vorhandensein von Schilddrüsenknoten über 1 cm Durchmesser durchgeführt. Sie dient primär dem Ausschluss oder Nachweis einer fokalen oder disseminierten Autonomie.
Tc-99m Pertechnetat wird nur in die Schilddrüse aufgenommen, aber nicht organifiziert, was für Routinefragestellungen ausreicht und eine geringere Strahlenexposition bedeutet. I-123 Natriumiodid durchläuft den kompletten Jodstoffwechsel inklusive Organifizierung und wird oft bei ektopen Geweben bevorzugt.
Um eine aussagekräftige Darstellung der autonomen Funktion zu erhalten, muss eine suppressive Schilddrüsenhormontherapie vor der Untersuchung pausiert werden. Üblicherweise wird ein Absetzen von L-Thyroxin für etwa drei bis vier Wochen empfohlen.
Ein szintigraphisch kalter Knoten weist eine verminderte oder fehlende Tracer-Aufnahme auf und birgt ein Malignitätsrisiko von etwa drei bis fünf Prozent. Zur weiteren Abklärung wird in solchen Fällen häufig eine feinnadelaspirationszytologische Untersuchung herangezogen.
Schwangerschaft und Stillzeit gelten als absolute beziehungsweise relative Kontraindikationen für nuklearmedizinische Untersuchungen. Bei zwingender Indikation in der Stillzeit muss eine strenge Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen und das Stillen für eine spezifische Zeit unterbrochen werden.
Eine hohe Jodbelastung, beispielsweise durch jodhaltige Kontrastmittel oder Medikamente wie Amiodaron, blockiert die Tracer-Aufnahme. Daher ist eine Jodkarenz von mindestens vier bis sechs Wochen vor der Szintigraphie erforderlich.
Ärzte fragen zu diesem Thema
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie weist darauf hin, dass ein Tc-99m-Uptake von über 2,0 % unter Suppressionsbedingungen zwar für eine funktionell relevante Autonomie sprechen kann, dieser Wert jedoch auch bei gesunden Personen beobachtet wird. Es wird betont, dass ein hoher Uptake stets in Zusammenschau mit Anamnese und Vorbefunden interpretiert werden muss. Ein Suppressions-Uptake unter 0,5 % schließt eine stoffwechselrelevante Autonomie hingegen weitgehend aus.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie müssen T3-Präparate 10 Tage vor der Untersuchung abgesetzt werden. Bei T4-Präparaten (Levothyroxin) ist eine Pause von vier Wochen erforderlich.
Iodhaltige Röntgenkontrastmittel blockieren die Iodid-Clearance der Schilddrüse. Die Leitlinie empfiehlt, nach einer Kontrastmittelgabe vier Wochen bis zur Durchführung der Szintigraphie zu warten.
Iod-123 wird gemäß Leitlinie spezifisch bei der Diagnostik von Organifizierungsdefekten, wie dem Perchlorat-Test, eingesetzt. Zudem bietet es Vorteile bei der Darstellung von retrosternalem Schilddrüsengewebe.
Die Leitlinie gibt für Erwachsene eine Referenzaktivität von 70 MBq i.v. vor. Höhere Aktivitäten sind nur in Ausnahmefällen, wie bei immobilen Patienten oder großen Strumen, gerechtfertigt und müssen dokumentiert werden.
Ein fehlender oder sehr niedriger Uptake deutet auf eine blockierte Schilddrüse hin. Ursachen hierfür können laut Leitlinie ein Iodexzess, eine ablaufende Thyreoiditis oder in seltenen Fällen kongenitale Defekte sein.
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Quelle: Schilddrüsenszintigraphie mit Tc-99m Pertechnetat und I-123 Natriumiodid (AWMF, 2025). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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