Radioiodtherapie benigner Schilddrüsenerkrankungen (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Radioiodtherapie (RIT) erfolgt zwingend stationär als Einzeittherapie zur Behandlung von Autonomien, Morbus Basedow und Strumen.
- •Thyreostatika (Thiamazol/Carbimazol) müssen 2-3 Tage vor der RIT abgesetzt und 3-5 Tage danach wieder angesetzt werden.
- •Vor der Therapie ist eine strikte Iodkarenz (z.B. 8-12 Wochen nach iodhaltigem Kontrastmittel) erforderlich.
- •Bei Morbus Basedow wird standardmäßig ein ablatives Dosiskonzept mit einer Zieldosis von ca. 300 Gy angestrebt.
- •Bei vorbestehender endokriner Orbitopathie oder Vorliegen von Risikofaktoren (z.B. Nikotinkonsum) ist eine begleitende Glukokortikoid-Therapie indiziert.
Hintergrund
Die Radioiodtherapie (RIT) ist die systemische Applikation des Beta- und Gammastrahlers I-131 als Natriumiodid. Ziel ist das Erreichen hoher intrathyreoidaler Strahlendosen zur Beseitigung einer Hyperthyreose oder Autonomie, zur Volumenreduktion einer Struma oder zur Antigen-Reduktion bei Morbus Basedow. Die Therapie muss aus Strahlenschutzgründen zwingend stationär als Einzeittherapie erfolgen.
Indikationen und Therapiewahl
Die Entscheidung zwischen konservativer, operativer und nuklearmedizinischer Therapie erfordert eine individuelle Abwägung. Schwangerschaft und Stillzeit gelten als absolute Kontraindikationen für die RIT.
| Therapieoption | Bevorzugte Indikation / Kriterien |
|---|---|
| Thyreostatika | M. Basedow mit geringem Rezidivrisiko (weiblich, >40 J., Volumen <40 ml, TRAK <10 IU/l nach 6 Monaten) |
| Operation | Malignomverdacht, Kompressionssymptome (Trachea <5-6 mm), große Zysten, floride Orbitopathie, zeitnaher Kinderwunsch |
| Radioiodtherapie | M. Basedow mit hohem Rezidivrisiko, Autonomie (TSH ≤0,4 mU/l), erhöhtes OP-Risiko, Voroperation am Hals, Ablehnung einer OP |
Vorbereitung auf die Radioiodtherapie
Eine sorgfältige Vorbereitung ist entscheidend für den Therapieerfolg und die korrekte Dosimetrie:
- Thyreostatische Therapie: Bei manifester Hyperthyreose Rekompensation mit Thiamazol/Carbimazol. Vorübergehendes Absetzen 2-3 Tage vor der RIT und erneuter Beginn 3-5 Tage nach I-131-Gabe.
- Iodkarenz: Vermeidung von Iod-Exzess. Nach iodhaltigem Kontrastmittel müssen 8 bis 12 Wochen (mindestens 2 Monate) abgewartet werden. Nach Amiodaron-Gabe ≥12 Monate. Eine iodarme Diät wird für 2 Wochen vor dem Radioiodtest empfohlen.
- Schwangerschaftsausschluss: Beta-hCG-Test bei gebärfähigen Frauen zwingend erforderlich.
- Radioiodtest: Individuelle Messung der Retention (Uptake, effektive Halbwertszeit) zur Dosiskalkulation ist gesetzlich vorgeschrieben.
Dosiskonzepte
Die Leitlinie empfiehlt krankheitsspezifische Zieldosen (Herddosen), die individuell berechnet werden. Standardaktivitäten sind abzulehnen.
| Indikation | Zieldosis (Entscheidungskorridor) | Bemerkung |
|---|---|---|
| Uni-/Multifokale Autonomie | 300 - 400 Gy | Auf das szintigraphisch abgrenzbare autonome Knotenvolumen |
| Disseminierte Autonomie | ca. 120 Gy (100 - 150 Gy) | Bis 200 Gy bei raschem Therapiebedarf möglich |
| M. Basedow (ablativ) | ca. 300 Gy (250 - 350 Gy) | Führt zur Hypothyreose; lebenslange Levothyroxin-Substitution nötig |
| Strumaverkleinerung | ca. 120 Gy (100 - 150 Gy) | Bis 200 Gy bei Rezidivstruma nach Voroperation |
Begleittherapie bei Morbus Basedow (Endokrine Orbitopathie)
Die RIT kann eine endokrine Orbitopathie (EO) verschlechtern oder demaskieren. Der stärkste Risikofaktor hierfür ist der Nikotinkonsum.
| Klinischer Status | Empfehlung zur Glukokortikoid-Gabe |
|---|---|
| Keine EO, keine Risikofaktoren | Keine Prophylaxe angeraten |
| Keine EO, aber Risikofaktoren* | Fakultativ (z.B. halbe Dosis jeden 2. Tag für 4-6 Wochen) |
| Vorbestehende inaktive/milde EO | 0,4 - 0,5 mg Prednison/kg KG/d für 4-6 Wochen (Beginn mit I-131-Gabe) |
| Floride EO | Höhere Dosis / Stoßtherapie (z.B. 1,0 - 1,5 mg/kg KG/d oral oder i.v.) |
Risikofaktoren: Nikotinkonsum, hohe TRAK, hohe fT3-Werte, fehlende Rekompensation.
Ergebnisse und Nachsorge
Der Wirkungseintritt der RIT ist meist nach zwei bis drei Monaten zu erwarten.
- Erfolgsraten: Autonomiebeseitigung in ca. 90%. Beseitigung der Hyperthyreose bei M. Basedow (ablatives Konzept) in >95%.
- Volumenreduktion: Bei Struma nodosa ca. 30-50%, bei M. Basedow oder fokaler Autonomie Reduktion auf 10-20% des Ausgangsvolumens.
- Nachsorge: Erste Erfolgskontrolle nach 3 bis 6 Monaten. Eine Hypothyreose tritt beim ablativen Konzept regelhaft auf (>95%) und erfordert eine frühzeitige, lebenslange Substitution mit Levothyroxin. Auch bei Autonomien werden Hypothyreoseraten von 10-70% im Langzeitverlauf beobachtet.
💡Praxis-Tipp
Achten Sie auf eine strikte Iodkarenz: Nach CT-Untersuchungen mit iodhaltigem Kontrastmittel muss die Radioiodtherapie um mindestens 2 Monate (besser 8-12 Wochen) verschoben werden. Vergessen Sie nicht, Thiamazol 2-3 Tage vor der Therapie zu pausieren.