Radioiodtest (I-131/I-123): S1-Leitlinie (AWMF/DGN)
📋Auf einen Blick
- •Der Radioiodtest dient der prätherapeutischen Dosisabschätzung vor einer Radioiodtherapie (RIT) und ist in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben.
- •Thyreostatika müssen 2-3 Tage vor dem Test abgesetzt werden, stark iodhaltige Substanzen (z.B. Kontrastmittel) bereits 8 Wochen zuvor.
- •Für die Standard-Dosimetrie wird I-131 NaI oral verabreicht, für Kurz- oder Depletionstests I-123 NaI i.v.
- •Zur Bestimmung der effektiven Halbwertszeit sind mindestens zwei Messungen erforderlich (früh nach maximalem Uptake und nach 4-8 Tagen).
- •Bei kongenitaler Hypothyreose hilft der Depletionstest mit Perchlorat bei der Differenzialdiagnostik von Iodisationsstörungen.
Hintergrund
Der Radioiodtest dient primär der prätherapeutischen Dosisabschätzung vor einer Radioiodtherapie (RIT) bei benignen Schilddrüsenerkrankungen. In Deutschland ist diese individuelle Aktivitätsermittlung gesetzlich vorgeschrieben, um die Strahlenexposition im Zielorgan und Restkörper zu optimieren.
Zentrale Begriffe der Leitlinie sind:
- Radioiod-Uptake (RIU): Der Anteil des applizierten Radioiods, der sich zu einer definierten Zeit in der Schilddrüse befindet.
- Radioiodkinetik: Der patientenindividuelle zeitliche Verlauf des RIU.
- Effektive Halbwertszeit: Der Zeitraum, in dem die Hälfte des Radioiods durch physikalischen Zerfall und biologische Stoffwechselvorgänge aus der Schilddrüse entfernt wird.
Indikationen
- Vor Radioiodtherapie benigner Schilddrüsenerkrankungen
- Differenzialdiagnostik bei kongenitaler primärer Hypothyreose (Iod-Stoffwechselstudium inkl. Depletionstest)
Patientenvorbereitung
Um identische Kinetiken zwischen Test und Therapie zu gewährleisten, müssen die Bedingungen (z.B. Medikation, Iodversorgung) vergleichbar sein.
| Maßnahme | Zeitfenster | Bemerkung |
|---|---|---|
| Absetzen von Thyreostatika | 2-3 Tage vorher | Erhöht RIU und effektive Halbwertszeit. |
| Karenz stark iodhaltiger Stoffe | 8 Wochen vorher | Gilt für Kontrastmittel, Desinfektionsmittel, Iodid. Bei Amiodaron wesentlich länger (ggf. Iodurie messen). |
| Iodarme Diät | 2 Wochen vorher | Empfohlen zur Optimierung des Uptakes. |
| Nüchternheit | 4h vor bis 1h nach Gabe | Verhindert eine verminderte oder verzögerte Resorption. |
| Hydratation | Erste 24h nach Gabe | Reduziert die Strahlenexposition der Harnblase. |
Wichtig: Eine Schwangerschaft muss ausgeschlossen sein. Das Stillen ist vor einer I-131-Applikation zu beenden.
Radiopharmaka
| Radiopharmakon | Applikation | Referenzaktivität | Indikation |
|---|---|---|---|
| I-131 NaI | oral (Kapsel) | 3 MBq | Standard-Radioiodtest |
| I-123 NaI | i.v. | 10 MBq | Kurztest, Depletionstest |
Hinweis: Bei Kindern erfolgt eine gewichtsbezogene Reduktion der Aktivität.
Durchführung und Messzeitpunkte
Die Messung erfolgt meist mit einer Messsonde (Natrium-Iodid-Kristall) in mindestens 25 cm Abstand oder per Gammakamera.
| Messstrategie | Zeitpunkte | Zielsetzung |
|---|---|---|
| Einzelmessung | Nach 5-8 Tagen | Prinzipiell ausreichend zur Berechnung der RIT-Aktivität. |
| Zweipunktmessung | Früh nach max. Uptake + nach 4-8 Tagen | Bestimmung der effektiven Halbwertszeit. |
| Dreipunktmessung | Z.B. 1, 2-3 und 5-8 Tage | Genauere Bestimmung der Iodkinetik. |
| Kurztest (I-123/I-131) | Nach 4-6h und 24h | Ausnahmefall, wenn späte Messungen organisatorisch nicht zumutbar sind. |
Depletionstest
Bei kongenitaler Hypothyreose dient der Test der Erkennung von Iodisationsstörungen (z.B. Pendred-Syndrom).
- I-123 NaI i.v. applizieren.
- Quantitative Schilddrüsenszintigraphie bis 3h p.i.
- Orale Gabe von Natriumperchlorat (Erwachsene: 1 g).
- Erneute Quantifizierung 2h nach Perchloratgabe.
Ein Abfall der Zeit-Aktivitätskurve um mehr als 15-20 % spricht für eine Störung der Organifizierung.
💡Praxis-Tipp
Achten Sie auf eine exakte sonographische Volumetrie der Schilddrüse, da Fehler bei der Bestimmung der Zielvolumen-Masse (oft bis zu 25 % Abweichung) linear in die Berechnung der zu applizierenden Therapieaktivität eingehen.