Topische Therapie & Dermatika: S2k-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Wahl der galenischen Grundlage ist essenziell und beeinflusst die kutane Bioverfügbarkeit sowie den therapeutischen Effekt maßgeblich.
- •Rezepturarzneimittel sind indiziert, wenn kein adäquates Fertigarzneimittel verfügbar ist oder Allergien gegen Inhaltsstoffe bestehen.
- •Der Bedarf an Topika lässt sich über die Finger-Tip-Unit (FTU = 0,5 g für 2 % Körperoberfläche) berechnen.
- •Bei chronisch-entzündlichen Hauterkrankungen ist eine konsequente Basistherapie zur Normalisierung der Barrierefunktion obligatorisch.
- •Zwischen der Applikation einer Pharmakotherapie und einer Basistherapie sollten mindestens 30 Minuten Abstand liegen.
Hintergrund
Die topische Therapie ist eine Kernkompetenz der Dermatologie. Die Pharmakokinetik eines topischen Wirkstoffs wird durch drei funktionell überlappende Phasen bestimmt:
- Liberation: Freisetzung des Wirkstoffs aus der Grundlage
- Penetration: Eindringen in die Hautkompartimente
- Permeation: Durchdringen des gesamten Hautorgans
Die kutane Bioverfügbarkeit hängt maßgeblich von den physikochemischen Eigenschaften des Wirkstoffs, der galenischen Grundlage und dem Zustand der Haut am Applikationsort ab.
Regulatorische Kategorien und Verordnung
Topika werden in Arzneimittel (Fertig- und Rezepturarzneimittel), Medizinprodukte und kosmetische Mittel unterteilt. Eine Substitution in der Apotheke (aut-idem-Regelung) rein nach Wirkstoffgleichheit unter Missachtung der galenischen Grundlage wird nicht empfohlen, da die Grundlage den therapeutischen Effekt wesentlich mitbestimmt.
Indikationen für Rezepturarzneimittel
| Empfehlung | Kriterium | Bemerkung |
|---|---|---|
| Wird empfohlen | Fehlendes Fertigpräparat | Wenn kein Fertigarzneimittel in geeigneter Form/Dosis verfügbar ist |
| Wird empfohlen | Unverträglichkeiten | Bei Allergien gegen Inhaltsstoffe von Fertigpräparaten |
| Wird empfohlen | Individualisierung | Zur Erhöhung der Adhärenz bei chronisch Kranken |
| Wird nicht empfohlen | Wirtschaftlichkeit | Wenn ein vergleichbares, wirtschaftliches Fertigpräparat existiert |
| Wird nicht empfohlen | Akuter Bedarf | Wenn der Hautzustand einen sofortigen Therapiebeginn erfordert |
Dosierung und Mengenberechnung
Um eine Unterversorgung zu vermeiden, muss die verordnete Menge exakt kalkuliert werden. Der Patient sollte über die aufzutragende Menge instruiert werden.
| Maßstab | Entsprechung | Benötigte Menge Topikum |
|---|---|---|
| 1 % KOF (Körperoberfläche) | 1 Handinnenfläche inkl. Finger | 0,25 g |
| 2 % KOF | 2 Handinnenflächen | 0,5 g = 1 Finger Tip Unit (FTU) |
Galenische Grundlagen
Die Grundlage dient nicht nur als Vehikel, sondern besitzt eine therapeutische Eigenwirkung. Die Auswahl muss den Hautzustand (inkl. Pathogenese), die Lokalisation und die Akuität der Dermatose berücksichtigen.
| Grundlage | Eigenschaften | Beispiele |
|---|---|---|
| Salben | Wasserfrei, lipophil oder hydrophil | Vaseline, Macrogolsalbe |
| Cremes | Mehrphasig (Wasser + Öl + Emulgator) | Basiscreme DAC, Kühlcreme |
| Gele | Quellfähige Matrixbildner, viskös | Hydroxyethylcellulosegel |
| Pasten | Halbfest mit unlöslichem Partikelanteil | Weiche Zinkpaste DAB |
Basistherapie
Bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen (z. B. atopische Dermatitis, Psoriasis, Ichthyosen) wird eine Basistherapie als fester Bestandteil empfohlen.
- Ziel ist die Normalisierung der Barrierefunktion.
- Wasserfreie Salben sind für trockene Haut ungeeignet (Gefahr der negativen Wasserbilanz).
- Empfohlen werden an den Hautzustand angepasste Wasseranteile mit wasserbindenden Stoffen (z. B. Urea, Glycerol).
- Zwischen der Applikation von Pharmakotherapie und Basistherapie sollten mindestens 30 Minuten liegen.
Allergien und Unverträglichkeiten
Ein irritativ vorgeschädigtes Stratum corneum begünstigt Kontaktekzeme. Bei sogenannten "Problemallergenen" (z. B. Wollwachsalkohole, Propylenglycol, Cocamidopropylbetain) sind schwach positive Epikutantestbefunde oft irritativer und nicht allergischer Genese.
- Parabene: Gelten allergologisch als unbedenklich (Sensibilisierung < 1 %). Das "Paraben-Paradox" beschreibt, dass Patienten mit Ulcus cruris lokal auf Parabene reagieren können, diese aber auf intakter Haut problemlos vertragen.
- Bei nachgewiesener Sensibilisierung wird empfohlen, eine Grundlage zu wählen, die das Allergen nicht enthält (z. B. Macrogolsalbe DAC oder Kühlcreme DAB bei diversen Allergien).
Besondere Patientengruppen
- Kinder: Die kindliche Haut hat eine erhöhte Permeabilität und geringere Reservoirfunktion. Es resultieren höhere kutane Maximalkonzentrationen. Salizylsäure, bestimmte Antiseptika (PVP-Jod, Triclosan) und Antibiotika (Gentamycin, Neomycin) sollten nur streng indiziert eingesetzt werden.
- Schwangere: Bei Behandlung von > 10 % der Körperoberfläche kann eine potenziell risikoträchtige systemische Bioverfügbarkeit resultieren.
- Alter: Atrophie von Epidermis und Korium erfordert oft eine Reduktion der Applikationshäufigkeit.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie zur Mengenberechnung die Finger-Tip-Unit (FTU): 1 FTU entspricht 0,5 g und reicht für 2 % der Körperoberfläche (zwei Handinnenflächen). Lassen Sie zwischen der Applikation eines wirkstoffhaltigen Topikums und der Basistherapie mindestens 30 Minuten Abstand.