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Tauchunfall: S2k-Leitlinie zur Diagnostik & Therapie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Jedes nach einem Tauchgang neu aufgetretene Symptom gilt primär als möglicher Tauchunfall.
  • Die Einteilung des Schweregrads erfolgt rein klinisch in milde und schwere Symptome.
  • Die wichtigste Sofortmaßnahme ist die ununterbrochene Gabe von 100 % Sauerstoff.
  • Eine nasse Rekompression (In Water Recompression) im Gewässer wird strikt abgelehnt.
  • Goldstandard der definitiven Therapie ist die Druckkammerbehandlung (HBOT), standardmäßig nach US Navy Treatment Table 6.
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Hintergrund

Ein Tauchunfall ist ein potenziell lebensbedrohliches Ereignis, das durch den Abfall des Umgebungsdruckes beim Tauchen (mit oder ohne Gerät) entsteht. Pathophysiologisch werden zwei Hauptformen unterschieden:

  • Dekompressionskrankheit (DCS): Entstehung von Gasblasen in Geweben und Blut durch Übersättigung mit Inertgas (z. B. Stickstoff) während des Aufstiegs.
  • Arterielle Gasembolie (AGE): Übertritt von Atemgas in das arterielle System durch ein pulmonales Barotrauma (z. B. bei unzureichender Abatmung des expandierenden Gases beim Aufstieg).

Symptome und Schweregrade

Die Leitlinie klassifiziert Tauchunfälle rein klinisch. Alle nach einem Tauchgang neu aufgetretenen Symptome sollen als möglicher Tauchunfall angesehen werden, sofern keine andere Ursache offensichtlich ist.

SchweregradTypische Symptome
Milde SymptomeAuffällige Müdigkeit, Hautjucken (ohne sichtbare Veränderungen)
Schwere SymptomeSichtbare Hautveränderungen, Missempfindungen (Ameisenlaufen), Taubheit, Gliederschmerzen ("Bends"), gürtelförmige Schmerzen, Lähmungen, Blasenentleerungsstörungen, Koordinationsstörungen, Schwindel, Bewusstseinsstörungen, Atembeschwerden, Schock

Diagnostik

Die Diagnose wird anhand der klinischen Symptomatik gestellt. Technische Zusatzuntersuchungen sind zur Diagnosestellung nicht erforderlich und dürfen die Therapie nicht verzögern.

  • Neurologische Untersuchung: Soll frühestmöglich erfolgen. Eine erste orientierende Untersuchung (z. B. "NeuroCheck für Taucher") soll bereits durch Ersthelfer durchgeführt werden.
  • Bildgebung: Routinemäßig nicht erforderlich. Nur bei Verdacht auf einen Pneumothorax (Röntgen-Thorax, Sonographie, CT) oder zur Differenzialdiagnostik indiziert.
  • Konsultation: Frühestmöglich soll ein tauchmedizinisch fortgebildeter Arzt telefonisch beratend hinzugezogen werden (z. B. über DAN-Hotline).

Therapie und Erstmaßnahmen

Für die Behandlung von Tauchunfällen gibt es, abgesehen von Sauerstoff, kein Medikament mit wissenschaftlich eindeutig nachgewiesener Wirksamkeit.

MaßnahmeDurchführung / Bemerkung
SauerstoffgabeSofort 100 % O2 über das System mit der höchsten verfügbaren Konzentration (z. B. Demand-Ventil, CPAP/NIV, HFNC). Ohne Pause bis zur Druckkammer fortführen!
Flüssigkeit0,5–1 Liter/Stunde. Bei Bewusstsein oral (isotonisch, ohne Kohlensäure), durch Fachpersonal intravenös (Vollelektrolytlösung).
LagerungRuhiglagerung, Seitenlage bei Bewusstseinsstörung. Keine Kopftieflagerung!
Nasse RekompressionEine "In Water Recompression" soll nicht durchgeführt werden.

Druckkammerbehandlung (HBOT)

Die Hyperbare Sauerstofftherapie (HBOT) ist die definitive Therapie und alternativlos. Auch ein verzögerter Behandlungsbeginn (selbst nach Tagen) kann noch eine Besserung bewirken.

  • Indikation: Besteht grundsätzlich bei allen schweren Symptomen. Bei milden Symptomen indiziert, wenn diese nach 30 Minuten 100 % O2-Atmung nicht rückläufig sind.
  • Standard-Tabelle: US Navy Treatment Table 6 (initialer Behandlungsdruck 280 kPa).
  • Verkürzung: Nur bei vollständigem Rückgang spezifischer leichter Symptome innerhalb der ersten 10 Minuten auf 280 kPa kann auf kürzere Tabellen (z. B. US Navy Treatment Table 5) gewechselt werden.
  • Folgebehandlungen: Sind nach der ersten Behandlung noch Symptome vorhanden, soll sich innerhalb von 24 Stunden eine Folgebehandlung anschließen.

Transport

Der Transport zur nächsten geeigneten Notaufnahme (idealerweise in der Nähe einer Behandlungsdruckkammer) soll mit dem schnellsten und schonendsten Transportmittel erfolgen.

  • Hubschrauber: Sind geeignet, sollen aber die niedrigste fliegerisch vertretbare Flughöhe wählen.
  • Bodengebunden: Bei Fahrten über Bergpässe besteht das Risiko einer weiteren Druckreduktion.
  • Sekundärtransport: Flüge mit üblichem Kabinendruck (z. B. Linienflug mit 0,8 bar absolut) stellen nach der Primärversorgung kein prinzipielles Transporthindernis dar, müssen aber im Einzelfall mit einem Taucherarzt abgestimmt werden.

💡Praxis-Tipp

Verabreichen Sie bei jedem Verdacht auf einen Tauchunfall sofort 100 % Sauerstoff über ein dicht schließendes System (z. B. Demand-Ventil oder CPAP) und vermeiden Sie zwingend eine Kopftieflagerung. Warten Sie nicht auf bildgebende Diagnostik, bevor Sie die Sauerstofftherapie starten.

Häufig gestellte Fragen

Laut Leitlinie soll eine nasse Rekompression nicht durchgeführt werden. Sie bleibt absoluten Ausnahmefällen durch speziell ausgebildete professionelle Teams vorbehalten, wenn keine Druckkammer erreichbar ist.
Empfohlen werden 0,5 bis 1 Liter Vollelektrolytlösung pro Stunde intravenös.
Die Standard-Behandlungstabelle für alle Tauchunfälle ist die 'US Navy Treatment Table 6' mit einem initialen Behandlungsdruck von 280 kPa.
Ja, der Transport soll mit dem schnellsten und schonendsten Mittel erfolgen. Hubschrauber sollen jedoch die niedrigste fliegerisch vertretbare Flughöhe wählen, um einen weiteren Druckabfall zu minimieren.
Abgesehen von 100 % Sauerstoff und intravenöser Flüssigkeit gibt es für kein Medikament eine wissenschaftlich nachgewiesene Wirksamkeit beim Tauchunfall. Medikamente werden nur symptomorientiert nach notfallmedizinischen Standards eingesetzt.

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