Sauerstoff in der Akuttherapie: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Sauerstoff ist ein Medikament und dient ausschließlich der Behandlung einer Hypoxämie, nicht der Linderung von Atemnot ohne Hypoxämie.
- •Die Pulsoximetrie (SpO2) ist das primäre Überwachungsinstrument und soll bei jeder Sauerstoffgabe verfügbar sein.
- •Arterielle Blutgasanalysen (BGA) sind bei kritisch Kranken, Beatmeten und Patienten mit Hyperkapnie-Risiko indiziert.
- •Venöse Blutgasanalysen eignen sich nicht zur Steuerung der Oxygenierung, können aber eine Hyperkapnie ausschließen (pvCO2 < 45 mmHg).
- •Hyperoxämie ist potenziell schädlich, bietet keinen klinischen Nutzen und ist mit einer erhöhten Sterblichkeit assoziiert.
Hintergrund
Sauerstoff ist ein Arzneimittel und wird in der Akutmedizin häufig unkritisch angewendet. Die vorliegende S3-Leitlinie definiert die Sauerstoffsättigung (SpO2/SaO2) als zentralen Zielparameter. Ein wesentliches Ziel ist es, sowohl die Hypoxämie adäquat zu behandeln als auch die potenziell schädliche Hyperoxämie zu vermeiden, welche mit erhöhter Sterblichkeit und Organtoxizität assoziiert ist.
Indikation und klinische Einschätzung
Sauerstoff soll verabreicht werden, um eine Hypoxämie zu behandeln (Empfehlungsgrad A). Sauerstoff soll nicht zur Behandlung von Atemnot ohne Vorliegen einer Hypoxämie eingesetzt werden.
Bei der Einschätzung von Patienten mit Atemnot sollen neben der Sauerstoffsättigung zwingend weitere Vitalparameter bestimmt werden:
- Atemfrequenz (besonders wichtig, z. B. im NEWS2-Score)
- Pulsfrequenz
- Blutdruck
- Temperatur
- Bewusstseinslage
Überwachung mittels Pulsoximetrie
Die Pulsoximetrie (SpO2) soll in allen klinischen Situationen verfügbar sein, in denen Sauerstoff medizinisch verwendet wird (Empfehlungsgrad A). Sie dient der kontinuierlichen Überwachung, unterliegt jedoch gewissen Einschränkungen:
| Limitationen der Pulsoximetrie | Bemerkung |
|---|---|
| Falsch hohe Werte | Bei Kohlenmonoxid-Vergiftung (Raucher) oder Methämoglobinämie |
| Überschätzung der Sättigung | Bei dunkler Hautfarbe, dunklem Nagellack oder Sichelzellkrisen |
| Ungenauigkeit | Besonders bei Werten < 80 % (Abweichungen zur arteriellen Messung) |
Blutgasanalysen (BGA)
Die Leitlinie differenziert klar zwischen den verschiedenen Abnahmeorten für Blutgasanalysen zur Überwachung der Sauerstofftherapie.
Arterielle BGA
Eine routinemäßige Bestimmung bei stabilen Patienten ohne Hyperkapnie-Risiko sollte nicht erfolgen. Bei folgenden Patientengruppen sollte stationär eine arterielle BGA durchgeführt werden (Empfehlungsgrad B):
| Indikation zur arteriellen BGA | Beispiele / Kriterien |
|---|---|
| Kritisch kranke Patienten | Schock, metabolische Störungen |
| Beatmete Patienten | Invasive und nicht-invasive Beatmung |
| Schwere Hypoxämie | O2-Bedarf > 6 L/min bzw. FiO2 > 0,4 |
| Hyperkapnie-Risiko | COPD, schweres Asthma, Adipositas (BMI > 40 kg/m2) |
| Unzuverlässige Pulsoximetrie | Schlechtes Signal, Artefakte |
Kapilläre und Venöse BGA
| BGA-Art | Indikation / Stellenwert | Evidenz / Empfehlung |
|---|---|---|
| Kapillär (Ohrläppchen) | Patienteneinschätzung bei stabilen Patienten außerhalb der Intensivstation. | Empfehlung 0: Kann eingesetzt werden. Setzt gute Hyperämisierung voraus. |
| Venös | Nicht zur Überwachung der Oxygenierung geeignet (pO2 venös ist 13-37 mmHg niedriger). | Empfehlungsgrad A: Soll nicht zur O2-Überwachung verwendet werden. |
| Venös (Sonderfall) | Ausschluss einer Hyperkapnie. | Kann bei einem pvCO2 < 45 mmHg eine arterielle Hyperkapnie sicher ausschließen. |
Gefahren der Hyperoxämie
Eine Hyperoxämie (z. B. SpO2 > 96 % bei unkritischer O2-Gabe) bietet keinen klinischen Nutzen und ist potenziell gefährlich. Zu den Risiken zählen:
- Erhöhte Krankenhaussterblichkeit bei verschiedenen Akuterkrankungen (Sepsis, Schlaganfall, Herzinfarkt).
- Koronare und zerebrale Vasokonstriktion.
- Resorptionsatelektasen und direkte Lungentoxizität.
- Gefahr des hyperkapnischen Atemversagens bei COPD-Patienten durch Aufhebung der hypoxischen pulmonalen Vasokonstriktion.
💡Praxis-Tipp
Achten Sie auf die Atemfrequenz als essenziellen Prognoseparameter. Bei Patienten mit dunkler Hautfarbe kann die Pulsoximetrie die Sättigung überschätzen – setzen Sie die Schwelle für eine arterielle BGA hier niedriger an.