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Kohlenmonoxidvergiftung: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Diagnose basiert auf Klinik und Exposition; ein negativer CO-Hb-Wert schließt eine Vergiftung nicht aus.
  • Bei Verdacht muss sofort eine Therapie mit 100 % Sauerstoff (z. B. über Masken-CPAP oder High-Flow-Maske) begonnen werden.
  • Eine BGA (CO-Hb, Laktat, pH) sowie ein 12-Kanal-EKG und kardiale Biomarker sind bei jedem Verdachtsfall obligatorisch.
  • Symptomatische Patienten müssen immer stationär aufgenommen werden.
  • Eine hyperbare Sauerstofftherapie (HBOT) ist bei schweren Verläufen und Schwangeren indiziert und sollte innerhalb von 6 Stunden beginnen.
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Hintergrund

Kohlenmonoxid (CO) ist ein geruch- und farbloses Gas, das bei unvollständigen Verbrennungsvorgängen entsteht (z. B. Brände, defekte Heizungen, Holzkohlegrills in Innenräumen, Wasserpfeifen). CO bindet mit 230- bis 300-fach höherer Affinität an Hämoglobin als Sauerstoff. Dies führt zu einer Linksverschiebung der Sauerstoffbindungskurve und einer verminderten Sauerstoffabgabe ins Gewebe. Zudem bindet CO an Myoglobin und beeinträchtigt intrazelluläre Enzymsysteme (z. B. Cytochrom-C-Oxidase), was eine Gewebehypoxie, oxidativen Stress und Inflammation verursacht. Besonders vulnerabel sind das zentrale Nervensystem und das Herz.

Symptome und Schweregrade

Die Symptomatik einer akuten Kohlenmonoxidvergiftung ist oft unspezifisch und variiert stark. Die Diagnose erfordert klinische Symptome und eine nachgewiesene oder wahrscheinliche Exposition.

SchweregradTypische Symptome
Leicht bis mittelschwerKopfschmerzen, Schwindel, Schwächegefühl, Übelkeit, Erbrechen, Konzentrationsstörungen, Sehstörungen
SchwerOrientierungsstörungen, Bewusstseinsstörung, Krampfanfall, Angina pectoris, Herzrhythmusstörungen, Dyspnoe/Tachypnoe, Lungenödem, metabolische Azidose, EKG-Veränderungen

Diagnostik

Die Diagnosestellung erfolgt primär klinisch. Ein negativer CO-Hb-Nachweis darf nicht zum Ausschluss einer Vergiftung führen, wenn Anamnese und Symptome passend sind. Normale Pulsoximeter können nicht zwischen CO-Hb und Oxyhämoglobin unterscheiden.

Folgende Diagnostik soll bei jedem Patienten mit Verdacht auf CO-Vergiftung erfolgen:

  • BGA (venös, arteriell oder kapillär): Bestimmung von CO-Hb, pH-Wert und Laktat.
  • Kardiale Diagnostik: 12-Kanal-EKG und Biomarker (Troponin, CK, CK-MB).
  • Neurologische Untersuchung: Inklusive z. B. Minimal Mental State (MMS-Test).
  • Toxikologisches Screening: Bei Anhaltspunkten für Ko-Intoxikationen oder Suizidalität.

Therapie und Krankenhauseinweisung

Die wichtigste Maßnahme ist die sofortige Elimination des Kohlenmonoxids durch Sauerstoffgabe.

  • Sauerstofftherapie: Unverzüglich 100 % Sauerstoff applizieren (unabhängig von der SpO2).
  • Applikationswege: Masken-CPAP (NIV), Demand-Ventil, Konstantdosierung (High-Flow) über dicht abschließende Maske mit Reservoir oder invasiv bei unzureichenden Schutzreflexen.
PatientenstatusEmpfehlung zur Krankenhauseinweisung
SymptomatischImmer Krankenhauseinweisung empfohlen
Asymptomatisch (< 5 % CO-Hb)Keine Einweisung erforderlich (bei Rauchern bis 10 % CO-Hb)
Asymptomatisch (Schwanger/Kind)Krankenhauseinweisung erwägen bzw. anbieten

Hyperbare Sauerstofftherapie (HBOT)

Die HBOT beschleunigt die CO-Elimination und kann das Risiko von neurologischen Spätschäden reduzieren.

KriteriumEmpfehlung zur HBOT
IndikationenSchwere Vergiftung (Bewusstseinsstörung, metabolische Azidose, respiratorische Insuffizienz, kardiale Ischämie), Schwangere
ZeitfensterBeginn innerhalb von 6 Stunden. Nach > 24 Stunden nicht mehr empfohlen.
Therapieschema3x innerhalb von 24h. Initial 300 kPa für 90 min (Boerema-Schema), danach ≥ 2,4 bar.

Hinweis: Bei Kindern ist die Evidenz für die HBOT unzureichend. Sie sollte nur in besonderen Einzelfällen (z. B. schwerwiegende, persistierende Bewusstseinsstörung) unter pädiatrisch-intensivmedizinischer Expertise erwogen werden.

Prognose und Follow-up

Nach einer CO-Vergiftung besteht das Risiko für ein verzögert einsetzendes neurologisches Defizit (Delayed Neurological Sequelae, DNS). Symptome wie motorische Dysfunktion, Gedächtnisstörungen, Parkinsonismus oder Verhaltensänderungen können nach einem symptomfreien Intervall (meist im ersten Monat) auftreten.

  • Neurologisches Follow-up: Patienten sollen 4-6 Wochen nach der Vergiftung auf kognitive Folgeschäden untersucht werden.
  • Kardiologisches Follow-up: Bei primärer kardialer Schädigung im Intervall erwägen.

💡Praxis-Tipp

Verlassen Sie sich bei Verdacht auf eine CO-Vergiftung niemals auf ein unauffälliges Standard-Pulsoximeter (SpO2), da dieses CO-Hb nicht von Oxyhämoglobin unterscheiden kann. Beginnen Sie bei klinischem Verdacht sofort mit der 100%igen Sauerstoffgabe, noch bevor der BGA-Befund vorliegt.

Häufig gestellte Fragen

Symptomatische Patienten müssen immer eingewiesen werden. Bei asymptomatischen Patienten ist eine Einweisung ab >5 % CO-Hb (bei Nichtrauchern) bzw. >10 % (bei Rauchern) oder bei Schwangeren und Kindern empfohlen.
Nein. Ein negativer CO-Hb-Nachweis darf bei passender Anamnese und Symptomatik nicht zum Ausschluss einer Kohlenmonoxidvergiftung führen.
Bei Anzeichen einer schweren Vergiftung (z. B. Bewusstseinsstörungen, metabolische Azidose, kardiale Ischämie) sowie bei Schwangeren. Sie sollte innerhalb von 6 Stunden begonnen werden.
Neben der BGA (CO-Hb, Laktat, pH) sollen bei jedem Verdachtsfall ein 12-Kanal-EKG und kardiale Biomarker (Troponin, CK, CK-MB) bestimmt werden.
Es kann zu verzögert einsetzenden neurologischen Defiziten (DNS) wie Gedächtnisstörungen oder Parkinsonismus kommen, oft erst Wochen nach dem Ereignis. Eine Kontrolle nach 4-6 Wochen wird empfohlen.

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