Priorisierung in der Onkologie: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Handlungsleitendes Prinzip bei Ressourcenknappheit ist die Minimierung von individuellem und aggregiertem Schaden.
- •Priorisierung erfolgt nach zeitlicher Dringlichkeit, Erfolgsaussicht und Verfügbarkeit von Alternativen.
- •Alter, Geschlecht, sozialer Status oder Impfstatus dürfen nicht zur Priorisierung herangezogen werden.
- •Entscheidungen mit relevantem Schadenrisiko müssen nach dem Mehraugen-Prinzip (interdisziplinär) getroffen werden.
- •Für Diagnostik, Operationen und Systemtherapien gelten spezifische Dringlichkeitsstufen (Verschiebung bis Notfall).
Hintergrund
Die COVID-19-Pandemie hat gezeigt, dass es zu einer zeitlich befristeten Knappheit an personellen und materiellen Ressourcen in der Krebsversorgung kommen kann. Diese Leitlinie definiert empirisch und ethisch begründete Verteilungskriterien am Beispiel gastrointestinaler Tumoren (kolorektales Karzinom und Pankreaskarzinom). Ziel ist es, den individuellen und aggregierten Schaden für Patient*innen zu minimieren.
Ethische Entscheidungskriterien
Wenn Ressourcen nicht kompensiert werden können, muss eine Priorisierung erfolgen. Zufallsentscheide oder das "First-come-first-served"-Prinzip werden aus ethischen Gründen abgelehnt.
| Zulässige Kriterien | Unzulässige Kriterien (Diskriminierungsverbot) |
|---|---|
| Zeitliche Dringlichkeit zur Schadensabwendung | Kalendarisches Alter |
| Erfolgsaussicht der medizinischen Maßnahme | Geschlecht, Ethnie, Herkunft |
| Prüfung alternativer Maßnahmen | Behinderung |
| Sozialer Status, Versichertenstatus | |
| SARS-CoV-2-Impfstatus | |
| Vehemenz des Behandlungswunsches |
Prozesskriterien (Mehraugen-Prinzip)
Entscheidungen mit relevantem Schadenrisiko durch nachrangige Behandlung müssen interdisziplinär getroffen werden. Beteiligt sein sollen:
- Zwei in der Tumorbehandlung erfahrene Ärzt*innen
- Eine erfahrene Person aus der onkologischen Pflege
- Eine Expertin für relevante Begleiterkrankungen
- Weitere Fachvertreter*innen (z. B. klinische Ethik, Palliativmedizin)
Priorisierung: Diagnostik (Endoskopie/Bildgebung)
| Priorität | Zeitfenster | Indikation (Beispiele Kolorektales Karzinom / Pankreaskarzinom) |
|---|---|---|
| Verschiebung | Definiert nach Re-Evaluation | Asymptomatische Früherkennung ohne Risikofaktoren, elektive Kontrollen ohne fortgeschrittene Adenome. |
| Niedrig | Binnen 3 Monaten | Früherkennung bei Risikofaktoren, Kontrolle nach fortgeschrittenen Adenomen, IPMN mit stabilem Verlauf. |
| Mittel | Binnen 4 Wochen | Indexsymptome (B-Symptomatik, Eisenmangelanämie), neu aufgetretene typische Pankreassymptomatik. |
| Hoch | Sobald wie möglich | Kreislaufwirksame Blutung, Ileus-Symptomatik, schmerzloser Ikterus, Verdacht auf fortgeschrittenen Tumor. |
Priorisierung: Tumoroperationen
| Priorität | Zeitfenster | Indikation (Beispiele) |
|---|---|---|
| Verschiebung | Definiert nach Re-Evaluation | "Watch and Wait" bei klinischer Komplettremission, prophylaktische Eingriffe, Stomarückverlagerung. |
| Niedrig | Binnen 6 Wochen | Elektive Resektion fortgeschrittener Adenome, IPMN/MCN mit relativer OP-Indikation. |
| Mittel | Binnen 2-4 Wochen | Kurative Resektion ohne Stenosierung, Metastasenresektion bei Ansprechen, resektables Pankreaskarzinom. |
| Hoch | Sobald wie möglich | Ileus, Perforation, nicht stillbare Blutung, pathologische Frakturen, akutes Abdomen. |
Priorisierung: Systemische Therapie und Strahlentherapie
| Priorität | Zeitfenster | Indikation (Beispiele) |
|---|---|---|
| Verschiebung | Definiert nach Re-Evaluation | Umstellung auf orale Therapien, Therapiepause ("drug holiday") bei fehlendem Progress. |
| Niedrig | Binnen 4 Wochen | Fortführung bei guter Tumorkontrolle, adjuvante Chemo (wenn <12 Wochen nach OP), Bestrahlung stabiler Knochenmetastasen. |
| Mittel | Binnen 2 Wochen | Adjuvante Chemo (UICC II/III), palliative Therapie mit hohem Remissionsdruck, neoadjuvante Therapie. |
| Hoch | Sobald wie möglich | Schwere Organschädigung, Myelonkompression, Vena cava superior Syndrom, Tumorblutung. |
Psychosoziale und Palliativversorgung
Auch bei Ressourcenknappheit muss die Symptomkontrolle gewährleistet bleiben.
- Palliativversorgung: Höchste Priorität bei stärksten Schmerzen, schwerer Luftnot, akuter Unruhe oder im Kontext der Sterbebegleitung.
- Psychosoziale Versorgung: Höchste Priorität bei akuter Suizidalität, klinisch relevanten psychiatrischen Diagnosen oder komplett fehlendem Versorgungsnetzwerk.
💡Praxis-Tipp
Dokumentieren Sie Priorisierungsentscheidungen bei Ressourcenknappheit stets transparent nach dem Mehraugen-Prinzip. Kommunizieren Sie Verschiebungen von Maßnahmen klar mit einem definierten Zeitpunkt zur Re-Evaluation.