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Idiopathische Fazialisparese: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Glukokortikoide (z.B. Prednisolon) sind die Basistherapie und sollen bei allen Patienten zur Verbesserung der Rückbildungsrate eingesetzt werden.
  • Eine ergänzende antivirale Therapie kann bei schweren Paresen (House-Brackmann V und VI) im Einzelfall erwogen werden.
  • Der Schutz der Hornhaut durch Augensalben und Uhrglasverbände ist bei unvollständigem Lidschluss essenziell.
  • Eine Lumbalpunktion wird bei Erwachsenen empfohlen und ist bei Kindern obligat, um sekundäre Ursachen (z.B. Neuroborreliose) auszuschließen.
  • Bei Schwangeren gelten die gleichen Therapieprinzipien, jedoch sollte die Steroidgabe initial unter stationärer Überwachung des Glukosestoffwechsels erfolgen.
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Hintergrund

Die idiopathische Fazialisparese (Bell’s palsy) ist die häufigste Hirnnervenläsion mit einer Inzidenz von 7–40 Fällen pro 100.000 Einwohnern jährlich. Männer und Frauen sind gleich häufig betroffen. Pathophysiologisch werden autoimmune Entzündungen, Ischämien sowie die Reaktivierung von Herpes-simplex-Viren (HSV Typ 1) diskutiert. Auch eine COVID-19-Erkrankung oder eine mRNA-Impfung könnte mit einem gering erhöhten Risiko verbunden sein.

Differenzialdiagnostik

Da 25–40 % aller Fazialisparesen nicht idiopathischer Genese sind, ist die Differenzialdiagnostik essenziell.

UrsacheKommentar / Beispiele
IdiopathischBell's palsy (häufigste Form)
Entzündlich/InfektiösBorreliose, Zoster oticus, HIV, Guillain-Barré-Syndrom
TraumatischFelsenbeinfraktur
NeoplastischSchwannome, Meningeome, Parotismalignome
SonstigeDiabetes mellitus, Sarkoidose, Melkersson-Rosenthal-Syndrom

Klinische Untersuchung und Schweregrad

Grundlage ist die klinische Untersuchung (Lidschluss, M. stapedius, Tränen-/Speichelsekretion, Schmecken). Eine Otoskopie ist obligat, um einen Zoster oticus (Herpesbläschen) auszuschließen. Der Schweregrad wird nach der House-Brackmann-Skala eingeteilt:

GradPhänomenologieLidschlussMundinnervation
INormalNormalNormal
IIMinimale PareseFast normalFast normal
IIIErkennbare PareseNoch möglichReduziert
IVAusgeprägte PareseUnvollständigAsymmetrisch
VMinimale FunktionUnvollständigAsymmetrisch
VIKomplette PareseKeinerKeine

Apparative und laborchemische Diagnostik

  • Labor: Eine Borreliose-Serologie soll durchgeführt werden. Bei Verdacht auf Zoster oticus zusätzlich eine Varizella-Zoster-Serologie.
  • Lumbalpunktion: Bei Kindern obligat (hoher Anteil an Neuroborreliosen), bei Erwachsenen empfohlen, da der Liquor zur sicheren Differenzierung beiträgt.
  • Elektrophysiologie: Kanalikuläre Magnetstimulation (Tag 1-3) zur Bestätigung der peripheren Genese. ENG/EMG zur Prognoseabschätzung.
  • Bildgebung: Bei typischer Klinik und Rückbildung innerhalb von 6 Wochen nicht routinemäßig indiziert. Bei atypischer Klinik (z.B. weitere Hirnnervenausfälle) ist ein MRT empfohlen.

Therapie

Medikamentöse Therapie

Patienten mit idiopathischer Fazialisparese sollen mit Glukokortikoiden behandelt werden (Empfehlungsgrad A). Dies begünstigt die vollständige Rückbildung und verringert das Risiko von Synkinesien und autonomen Störungen.

WirkstoffDosierungEmpfehlungBemerkung
Prednisolon2 x 25 mg/d für 10 Tage ODER 60 mg/d für 5 Tage, dann Reduktion um 10 mg/dSoll (A)Morgendliche Einmalgabe aus endokrinologischer Sicht bevorzugt
Virustatika (z.B. Aciclovir, Valaciclovir)Dosis je nach Präparat (z.B. Valaciclovir 3 x 1000 mg/d für 7 Tage)Kann (0)Nur bei initial schwerer Parese (House-Brackmann V-VI) als Kombinationstherapie

Hinweis: Bei gesichertem Zoster oticus soll auf jeden Fall rasch eine virustatische Therapie erfolgen.

Symptomatische und nicht-medikamentöse Therapie

  • Hornhautschutz: Bei passageren Lidschlussstörungen sollte die Hornhaut durch künstliche Tränen, Dexpanthenol-Augensalbe und einen nächtlichen Uhrglasverband geschützt werden.
  • Defektheilung: Bei persistierendem Lidschlussdefizit kann eine Oberlidbeschwerung (Bleigewichte extern oder Gold-/Platingewichte intern) erfolgen. Mikrochirurgische Verfahren (z.B. Cross-Face-Nervennaht) sind bei schweren Residuen möglich.
  • Physiotherapie: Für den Nutzen einer Übungsbehandlung gibt es keine ausreichenden Belege, sie kann aber aus psychologischen Gründen erwogen werden.
  • Nicht empfohlen: Akupunktur und hyperbare Oxygenation haben keinen belegten Nutzen.

Besonderheiten in der Schwangerschaft

In der Schwangerschaft und im Wochenbett gelten dieselben diagnostischen und therapeutischen Prinzipien. Wegen potenzieller Risiken für den Glukosestoffwechsel sollte eine Prednisolontherapie jedoch zumindest initial unter stationären Bedingungen und geburtshilflicher Expertise erfolgen (inklusive engmaschiger Blutzuckerkontrollen).

💡Praxis-Tipp

Führen Sie bei der Erstuntersuchung einer Fazialisparese immer eine Otoskopie durch, um einen Zoster oticus sicher auszuschließen. Denken Sie bei unvollständigem Lidschluss sofort an die Verordnung von Augensalbe und Uhrglasverband.

Häufig gestellte Fragen

Empfohlen werden entweder 2 x 25 mg Prednisolon täglich für 10 Tage oder 60 mg täglich für 5 Tage mit anschließender täglicher Reduktion um 10 mg.
Eine ergänzende virustatische Therapie (z.B. mit Valaciclovir) ist eine Kann-Empfehlung und sollte nur bei initial schwer betroffenen Patienten (House-Brackmann Grad V und VI) nach Aufklärung erwogen werden.
Bei Kindern ist sie obligat. Bei Erwachsenen wird sie empfohlen, da 25-40 % der Paresen nicht idiopathisch sind und der Liquor (z.B. bei Neuroborreliose) entscheidende Hinweise liefert.
Die symptomatische Therapie besteht aus künstlichen Tränen, Dexpanthenol-Augensalbe und einem nächtlichen Uhrglasverband zum Schutz der Hornhaut.

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