Perioperative Nüchternzeiten bei Kindern: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die perioperativen Nüchternzeiten sollen so kurz wie möglich gehalten werden (6-4-3-1-Regel).
- •Klare Flüssigkeiten sind bis zu 1 Stunde vor Narkoseeinleitung erlaubt.
- •Muttermilch darf bis 3 Stunden, Fertigmilch und kleine Mahlzeiten bis 4 Stunden präoperativ gegeben werden.
- •Für Kinder mit Vorerkrankungen (z.B. Reflux, Diabetes, Adipositas) gelten keine abweichenden Nüchternzeiten.
- •Postoperativ sollen Kinder frühzeitig und nach Wunsch klare Flüssigkeiten trinken dürfen.
Hintergrund
Die perioperativen Nüchternzeiten sollen bei Kindern möglichst kurz gehalten werden. Lange Nüchternzeiten führen bei kleinen Kindern zu Befindlichkeitsstörungen, Stress, schlechter Kooperation, Ketoazidosen, Dehydratation und Blutdruckabfällen bei der Narkoseeinleitung. Ziel ist es, die perioperative Homöostase möglichst wenig zu stören.
Präoperative Nüchternzeiten (6-4-3-1-Regel)
Die Leitlinie empfiehlt für elektive Eingriffe bei Kindern (0-18 Jahre) folgendes Stufenschema:
| Nüchternzeit | Nahrungsart | Beispiele |
|---|---|---|
| 6 Stunden | Vollwertige Mahlzeit | Feste, uneingeschränkte Nahrung |
| 4 Stunden | Nicht-klare Flüssigkeit & kleine Mahlzeiten | Kuhmilch, Fertigmilch, Kakao, Toast, Brei |
| 3 Stunden | Muttermilch | Muttermilch (auch angereichert) |
| 1 Stunde | Klare Flüssigkeit | Wasser, Tee (mit Zucker), Fruchtsaft ohne Fruchtfleisch |
Definition: Kleine, leichte Mahlzeit (4 Stunden)
Eine kleine, leichte Mahlzeit am OP-Tag muss klinikintern klar definiert werden. Vier Stunden vor Narkoseeinleitung sind beispielsweise erlaubt:
- 1 Toast (z.B. mit Marmelade/Honig) pro 10 kg Körpergewicht (max. 3)
- 1 Schale Getreideflocken mit Milch oder Pudding
- 1 Glas Brei oder 1 Becher Joghurt
- 1 Becher Milch oder Kakao
- 1 Banane oder 1 Apfel
Hinweis: Kaugummis müssen vor der Narkoseeinleitung ausgespuckt werden, erhöhen das Magensaftvolumen aber nicht relevant.
Besonderheiten bei Vorerkrankungen
Für folgende Patientengruppen sind keine grundsätzlich anderen Nüchternzeiten als bei gesunden Kindern erforderlich:
- Frühgeborene
- Kinder mit gastroösophagealem Reflux (GÖR) oder funktioneller Dyspepsie
- Kinder mit Adipositas
- Kinder mit angeborenen Herzerkrankungen
- Kinder mit Diabetes mellitus Typ I
- Kinder mit enteraler Sonde oder Gastrostomie (gleiche Regeln für Sondenkost)
Es gibt zudem keine ausreichende Evidenz, die Nüchternzeiten wegen Medikamenteneinnahme zu modifizieren.
Sonografische Untersuchung des Mageninhalts
Bei Notfalleingriffen oder unklarer Nüchternheit kann die Sonografie als "Point-of-Care"-Verfahren (Magenantrum in Rechtsseitenlage) eingesetzt werden:
- Qualitative Bewertung (leer vs. voll, flüssig vs. fest) ist der Berechnung des Magenvolumens vorzuziehen.
- Die Querschnittsfläche des Magenantrums dient als Surrogatparameter.
- Hilft bei der Entscheidung, ob eine Magensonde gelegt und eine "Rapid Sequence Induction" (RSI) durchgeführt werden muss.
Postoperatives Management
| Stufe | Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| 0 Stunden | Klare Flüssigkeit | Kinder sollen frühzeitig und nach Wunsch trinken dürfen, sofern keine Kontraindikationen vorliegen. |
Dies führt zu besserem Wohlbefinden, niedrigerem Opioidverbrauch und seltener zu postoperativer Übelkeit und Erbrechen (PONV).
💡Praxis-Tipp
Etablieren Sie den Prozess 'Trinken bis zum Abruf' für klare Flüssigkeiten. Priorisieren Sie Neugeborene und Säuglinge im OP-Programm, da diese am meisten von kurzen Nüchternzeiten profitieren.