Medizinische Kompressionstherapie: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Kompressionstherapie ist integraler Bestandteil der Behandlung phlebologischer und lymphologischer Erkrankungen.
- •Es wird zwischen Medizinischen Kompressionsstrümpfen (MKS), Phlebologischen Kompressionsverbänden (PKV) und adaptiven Systemen (MAK) unterschieden.
- •Bei einer tiefen Beinvenenthrombose (TVT) soll sofort nach Diagnosestellung mit der Kompression begonnen werden.
- •Fortgeschrittene PAVK (ABPI < 0,5) und dekompensierte Herzinsuffizienz (NYHA III+IV) sind absolute Kontraindikationen.
- •Um die Adhärenz zu fördern, sollte stets die niedrigste wirksame Kompressionsklasse verordnet werden.
Hintergrund
Die Therapie mit medizinischen Kompressionsstrümpfen (MKS), phlebologischen Kompressionsverbänden (PKV) oder medizinischen adaptiven Kompressionssystemen (MAK) ist in der Behandlung phlebologischer und lymphologischer Erkrankungen unverzichtbar. Sie steigert den venösen und lymphatischen Abstrom und verbessert die venöse Pumpfunktion.
Kompressionsmittel im Vergleich
| System | Eigenschaften | Einsatzgebiet |
|---|---|---|
| MKS (Kompressionsstrumpf) | Elastisches Gestrick, definierter Ruhedruck, genormte Kompressionsklassen | Längerfristige Therapie- und Erhaltungsphase, Prävention |
| PKV (Kompressionsverband) | Elastische/unelastische Binden, Mehrkomponentensysteme, anpassbar | Entstauungsphase, Ulcus cruris venosum |
| MAK (Adaptive Systeme) | Wenig elastisch, Klettverschlüsse, hohe Stiffness, nachjustierbar | Entstauungsphase, Förderung der Patientenautonomie |
Kompressionsklassen (MKS)
Die Kompressionsklassen (KKL) definieren sich durch den Andruck im Fesselbereich unter Ruhebedingungen. Es soll immer die niedrigste wirksame KKL bevorzugt werden, um die Adhärenz zu unterstützen.
| Kompressionsklasse (KKL) | Intensität | Druck (mmHg) |
|---|---|---|
| I | leicht | 18-21 |
| II | mittel | 23-32 |
| III | kräftig | 34-46 |
| IV | sehr kräftig | ≥ 49 |
Indikationen
Die medizinische Kompressionstherapie ist unter anderem bei folgenden Krankheitsbildern indiziert:
- Chronische Venenkrankheiten: Verbesserung von Symptomen, venösen Ödemen und Hautveränderungen, Therapie und Prävention des Ulcus cruris venosum.
- Thromboembolische Venenkrankheiten: Tiefe Beinvenenthrombose (TVT), oberflächliche Venenthrombose, Postthrombotisches Syndrom (PTS).
- Ödeme: Lymphödeme, Lipödeme (ab Stadium II), schwangerschaftsbedingte oder posttraumatische Ödeme.
Kontraindikationen und Risiken
Absolute Kontraindikationen für die phlebologische Kompressionstherapie sind:
- Fortgeschrittene periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK) (z. B. ABPI < 0,5 oder Knöchelarteriendruck < 60 mmHg)
- Dekompensierte Herzinsuffizienz (NYHA III + IV)
- Septische Phlebitis
- Phlegmasia coerulea dolens
Bei schwerer peripherer Neuropathie (z. B. bei Diabetes mellitus) oder ausgeprägten nässenden Dermatosen ist eine strenge Nutzen-Risiko-Abwägung erforderlich.
Spezifische Therapieempfehlungen
- Tiefe Beinvenenthrombose (TVT): Bei Diagnosestellung soll sofort mit einer Kompressionstherapie begonnen werden. Diese sollte für mindestens 6 Monate fortgesetzt werden.
- Ulcus cruris venosum: In der Entstauungsphase können Mehrkomponentensysteme oder MAK verwendet werden. Nach der Entstauung sollte in geeigneten Fällen auf zweilagige Ulkus-Kompressionsstrumpfsysteme umgestellt werden. Der Anlagedruck sollte stark sein (≥ 40–60 mmHg).
- Druckverteilung: Wegen der umgekehrten Proportionalität des Andrucks zum Radius sollen kleine Radien (z. B. Knöchel) abgepolstert und große Radien aufgepolstert werden.
💡Praxis-Tipp
Polstern Sie bei der Anlage von Kompressionsverbänden kleine Radien (z. B. Knöchelregion) ab und große Radien auf, um Druckschäden zu vermeiden und eine gleichmäßige Druckverteilung zu gewährleisten.