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Arterielle Hypertonie bei Kindern: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Definition der Hypertonie bei Kindern < 16 Jahren erfolgt über alters-, geschlechts- und größenabhängige Perzentilen (> 95. Perzentile).
  • Die Diagnosesicherung soll zwingend mittels ambulanter 24-Stunden-Blutdruckmessung (ABDM) erfolgen.
  • Lebensstiländerungen (Gewichtsreduktion, DASH-Diät, Sport) sind die Basis jeder Therapie.
  • Medikamente der 1. Wahl sind ACE-Hemmer, AT1-Rezeptorblocker oder Calciumantagonisten.
  • Im hypertensiven Notfall darf der Blutdruck in den ersten 6-8 Stunden um maximal 25-30 % gesenkt werden.
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Hintergrund

Die arterielle Hypertonie im Kindes- und Jugendalter verlangt eine differenzierte Betrachtung, da alters-, geschlechts- und größenabhängige Referenzwerte herangezogen werden müssen. Ein erhöhter Body-Mass-Index (BMI) ist der stärkste Risikofaktor für die Entwicklung einer Hypertonie bei Jugendlichen. Das Blutdruckniveau im Kindesalter gilt zudem als stärkster Prädiktor für das spätere Hypertonie-Risiko im Erwachsenenalter.

Definition und Klassifikation

Bei Kindern unter 16 Jahren erfolgt die Einteilung anhand von Perzentilen. Ab dem 17. Lebensjahr (≥ 16 Jahre) gelten die Grenzwerte für Erwachsene.

KlassifikationKinder < 16 JahreJugendliche ≥ 16 Jahre
Normal< 90. Perzentile< 130/80 mmHg
Hoch normal90.-94. Perzentile130-139 / 80-89 mmHg
Hypertonie Grad 195.-99. Perzentile + 5 mmHg140-159 / 90-99 mmHg
Hypertonie Grad 2> 99. Perzentile + 5 mmHg≥ 160 / 100 mmHg

Soll-Empfehlung: Werden bei Jugendlichen die Erwachsenengrenzwerte überschritten, soll der niedrigere Grenzwert für Erwachsene gewählt werden.

Diagnostik

Die Diagnosesicherung erfolgt durch wiederholte, standardisierte Messungen nach einer 5-minütigen Ruhephase. Auskultatorische Messungen gelten weiterhin als Goldstandard.

  • Soll-Empfehlung: Die Diagnose einer arteriellen Hypertonie soll durch eine ambulante 24-Stunden-Blutdruckmessung (ABDM) gesichert werden.
  • Ein fehlendes nächtliches "Dipping" (Abfall < 10 %) oder eine nächtliche Hypertonie sind als Hinweis auf eine sekundäre Hypertonie zu werten.

Basisdiagnostik bei Hypertonie

UntersuchungZiel / Ausschluss
LaborBlutbild, Kreatinin, Harnstoff, Elektrolyte, TSH, Lipidprofil, Blutzucker
UrinUrinstatus, Mikroalbuminurie
SonographieNieren und ableitende Harnwege, Doppler der Nierenarterien
EchokardiographieLinksventrikuläre Hypertrophie, Aortenisthmusstenose
FunduskopieFundus hypertonicus (Endorganschaden)

Therapie

Nicht-medikamentöse Therapie (Lebensstil)

Bei allen Kindern und Jugendlichen mit hochnormalen oder hypertensiven Werten soll eine Lebensstiländerung initiiert werden:

  • Gewichtsreduktion (Ziel-BMI < 85. Perzentile)
  • DASH-Diät (Mittelmeerkost, kochsalzarm)
  • Mindestens 60 Minuten moderate bis intensive körperliche Aktivität täglich

Medikamentöse Therapie

Indikationen für einen sofortigen Therapiebeginn:

  • Sekundäre oder symptomatische Hypertonie
  • Bereits bestehende Endorganschäden
  • Diabetes mellitus
  • Hypertonie Grad 2

Bei primärer Hypertonie Grad 1 soll die medikamentöse Therapie begonnen werden, wenn Lebensstiländerungen nach 6 Monaten erfolglos bleiben.

Zielblutdruckwerte

PatientengruppeZielblutdruck
Generell< 90. Perzentile
Diabetes mellitus< 90. Perzentile
Chronische Niereninsuffizienz ohne Proteinurie< 75. Perzentile
Chronische Niereninsuffizienz mit Proteinurie< 50. Perzentile

Stufenschema und Wirkstoffwahl

Die Therapie sollte als niedrig dosierte Monotherapie begonnen werden, um überschießende Blutdruckabfälle zu vermeiden.

Stufe / IndikationBevorzugte WirkstoffklassenBemerkung
1. Wahl (Monotherapie)ACE-Hemmer, ARB, CalciumantagonistenCaptopril, Enalapril, Lisinopril, Losartan, Valsartan, Amlodipin (Zulassungsalter beachten)
KombinationstherapieACE-Hemmer/ARB + Calciumantagonist oder DiuretikumIndiziert bei Hypertonie Grad 2 oder sekundärer Hypertonie
Chronische NiereninsuffizienzACE-Hemmer oder ARBBevorzugt wegen antiproteinurischer Wirkung. Soll nicht: Kombination aus ACE-Hemmer und ARB.
Adipositas / Metabolisches SyndromACE-Hemmer, ARB, CalciumantagonistenSoll-Empfehlung: Initiale Kombination aus Betablockern und Diuretika wegen ungünstigem Stoffwechselprofil vermeiden.

Hypertensiver Notfall

Ein hypertensiver Notfall (Blutdruckanstieg mit zentralnervösen Symptomen oder akuter Gefahr für Endorgane) erfordert eine intensivmedizinische Überwachung und intravenöse Therapie.

  • Blutdrucksenkung: In den ersten 6-8 Stunden um maximal 25-30 % des Ausgangswertes senken. Bei zerebraler Symptomatik initial nur um 15 % senken, um eine zentrale Hypoperfusion zu verhindern.
  • Applikation: Dauerinfusionen sollen gegenüber Bolusgaben bevorzugt werden.
WirkstoffApplikationBemerkung
Urapidili.v. DauerinfusionVon Autoren als 1. Wahl empfohlen (Off-Label)
Nifedipini.v. DauerinfusionAlternative (Off-Label)
Clonidini.v. / s.c. / i.m.Zulassung für 12-18 Jahre vorhanden
Furosemidi.v.Bei Niereninsuffizienz bedingter Hypertonie zugelassen

💡Praxis-Tipp

Bestätigen Sie erhöhte Praxis-Blutdruckwerte bei Kindern immer durch eine 24-Stunden-Blutdruckmessung (ABDM), um eine Weißkittelhypertonie auszuschließen. Vermeiden Sie bei adipösen Kindern Betablocker aufgrund ihrer negativen metabolischen Effekte.

Häufig gestellte Fragen

Bei Kindern unter 16 Jahren spricht man ab der 95. alters-, geschlechts- und größenabhängigen Perzentile von einer Hypertonie. Ab 16 Jahren gelten die Erwachsenengrenzwerte (≥ 140/90 mmHg bzw. ≥ 130/80 mmHg je nach Definition).
Als Monotherapie der ersten Wahl gelten ACE-Hemmer, AT1-Rezeptorblocker (ARB) und Calciumantagonisten vom Dihydropyridin-Typ (z.B. Amlodipin).
In den ersten 6-8 Stunden sollte der Blutdruck um maximal 25-30 % des Ausgangswertes gesenkt werden. Bei zerebraler Beteiligung darf die Senkung initial maximal 15 % betragen.
Ohne Proteinurie sollte der Blutdruck unter die 75. Perzentile gesenkt werden. Liegt eine Proteinurie vor, ist eine striktere Einstellung unter die 50. Perzentile erforderlich.
Eine sofortige Pharmakotherapie ist indiziert bei sekundärer oder symptomatischer Hypertonie, bei bereits bestehenden Endorganschäden, bei Diabetes mellitus sowie bei einer Hypertonie Grad 2.

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