Eingewachsener Nagel & Zangennagel: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Der Unguis incarnatus betrifft meist junge Patienten, der Zangennagel tritt typischerweise ab dem 50. Lebensjahr auf.
- •Die Klassifikation des eingewachsenen Nagels erfolgt in drei Stadien: entzündlich, eitrig und mit Granulation.
- •Systemische oder topische Antibiotika sind ohne manifeste Weichteilinfektion (z.B. Phlegmone) nicht indiziert.
- •Die operative Therapie der Wahl ist die minimal-invasive Matrixverödung (z.B. Phenolkaustik) oder Matrixhornresektion.
- •Komplette Nagelplattenentfernungen oder Exzisionen des kompletten Nagelbettes gelten als obsolet.
- •Eine histopathologische Untersuchung von OP-Präparaten wird zum Ausschluss von Malignomen dringend empfohlen.
Hintergrund
Der eingewachsene Nagel (Unguis incarnatus) und der Zangennagel sind häufige Erkrankungen des Nagelorgans, unterscheiden sich jedoch in Ätiologie und Patientenklientel. Der Unguis incarnatus betrifft meist Jugendliche und junge Erwachsene und entsteht durch das Eindringen der seitlichen Nagelkante in das Gewebe (Fremdkörperreaktion). Der Zangennagel tritt typischerweise ab dem 50. Lebensjahr auf und ist durch eine transversale Hyperkurvatur und Verdickung der Nagelplatte gekennzeichnet, meist ohne primäre Entzündungszeichen.
Klassifikation
Unguis incarnatus
Die Einteilung erfolgt nach Schweregrad und Symptomatik in drei Stadien:
| Stadium | Bezeichnung | Klinischer Befund |
|---|---|---|
| Grad I | Entzündlich | Seitliche Entzündungsreaktion von Nagelfalz/Nagelwall ohne Sekretion |
| Grad II | Eitrig | Auf Druck oder spontan entleert sich seröses oder purulentes Sekret/Eiter |
| Grad III | Mit Granulation | Zusätzliche Bildung von seitlichem Granulationsgewebe (Caro luxurians) über die Nagelplatte hinweg |
Zangennagel
| Typ | Bezeichnung | Morphologie |
|---|---|---|
| Typ 1 | Gewöhnlicher Zangennagel | Zunahme der Querkrümmung von proximal nach distal (Omega- oder Trompetenform) |
| Typ 2 | Gefalteter Nagel | Scharf gebogene Seitenkanten (vertikale Blätter), die in die Furche drücken |
| Typ 3 | Kachelförmiger Nagel | Stärkere Zunahme der Querkrümmung entlang der Längsachse (Fliesenform) |
Diagnostik und Histologie
Beide Krankheitsbilder sind primär klinische Diagnosen. Eine bildgebende Diagnostik ist nur bei Verdacht auf ossäre oder kartilaginäre Tumoren (z.B. subunguale Exostose) indiziert.
- Histopathologie: Alle Gewebepräparate, die bei einer operativen Versorgung anfallen, sollten histologisch untersucht werden. Dies dient dem Ausschluss von Malignomen (z.B. Plattenepithelkarzinom, Melanom), die sich klinisch als chronischer Unguis incarnatus maskieren können.
Konservative und Podologische Therapie
In allen Stadien des Unguis incarnatus sollen primär konservative Maßnahmen erfolgen. Ziel ist die Druckentlastung und Beseitigung von Triggerfaktoren (z.B. falsches Schuhwerk, falsche Nagelpflege).
- Podologische Akutversorgung: Entlastungsschnitt, Tamponaden, Sulci-Protektoren oder Nagelfalz-Tapes.
- Orthonyxie (Spangentherapie): Beim Zangennagel als Dauertherapie empfohlen. Beim Unguis incarnatus besteht ein Dissens über den Nutzen, die Indikation sollte individuell gestellt werden.
- Medikamentöse Therapie: Orale und topische Antibiotika sollen in Abwesenheit einer manifesten Weichteilinfektion (z.B. Erysipel, Phlegmone) nicht angewendet werden. Fußbäder mit Schmierseife sollten vermieden werden (Mazerationsgefahr).
Operative Therapie
Führen konservative Maßnahmen nicht zum Erfolg oder besteht eine hohe Dringlichkeit, ist eine operative Therapie indiziert. Ziel ist ein minimal-invasives Vorgehen.
| Verfahren | Indikation | Bemerkung |
|---|---|---|
| Matrixverödung (z.B. Phenolkaustik) | Breite Nagelplatte (Standardverfahren) | Niedriges Rezidivrisiko, minimal-invasiv, wenig Schmerzen |
| Matrixhornresektion | Breite Nagelplatte | Invasiver als Verödung, raschere Abheilung |
| Nagelwallresektion (Vandenbos) | Nicht-entzündliche Hypertrophie des Nagelwalls | Breite der Nagelplatte bleibt erhalten, lange Wundheilung |
Obsolete Verfahren:
- Exzision des kompletten Nagelbettes
- Komplette Nagelplattenentfernung (Ausnahme: Retronychie)
- (Teil-)Amputation der Zehe
- Radikale Verfahren wie die Emmert-Plastik sollten zugunsten schonenderer Methoden vermieden werden.
Eine perioperative Antibiotikaprophylaxe soll nicht standardmäßig erfolgen, außer bei spezifischen kardiologischen Indikationen (Endokarditisprophylaxe).
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei einem unkomplizierten Unguis incarnatus auf die Verordnung von Antibiotika und führen Sie keine kompletten Nagelextraktionen durch. Bevorzugen Sie stattdessen minimal-invasive Verfahren wie die Phenolkaustik und senden Sie das OP-Präparat stets zur histologischen Untersuchung ein.