Neurogene Blasenstörungen: Leitlinie (AWMF/DGN)
📋Auf einen Blick
- •Die neurogene Blasenstörung wird klinisch in Detrusorüberaktivität, Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie, hypokontraktilen Detrusor und hypoaktiven Sphinkter eingeteilt.
- •Die Restharnmessung (sonographisch oder per Einmalkatheterismus) ist die empfohlene primäre Screeningmethode.
- •Bei Detrusorüberaktivität kommen primär Blasentraining und Antimuskarinika oder der Beta-3-Agonist Mirabegron zum Einsatz.
- •Der saubere Einmalkatheterismus ist eine zentrale Säule bei der Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie und dem hypokontraktilen Detrusor.
Hintergrund
Neurogene Blasenfunktionsstörungen umfassen alle Blasendysfunktionen mit einem neurologischen Korrelat. Die neurologische Läsionshöhe bestimmt maßgeblich das Funktionsmuster des unteren Harntrakts. Generell führen Läsionen oberhalb des sakralen Miktionszentrums (S2–S5) meist zu spastischen Störungen (hyperaktiver Detrusor und/oder Sphinkter), während Läsionen unterhalb des sakralen Miktionszentrums in der Regel zu schlaffen Lähmungen führen (hypoaktiver Detrusor oder Sphinkter).
Klassifikation und Klinik
Die Einteilung erfolgt anhand der klinischen Symptomatik und apparativen Befunde in vier Hauptgruppen:
| Störungsbild | Klinische Symptomatik | Typische neurologische Ursachen |
|---|---|---|
| Detrusorüberaktivität | Pollakisurie, Nykturie, Harndrang (Urgency), Dranginkontinenz | Morbus Parkinson, Multiple Sklerose, Demenz, Apoplex |
| Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie | Unterbrochener Harnstrahl, Startschwierigkeiten | Querschnittlähmung, Multiple Sklerose, Multisystematrophie |
| Hypokontraktiler Detrusor | Schwacher Harnstrahl, Restharngefühl, rezidivierende HWI | Polyneuropathie, Bandscheibenprolaps, Guillain-Barré-Syndrom |
| Hypoaktiver Sphinkter | Urinverlust bei abdomineller Druckerhöhung (Husten, Niesen) | Periphere Läsionen |
Diagnostik
Die Restharnmessung (sonographisch oder per Einmalkatheterismus) wird als primäre Screeningmethode empfohlen. Die diagnostische Kaskade umfasst:
- Anamnese und Blasentagebuch (über mindestens 3 volle Tage)
- Neurologische und urologische (ggf. gynäkologische) Untersuchung
- Urinsediment (Mittelstrahl- oder Katheterurin)
- Restharnmessung und Harnstrahlmessung (Uroflow)
- (Video-)Urodynamik mit Beckenboden-EMG
- Nierensonographie und Retentionsparameter (Kreatinin, Harnstoff)
Therapie der Detrusorüberaktivität
Vor Therapiebeginn müssen nicht-neurogene Ursachen (z. B. Prostatahyperplasie, Blasentumor) ausgeschlossen werden.
| Stufe | Therapieoptionen | Bemerkung |
|---|---|---|
| Konservativ | Blasentraining, Antimuskarinika, Mirabegron | Mirabegron (Beta-3-Agonist) ist ein neuer medikamentöser Ansatz. |
| Neuromodulation | Perkutane/transkutane tibiale Nervenstimulation | Vielversprechend, aber begrenzte Evidenz bei neurologischen Patienten. |
| Invasiv | Sakralwurzelstimulation (S3), Botulinumtoxin-Injektion | BoNT-A führt zur chemischen Denervierung (Einmalkatheterismus muss möglich sein). |
| Ultima Ratio | Blasenaugmentation, Harnableitung (Ileumconduit) | Nur bei Versagen aller anderen Maßnahmen. |
Therapie der Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie
Ziel ist die Vermeidung von Hochdrucksituationen in der Blase (> 40 cm H2O), um den oberen Harntrakt zu schützen.
| Stufe | Therapieoptionen | Bemerkung |
|---|---|---|
| Konservativ | Sauberer Einmalkatheterismus, Antimuskarinika, Mirabegron | Credé-Handgriff oder Valsalva-Manöver sind obsolet. |
| Invasiv | Botulinumtoxin-Injektion in den Detrusor | Reduziert Reflux und Inkontinenzepisoden (Erfolgsquote bis 85 %). |
| Operativ | Sakrale Vorderwurzelstimulation (SARS), Sphinkterotomie, Augmentation | SARS erfordert komplette Querschnittlähmung. |
Therapie bei hypokontraktilem Detrusor
| Maßnahme | Indikation / Bemerkung |
|---|---|
| Suprapubische Harndauerableitung | Therapieversuch über mind. 12 Wochen zur Retonisierung des Detrusors. |
| Medikamentös | Cholinergika (unterstützend), Alphablocker (zur Öffnung des Blasenhalses). |
| Invasiv | Chronische Sakralwurzelstimulation (S3), intravesikale Elektrotherapie. |
| Dauertherapie | Sauberer Einmalkatheterismus bei Erfolglosigkeit anderer Verfahren. |
Therapie bei hypoaktivem Sphinkter
- Konservativ: Beckenbodentraining (unter physiotherapeutischer Anleitung), Biofeedbacktraining, Duloxetin (bei begleitender Belastungsinkontinenz).
- Invasiv: Artifizielles Sphinktersystem (Goldstandard bei kompletter Insuffizienz), transurethrale Unterspritzung mit Bulking agents (Silikon, Kollagen).
Medikamentöse Therapie im Überblick
| Wirkstoffklasse | Beispiele | Typische Nebenwirkungen |
|---|---|---|
| Antimuskarinika | Oxybutynin, Trospiumchlorid, Solifenacin | Mundtrockenheit, Obstipation, Restharnbildung, Akkommodationsstörungen |
| Beta-3-Agonisten | Mirabegron | Bluthochdruck, Kopfschmerzen, Harnwegsinfektionen |
| Alphablocker | Tamsulosin, Doxazosin, Alfuzosin | Orthostatische Hypotonie, Schwindel, Benommenheit |
| Cholinergika | Bethanechol, Distigminbromid | Übelkeit, Miosis, Dyspnoe |
💡Praxis-Tipp
Die sonographische Restharnmessung sollte als unkomplizierte Screeningmethode bei jedem neurologischen Patienten mit Miktionsbeschwerden eingesetzt werden. Achten Sie bei der Verordnung von Antimuskarinika auf regelmäßige Restharnkontrollen, da sich eine Detrusorhypoaktivität entwickeln kann.