Chronischer Unterbauchschmerz der Frau: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Als chronischer Unterbauchschmerz gelten Beschwerden, die seit mindestens 6 Monaten bestehen.
- •Die Pathophysiologie umfasst periphere und zentrale Sensibilisierung sowie neurogene Inflammation.
- •Endometriose ist eine gesicherte Ursache, waehrend Adhaesionen keinen evidenzbasierten Zusammenhang aufweisen.
- •Bei begleitenden Blasensymptomen muss an eine Interstitielle Zystitis (IC/BPS) gedacht und zystoskopiert werden.
- •Psychosoziale Faktoren (Angst, Depression, Traumata) spielen eine hochrelevante Rolle bei der Chronifizierung.
Hintergrund
Der chronische Unterbauchschmerz der Frau (Chronic Pelvic Pain, CPP) ist definiert durch eine Schmerzdauer von mindestens 6 Monaten. Er kann zyklisch, intermittierend-situativ oder nicht-zyklisch auftreten. Die Lebensqualitaet der betroffenen Patientinnen ist haeufig stark eingeschraenkt.
Die Pathophysiologie ist komplex und geht ueber rein organische Ursachen hinaus. Im Zentrum stehen Prozesse der peripheren und zentralen Sensibilisierung (Neuroplastizitaet). Entzuendungsmediatoren (Zytokine, Prostaglandine, Substanz P) und eine neurogene Inflammation fuehren zu einer Herabsetzung der Schmerzschwelle.
Risikofaktoren
Folgende Faktoren erhoehen das Risiko fuer die Entwicklung nicht-zyklischer chronischer Unterbauchschmerzen:
- Lange Blutungsdauer
- Gesicherte Endometriose oder Pelvic Inflammatory Disease (PID)
- Z.n. Sectio caesarea oder Abort
- Koerperliche oder sexuelle Gewalt (in Kindheit oder Erwachsenenalter)
- Psychische Faktoren (Angst, Depression, Somatisierungsstoerungen)
Gynaekologische Ursachen und Befunde
Die Leitlinie bewertet den Zusammenhang verschiedener gynaekologischer Befunde mit dem chronischen Unterbauchschmerz wie folgt:
| Diagnose | Zusammenhang mit Schmerz | Bemerkung |
|---|---|---|
| Endometriose / Adenomyosis | Gesicherte Ursache | Leitsymptom oft Dysmenorrhoe. Histologische Abklaerung empfohlen. |
| Pelvine Varikosis | Moegliche Ursache | Venenklappeninsuffizienz, oft linksseitig (V. ovarica). |
| Adhaesionen | Kein evidenzbasierter Zusammenhang | Operative Adhaesiolyse zeigt oft nur kurzfristige Besserung. |
| Ovarian Remnant Syndrome | Unklarer Zusammenhang | Schmerzen durch belassenes Ovarialgewebe nach OP. |
| Vulvodynie / Vestibulodynie | Somatoforme Schmerzstoerung | Schmerz an der Vulva >3 Monate ohne erkennbare organische Ursache. |
Interdisziplinaere Differenzialdiagnosen
Da die Beckenorgane eng verschaltet sind, muessen zwingend interdisziplinaere Ursachen geprueft werden:
| Fachgebiet | Relevante Diagnosen | Leitsymptome / Diagnostik |
|---|---|---|
| Urologie | Interstitielle Zystitis (IC/BPS), rezidivierende HWI | Harndrang, Blasenschmerz. Empfehlung: Zystoskopie bei Blasensymptomen! |
| Gastroenterologie | Reizdarmsyndrom (RDS), chronisch entzuendliche Darmerkrankungen | Stuhlunregelmaessigkeiten, Blaehungen, Gewichtsverlust. |
| Muskuloskelettal | Fibromyalgie, myofasziale Schmerzen, Triggerpunkte | Druckschmerz in Bauchwand/Beckenboden, oft nach OP-Trauma. |
Psychosoziale Faktoren
Psychische Komorbiditaeten sind bei chronischem Unterbauchschmerz extrem haeufig. Studien zeigen bei betroffenen Frauen hohe Praevalenzen fuer:
- Aengstlichkeit (bis zu 66 %)
- Depressivitaet (bis zu 62 %)
- Somatoforme Stoerungen (60-80 % der Patientinnen erfuellen die Kriterien)
Kernaussage der Leitlinie: Ein fruehzeitiges, interdisziplinaer abgestimmtes Vorgehen (inklusive psychosomatischer Evaluation) ist essenziell, um eine weitere Chronifizierung der Schmerzen zu vermeiden.
💡Praxis-Tipp
Fixieren Sie sich nicht ausschliesslich auf gynaekologische Pathologien. Fragen Sie aktiv nach Stuhlgangsveraenderungen und Miktionsbeschwerden. Bei begleitendem Harndrang sollte immer eine urologische Abklaerung (Zystoskopie) zum Ausschluss einer Interstitiellen Zystitis (IC/BPS) erfolgen.