Chronischer Tinnitus: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Ein Tinnitus wird ab einer Dauer von mindestens 3 Monaten als chronisch definiert.
- •Counselling und kognitive Verhaltenstherapie (KVT) bilden die Basis der Behandlung und werden stark empfohlen.
- •Bei begleitendem Hörverlust wird die Versorgung mit Hörgeräten oder Cochlea-Implantaten (CI) empfohlen.
- •Rauschgeneratoren (Noiser) und Sound-Therapien bieten keinen Zusatznutzen und werden nicht empfohlen.
- •Von einer medikamentösen Therapie zur direkten Tinnitusbehandlung wird stark abgeraten; Komorbiditäten sind jedoch leitliniengerecht zu behandeln.
Hintergrund
Chronischer Tinnitus ist definiert als ein Ohrgeräusch mit einer Dauer von mindestens 3 Monaten. Er entsteht meist durch einen primären pathophysiologischen Prozess im Innenohr (z.B. Hörverlust), der zu neuroplastischen Veränderungen und einer veränderten zentralnervösen Verarbeitung führt. Man unterscheidet den objektiven Tinnitus (körpereigene Schallquelle, z.B. gefäßbedingt) vom subjektiven Tinnitus (abnormale neuronale Aktivität).
Schweregrad und Kompensation
Die Belastung durch den Tinnitus ist individuell sehr unterschiedlich und wird maßgeblich durch psychosomatische Komorbiditäten bestimmt. Die Einteilung erfolgt in vier Grade, die sich in kompensiert und dekompensiert zusammenfassen lassen:
| Status | Grade | Klinische Bedeutung |
|---|---|---|
| Kompensierter Tinnitus | 1 und 2 | Ohrgeräusch wird registriert, aber gut toleriert. Keine wesentliche Beeinträchtigung der Lebensqualität. |
| Dekompensierter Tinnitus | 3 und 4 | Massive Auswirkungen auf alle Lebensbereiche. Hoher Leidensdruck, Entwicklung oder Verschlimmerung von Komorbiditäten. |
Häufige Komorbiditäten
Besonders bei dekompensiertem Tinnitus treten gehäuft Begleiterkrankungen auf, die diagnostiziert und fachgerecht behandelt werden müssen:
- Psychiatrisch/Psychosomatisch: Depressive Episoden, Angststörungen, somatoforme Störungen, Anpassungsstörungen.
- Schlaf und Kognition: Ein- und Durchschlafstörungen, Konzentrationsstörungen.
- Physiologisch: Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD), Bruxismus, HWS-Syndrom, Kopfschmerzen.
- Audiologisch: Begleitende Schwerhörigkeit, Hyperakusis.
Diagnostik
Die Basisdiagnostik soll bei chronischem Tinnitus einmalig oder bei wesentlicher Verschlechterung durchgeführt werden:
- HNO-ärztliche Untersuchung (inkl. Trommelfellmikroskopie)
- Tonaudiometrie (ggf. Höchsttonaudiometrie) und Sprachaudiometrie
- Bestimmung von Tinnitusintensität und Frequenzcharakteristik
- Tympanometrie und Stapediusreflexe
- TEOAE und/oder DPOAE
- Orientierende Untersuchung von HWS, Gebiss und Kauapparat
- Validierte Fragebögen zur Belastungserfassung (z.B. TQ, Mini-TQ, THI, TFI)
Therapieempfehlungen
Die Therapie orientiert sich an Ätiologie, Schweregrad und Komorbiditäten. Ziel ist die Habituation (Gewöhnung) und die Reduktion der Tinnitusbelastung.
| Therapiemaßnahme | Empfehlungsgrad | Evidenz | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Counselling | Empfehlung | Moderat | Basis jeder Therapie; Aufklärung und Beratung |
| Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) | Starke Empfehlung | Hoch | Reduziert Tinnitusbelastung und Komorbiditäten signifikant |
| Hörgeräte | Empfehlung | Moderat | Bei begleitendem Hörverlust indiziert |
| Cochlea-Implantat (CI) | Starke Empfehlung | Moderat | Bei hochgradiger Schwerhörigkeit/Ertaubung (auch einseitig) |
| Hörtherapie | Empfehlung | Gering | Fördert Habituation und Hörgeräteakzeptanz |
| Rauschgeneratoren (Noiser) | Nicht empfohlen | Fehlend | Kein Zusatznutzen zu Hörgeräten oder alleinigem Counselling |
| Sound-/Musiktherapien | Nicht empfohlen | Fehlend | Keine ausreichende Evidenz für Wirksamkeit |
| Akustische Neuromodulation | Stark nicht empfohlen | Fehlend | Mögliches Schadenspotenzial |
Medikamentöse Therapie
Es gibt aktuell kein zugelassenes Medikament zur direkten Behandlung des Tinnitus.
- Starke Empfehlung gegen Arzneimittel: Auf die Gabe von Medikamenten (z.B. Betahistin, Ginkgo biloba, Antidepressiva, Benzodiazepine, Zink, Melatonin, Steroide) zur reinen Tinnitustherapie soll verzichtet werden.
- Ausnahme Komorbiditäten: Die pharmakologische Behandlung von Begleiterkrankungen (z.B. Depressionen, Angststörungen) soll leitliniengerecht erfolgen.
- Ausnahme akuter Hörverlust: Tritt der Tinnitus akut im Rahmen eines Hörsturzes auf, gelten die entsprechenden Leitlinien (z.B. Steroidgabe).
💡Praxis-Tipp
Führen Sie bei jedem Tinnitus-Patienten ein ausführliches Counselling durch und prüfen Sie das Gehör. Verzichten Sie auf die Verordnung von Ginkgo biloba oder Betahistin zur reinen Tinnitustherapie.