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Chronischer Tinnitus: S3-Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Ein Tinnitus wird ab einer Dauer von mindestens 3 Monaten als chronisch definiert.
  • Counselling und kognitive Verhaltenstherapie (KVT) bilden die Basis der Behandlung und werden stark empfohlen.
  • Bei begleitendem Hörverlust wird die Versorgung mit Hörgeräten oder Cochlea-Implantaten (CI) empfohlen.
  • Rauschgeneratoren (Noiser) und Sound-Therapien bieten keinen Zusatznutzen und werden nicht empfohlen.
  • Von einer medikamentösen Therapie zur direkten Tinnitusbehandlung wird stark abgeraten; Komorbiditäten sind jedoch leitliniengerecht zu behandeln.
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Hintergrund

Chronischer Tinnitus ist definiert als ein Ohrgeräusch mit einer Dauer von mindestens 3 Monaten. Er entsteht meist durch einen primären pathophysiologischen Prozess im Innenohr (z.B. Hörverlust), der zu neuroplastischen Veränderungen und einer veränderten zentralnervösen Verarbeitung führt. Man unterscheidet den objektiven Tinnitus (körpereigene Schallquelle, z.B. gefäßbedingt) vom subjektiven Tinnitus (abnormale neuronale Aktivität).

Schweregrad und Kompensation

Die Belastung durch den Tinnitus ist individuell sehr unterschiedlich und wird maßgeblich durch psychosomatische Komorbiditäten bestimmt. Die Einteilung erfolgt in vier Grade, die sich in kompensiert und dekompensiert zusammenfassen lassen:

StatusGradeKlinische Bedeutung
Kompensierter Tinnitus1 und 2Ohrgeräusch wird registriert, aber gut toleriert. Keine wesentliche Beeinträchtigung der Lebensqualität.
Dekompensierter Tinnitus3 und 4Massive Auswirkungen auf alle Lebensbereiche. Hoher Leidensdruck, Entwicklung oder Verschlimmerung von Komorbiditäten.

Häufige Komorbiditäten

Besonders bei dekompensiertem Tinnitus treten gehäuft Begleiterkrankungen auf, die diagnostiziert und fachgerecht behandelt werden müssen:

  • Psychiatrisch/Psychosomatisch: Depressive Episoden, Angststörungen, somatoforme Störungen, Anpassungsstörungen.
  • Schlaf und Kognition: Ein- und Durchschlafstörungen, Konzentrationsstörungen.
  • Physiologisch: Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD), Bruxismus, HWS-Syndrom, Kopfschmerzen.
  • Audiologisch: Begleitende Schwerhörigkeit, Hyperakusis.

Diagnostik

Die Basisdiagnostik soll bei chronischem Tinnitus einmalig oder bei wesentlicher Verschlechterung durchgeführt werden:

  • HNO-ärztliche Untersuchung (inkl. Trommelfellmikroskopie)
  • Tonaudiometrie (ggf. Höchsttonaudiometrie) und Sprachaudiometrie
  • Bestimmung von Tinnitusintensität und Frequenzcharakteristik
  • Tympanometrie und Stapediusreflexe
  • TEOAE und/oder DPOAE
  • Orientierende Untersuchung von HWS, Gebiss und Kauapparat
  • Validierte Fragebögen zur Belastungserfassung (z.B. TQ, Mini-TQ, THI, TFI)

Therapieempfehlungen

Die Therapie orientiert sich an Ätiologie, Schweregrad und Komorbiditäten. Ziel ist die Habituation (Gewöhnung) und die Reduktion der Tinnitusbelastung.

TherapiemaßnahmeEmpfehlungsgradEvidenzBemerkung
CounsellingEmpfehlungModeratBasis jeder Therapie; Aufklärung und Beratung
Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)Starke EmpfehlungHochReduziert Tinnitusbelastung und Komorbiditäten signifikant
HörgeräteEmpfehlungModeratBei begleitendem Hörverlust indiziert
Cochlea-Implantat (CI)Starke EmpfehlungModeratBei hochgradiger Schwerhörigkeit/Ertaubung (auch einseitig)
HörtherapieEmpfehlungGeringFördert Habituation und Hörgeräteakzeptanz
Rauschgeneratoren (Noiser)Nicht empfohlenFehlendKein Zusatznutzen zu Hörgeräten oder alleinigem Counselling
Sound-/MusiktherapienNicht empfohlenFehlendKeine ausreichende Evidenz für Wirksamkeit
Akustische NeuromodulationStark nicht empfohlenFehlendMögliches Schadenspotenzial

Medikamentöse Therapie

Es gibt aktuell kein zugelassenes Medikament zur direkten Behandlung des Tinnitus.

  • Starke Empfehlung gegen Arzneimittel: Auf die Gabe von Medikamenten (z.B. Betahistin, Ginkgo biloba, Antidepressiva, Benzodiazepine, Zink, Melatonin, Steroide) zur reinen Tinnitustherapie soll verzichtet werden.
  • Ausnahme Komorbiditäten: Die pharmakologische Behandlung von Begleiterkrankungen (z.B. Depressionen, Angststörungen) soll leitliniengerecht erfolgen.
  • Ausnahme akuter Hörverlust: Tritt der Tinnitus akut im Rahmen eines Hörsturzes auf, gelten die entsprechenden Leitlinien (z.B. Steroidgabe).

💡Praxis-Tipp

Führen Sie bei jedem Tinnitus-Patienten ein ausführliches Counselling durch und prüfen Sie das Gehör. Verzichten Sie auf die Verordnung von Ginkgo biloba oder Betahistin zur reinen Tinnitustherapie.

Häufig gestellte Fragen

Ein Tinnitus wird als chronisch bezeichnet, wenn er seit mindestens 3 Monaten besteht.
Laut Leitlinie gibt es keine wirksamen Medikamente gegen Tinnitus. Von einer medikamentösen Therapie wird stark abgeraten. Begleiterkrankungen wie Depressionen sollten jedoch behandelt werden.
Nein, die Leitlinie empfiehlt Rauschgeneratoren nicht, da sie gegenüber Hörgeräten oder alleinigem Counselling keinen nachweisbaren Zusatznutzen bieten.
Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) wird mit dem höchsten Empfehlungsgrad (starke Empfehlung) zur Reduktion der Tinnitusbelastung empfohlen.

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