Schlaganfall und Sinusvenenthrombose Neugeborene (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die transfontanelläre Sonografie ist die primäre Bildgebung, gefolgt vom MRT (Goldstandard) mit Diffusionswichtung.
- •CT-Untersuchungen sind aufgrund der Strahlenbelastung beim Neugeborenen kontraindiziert.
- •Krampfanfälle sind mit bis zu 94 % das häufigste Symptom und erfordern ein kontinuierliches aEEG-Monitoring.
- •Bei einer Sinusvenenthrombose (CSVT) wird eine Antikoagulation (initial Heparin) empfohlen.
- •Ein generelles Screening auf angeborene Gerinnungsstörungen wird nicht empfohlen.
Hintergrund
Der akute Schlaganfall beim Neugeborenen ist charakterisiert durch eine neu aufgetretene neurologische Symptomatik innerhalb der ersten 28 Lebenstage. Die Inzidenz ist in der Neonatalperiode besonders hoch und vergleichbar mit der im höheren Erwachsenenalter. Es werden drei Hauptformen unterschieden:
| Form | Häufigkeit | Besonderheiten |
|---|---|---|
| Arteriell ischämischer Schlaganfall | ca. 80% | Häufig paradoxe Embolie; oft A. cerebri media betroffen |
| Hämorrhagischer Schlaganfall | seltener | Assoziiert mit Koagulopathien oder Gefäßmalformationen |
| Cerebrale Sinusvenenthrombose (CSVT) | seltener | Höchste Mortalität; unspezifische Symptomatik |
Klinisches Erscheinungsbild
Die Symptome sind oft unspezifisch (Lethargie, Apnoen, Trinkschwäche). Krampfanfälle sind mit bis zu 94 % das häufigste Symptom und treten sehr viel häufiger auf als bei älteren Kindern. Bei Reifgeborenen zeigen sich oft einseitige, fokale Krampfanfälle bei erhaltenem Bewusstsein (meist am 1. bis 3. Lebenstag). Bei Frühgeborenen ist die Diagnose erschwert, da Auffälligkeiten wie Apnoen oft der Frühgeburtlichkeit zugeordnet werden.
Diagnostik
Eine schnelle und präzise Diagnostik ist essenziell. Ein CT ist aufgrund der Strahlenbelastung nicht indiziert (Konsens).
| Methode | Indikation / Stellenwert | Empfehlung |
|---|---|---|
| Sonografie | Primäre Bildgebung | Unverzüglich bei Verdacht (B-Bild inkl. Doppler) |
| MRT | Goldstandard / Erweiterte Diagnostik | Methode der Wahl (mit Diffusionswichtung und Nativ-Angiografie) |
| aEEG / EEG | Anfallsdiagnostik | Kontinuierliche bihemisphärische Überwachung bei Verdacht auf Krampfanfälle |
| Echokardiografie | Ursachensuche | Zum Ausschluss kardialer Thromben oder Rechts-Links-Shunts |
- Gerinnungsdiagnostik: Ein routinemäßiges Screening auf thrombophile Gerinnungsstörungen wird nicht empfohlen (Starker Konsens). Es kann nur in Einzelfällen (z.B. bei Thromben oder auffälliger Familienanamnese) erwogen werden.
Therapie
Die primäre Behandlung ist überwiegend supportiv. Ziel ist die Vermeidung sekundärer Hirnschäden.
Supportive Basisversorgung
- Ziele: Normothermie (36,5 - 37,5°C), Normoglykämie, Normovolämie, Normoxie und Normokapnie.
- Lagerung bei CSVT: Positionierung, die eine okzipitale Kompression reduziert und den venösen Abfluss fördert.
Antithrombotische Therapie
| Indikation | Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| CSVT (Akutphase) | Heparin | Bei fehlenden Kontraindikationen (Starker Konsens) |
| CSVT (Langzeit) | Antikoagulation | Mind. 5 Tage niedermolekulares Heparin; bei Reifgeborenen >2,5 kg ggf. Umstellung auf DOAK (z.B. Rivaroxaban) |
| Arterieller Schlaganfall | Keine generelle Antikoagulation | Antikoagulation nur bei embolischer Genese erwägen (Starker Konsens) |
| Thrombolyse / Thrombektomie | Kontraindiziert | In den meisten Fällen nicht empfohlen, da das Zeitfenster unklar ist |
Nach 6 Wochen sollte die Notwendigkeit einer antikoagulatorischen Therapie individuell in Zusammenarbeit mit einer pädiatrisch-hämostaseologischen Spezialsprechstunde überprüft werden.
Langzeitentwicklung
Kinder mit einem neonatalen Schlaganfall haben ein hohes Risiko für neurologische Beeinträchtigungen. Dazu gehören Zerebralparesen (ca. 40 % bei arteriellen Infarkten), kognitive Einschränkungen und Epilepsie. Eine frühzeitige, interdisziplinäre Rehabilitation (Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie) ist entscheidend. Zudem ist eine psychologische Betreuung der Eltern essenziell, da Schuldgefühle und Traumatisierungen häufig sind.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie bei unklaren Krampfanfällen oder Apnoen beim Neugeborenen frühzeitig eine Sonografie und ein aEEG-Monitoring durch. Verzichten Sie aufgrund der Strahlenbelastung zwingend auf ein CT.