Langzeit-Sauerstofftherapie (LTOT): Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die LTOT ist bei chronischer Hypoxämie indiziert und soll mindestens 15 Stunden pro Tag angewendet werden.
- •Bei COPD liegt die Indikation bei einem PaO2 ≤ 55 mmHg oder bei 56-60 mmHg mit Cor pulmonale bzw. Polyglobulie.
- •Die alleinige Messung der SpO2 reicht zur Indikationsstellung nicht aus; eine Blutgasanalyse (BGA) ist zwingend erforderlich.
- •Bei palliativer Dyspnoe ohne Hypoxämie sind Opioide der Sauerstoffgabe überlegen.
Hintergrund
Unter einer Langzeit-Sauerstofftherapie (LTOT) versteht man die Applikation von Sauerstoff für ≥ 15 Stunden/Tag bei Patienten mit chronischer Hypoxämie. Ziel ist es, Letalität und Morbidität zu senken sowie die Lebensqualität und Leistungsfähigkeit zu verbessern. Die Therapie erfordert eine exakte Indikationsstellung mittels Blutgasanalyse (BGA).
Diagnostik
Die alleinige Messung der peripheren Sauerstoffsättigung (SpO2) reicht zur Indikationsstellung nicht aus. Eine SpO2 ≤ 92% in Ruhe sollte jedoch Anlass zur Durchführung einer BGA sein.
- Zeitpunkt: Die Objektivierung der chronischen Hypoxämie soll in einer stabilen Krankheitsphase (mindestens 3 Wochen) und zu mindestens 2 Messzeitpunkten erfolgen.
- Methode: Arterielle BGA oder kapilläre BGA am hyperämisierten Ohrläppchen.
- Achtung: Die kapilläre BGA kann den PaO2 unterschätzen (im Mittel um 6 mmHg). Bei unklaren Befunden ist eine arterielle BGA vorzuziehen.
Indikationen bei COPD
Die Indikation zur LTOT bei COPD richtet sich nach dem arteriellen Sauerstoffpartialdruck (PaO2) in Ruhe:
| Schweregrad | PaO2 in Ruhe | Zusatzkriterien | Indikation zur LTOT |
|---|---|---|---|
| Schwere Hypoxämie | ≤ 55 mmHg | Keine | Ja |
| Schwere Hypoxämie + Hyperkapnie | ≤ 55 mmHg | PaCO2 > 50 mmHg | NIV prüfen, ggf. + LTOT |
| Moderate Hypoxämie | 56 - 60 mmHg | Cor pulmonale und/oder Polyglobulie (Hk ≥ 55%) | Ja |
| Mäßige Hypoxämie | 56 - 65 mmHg | Keine | Nein |
Anwendungsdauer
Die Mindestdauer der LTOT soll 15 Stunden/Tag betragen. Der Hauptanteil der Sauerstoffapplikation kann während der Nacht erfolgen. Eine reine Korrektur von ausschließlich nächtlichen Hypoxien (ohne Tageshypoxämie) hat bei COPD keinen nachweisbaren Effekt auf die Letalität.
Mobile Sauerstofftherapie (AOT)
Eine mobile Sauerstofftherapie (Ambulatory Oxygen Therapy) kommt zum Einsatz, um die prognostisch wichtige Nutzungsdauer von ≥ 15 Stunden/Tag bei mobilen Patienten zu erreichen.
Bei einer rein belastungsinduzierten Hypoxämie (SpO2-Abfall um ≥ 2% auf ≤ 90%) kann eine AOT getestet werden. Ein signifikanter Nutzen liegt vor, wenn mindestens 2 der folgenden 3 Kriterien erfüllt sind:
- Sauerstoffsättigung von zumindest 90% unter Belastung
- Zunahme der Leistungsfähigkeit (z. B. Gehstrecke +10%)
- Linderung der Dyspnoe (Borg-Skala Verbesserung um mindestens 1 Punkt)
Weitere Krankheitsbilder
| Erkrankung | Empfehlung zur LTOT |
|---|---|
| Interstitielle Lungenerkrankungen | Indikation analog zur COPD. Reine Nachttherapie wird nicht empfohlen. |
| Zystische Fibrose | Indikation analog zur COPD. Reine Nachttherapie wird nicht empfohlen. |
| Chronische Herzinsuffizienz | Keine LTOT bei normaler Sauerstoffsättigung. Bei zentraler Schlafapnoe kann eine nächtliche Gabe erwogen werden. |
| Pulmonale Hypertonie | LTOT sollte erwogen werden, wenn der PaO2 < 60 mmHg beträgt. |
Palliativmedizin
Palliative Patienten mit Dyspnoe sollten bei fehlender Hypoxämie primär nicht mit Sauerstoff behandelt werden. Opioide sind in der Linderung der Dyspnoe effektiver. Sauerstoff sollte hier nur als Ultima Ratio zur Symptomlinderung eingesetzt werden.
Systeme für die LTOT
Für die häusliche und mobile Versorgung stehen verschiedene Systeme zur Verfügung. Vor der Verordnung von Demand-Ventilen (gepulste Abgabe) soll die Eignung des Patienten in Ruhe und unter Belastung zwingend getestet werden.
| System | Eigenschaften | Bemerkung |
|---|---|---|
| Stationäre Konzentratoren | Kontinuierlicher Fluss, strombetrieben | Aktionsradius durch Schlauchlänge (max. 15m) begrenzt |
| Mobile Konzentratoren | Leicht, Akkubetrieb, meist Demand-Modus | Testung der Triggerfunktion unter Belastung zwingend |
| Flüssigsauerstoff | Hohe Kapazität, hohe Flussraten möglich | Spontane Verdampfungsrate beachten |
| Druckflaschen | Begrenzte Speichermenge (200 bar) | Logistisch aufwendiger, oft als Backup |
💡Praxis-Tipp
Verlassen Sie sich bei der Indikationsstellung zur LTOT niemals allein auf die Pulsoxymetrie. Eine kapilläre BGA kann den PaO2 unterschätzen; führen Sie bei unklaren Befunden oder Diskrepanzen zur SpO2 eine arterielle BGA durch.