Therapie der Apnoe bei Frühgeborenen: AWMF-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Intermittierende Hypoxämien (SpO2 <80 %) haben den größten Einfluss auf die neurologische Entwicklung und Mortalität.
- •Koffeinzitrat ist das Medikament der Wahl zur Behandlung der Apnoe-Bradykardie-Hypoxämie-Symptomatik (ABHS).
- •Ein SpO2-Zielbereich von 91-95 % reduziert das Auftreten intermittierender Hypoxämien signifikant.
- •Binasaler nCPAP und synchronisierte nasale Beatmung (snIPPV) sind effektive Atemhilfen zur Vermeidung von Reintubationen.
- •Eine 15°-Oberkörper-Hochlagerung wird für Frühgeborene ohne CPAP oder Koffeintherapie empfohlen.
Hintergrund
Jedes Früh- und Reifgeborene zeigt Apnoen oder Unregelmäßigkeiten der Atmung. Die Apnoe-Bradykardie-Hypoxämie-Symptomatik (ABHS) hat insbesondere durch die intermittierenden Hypoxämien (IH) einen entscheidenden Einfluss auf das Outcome. Kinder mit dem höchsten Zeitanteil an IH (>1 min Dauer) haben ein 3,4-fach erhöhtes Risiko für Tod oder Entwicklungsbeeinträchtigungen im korrigierten Alter von 18-21 Monaten.
Definitionen
Die Leitlinie definiert die Ereignisse unabhängig von der Unterscheidung in zentrale, obstruktive oder gemischte Apnoen, da diese Einteilung prognostisch irrelevant ist.
| Parameter | Definition | Bemerkung |
|---|---|---|
| Intermittierende Hypoxämie (IH) | SpO2 <80 % | Jeglicher Dauer (Mittelungszeit 8-10 Sek.) |
| Bradykardie | Herz-/Pulsfrequenz <80/min | Jeglicher Dauer |
| Minimale Dauer | ≥4 Sekunden | Arbiträr festgelegt (angelehnt an AASM-Kriterien) |
Diagnostik und Differentialdiagnosen
Die Diagnose erfolgt durch klinische Beobachtung und kontinuierliche Monitorüberwachung.
- Mittelungszeit: Eine Einstellung von 8-10 Sekunden am Pulsoximeter stellt einen sinnvollen Kompromiss zwischen zu häufigen Alarmen und zu langer Reaktionszeit dar.
- Differentialdiagnosen: Tritt die ABHS plötzlich bei einem zuvor asymptomatischen Kind auf, müssen sekundäre Ursachen zwingend ausgeschlossen werden (z.B. Infektionen, Hirnblutungen, Krampfanfälle, Hypoglykämie, Medikamentenwirkung).
Nicht-pharmakologische Therapie
| Maßnahme | Empfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Lagerung | 15°-Oberkörper-Hochlagerung | Empfohlen für Frühgeborene ohne CPAP/Koffein. Bauchlage hat keinen bewiesenen Vorteil. |
| SpO2-Zielbereich | 91-95 % | Assoziiert mit weniger IH im Vergleich zu niedrigeren Zielbereichen (85-89 %). |
| Automatisierte O2-Regelung | FiO2-Controller | Kann IH reduzieren, finale Studiendaten stehen noch aus. |
Pharmakologische Therapie
| Wirkstoff | Dosierung | Indikation / Bemerkung |
|---|---|---|
| Koffeinzitrat | Sättigung: 20 mg/kg (i.v./p.o.)<br>Erhalt: 5-10 mg/kg/d | Medikament der Wahl. Reduziert Risiko für Zerebralparese. Start in den ersten 3 Lebenstagen bei ≤29 SSW/≤1250g mit Atemunterstützung. |
| Doxapram | Keine einheitliche Dosis | Keine Empfehlung für oder gegen die Therapie aufgrund heterogener Datenlage. |
| Theophyllin | Nicht empfohlen | Geringere therapeutische Breite und häufigere Nebenwirkungen als Koffein. |
Spiegelkontrollen unter Koffein: Ein routinemäßiges Drug-Monitoring ist aufgrund der großen therapeutischen Breite entbehrlich. Es ist nur bei unzureichender Wirkung oder Nebenwirkungen (z.B. anhaltende Tachykardie) sinnvoll. Der in der Literatur empfohlene Zielbereich liegt bei 8-20 mg/l.
Nasale Atemhilfen
Nasale Atemhilfen halten die Atemwege offen, erhöhen die funktionelle Residualkapazität (FRC) und waschen den Totraum aus.
- nCPAP: Binasaler nCPAP (nasale Prongs) ist wirksamer als mononasaler nCPAP.
- snIPPV: Synchronisierte nasale Beatmung vermeidet Reintubationen wirksamer als reiner nCPAP.
- nHFO: Nasale Hochfrequenzoszillation ist möglicherweise wirksamer als reiner nCPAP.
- HHFNC: High-Flow-Systeme (1-10 l/min) sind wahrscheinlich ähnlich wirksam wie nCPAP und bieten ggf. mehr Patientenkomfort.
Entlassungsmanagement
Kurze Hypoxämien (<20 Sek.) sind zum Entlassungszeitpunkt häufig und meist normal. Die Entlassungsplanung sollte sich auf Ereignisse mit Interventionsbedarf fokussieren. International werden oft 4 bis 7 ereignisfreie Tage vor der Entlassung gefordert, eine evidenzbasierte Empfehlung existiert hierfür jedoch nicht.
💡Praxis-Tipp
Stellen Sie die Mittelungszeit des Pulsoximeters auf 8-10 Sekunden ein. Dies halbiert die Hypoxie-Alarmrate im Vergleich zu 2 Sekunden und stellt einen optimalen Kompromiss zwischen Fehlalarmen und Patientensicherheit dar.