Peniskarzinom: S3-Leitlinie Diagnostik & Therapie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Zirkumzision im Kindesalter und die HPV-Impfung bei Jungen (9-14 Jahre) senken das Risiko für ein Peniskarzinom.
- •Der inguinale Lymphknotenstatus ist der wichtigste prognostische Faktor der Erkrankung.
- •Ab dem Stadium pT1b ist bei klinisch unauffälligen Leistenlymphknoten eine invasive Diagnostik (MIL oder DSNB) indiziert.
- •Die Therapie des Primärtumors soll in Abhängigkeit von Stadium und Differenzierungsgrad möglichst organerhaltend erfolgen.
- •Schnittbildverfahren (CT/MRT) sind erst ab T3/T4-Tumoren oder bei positivem Lymphknotenstatus empfohlen.
Hintergrund
Das Peniskarzinom ist eine seltene maligne Neoplasie (ca. 950 Neuerkrankungen/Jahr in Deutschland). Etwa die Hälfte der Tumoren ist mit humanen Papillomviren (HPV) der Hochrisikogruppe assoziiert.
Risikofaktoren und Prävention:
- Zirkumzision im Kindesalter und eine gute Genitalhygiene senken das individuelle Risiko (Konsensbasierte Empfehlung).
- Die HPV-Impfung von Jungen (9-14 Jahre) reduziert das Risiko für ein HPV-assoziiertes Peniskarzinom.
Pathologie und Biopsie
Bei unklaren penilen Läsionen soll frühzeitig eine histologische Diagnosesicherung erfolgen. Die Biopsie muss eine hinreichend große Gewebemenge aus repräsentativen Arealen (meist Tumorrand und Zentrum) umfassen.
Der pathologische Befundbericht muss zwingend enthalten:
- Histologischer Subtyp nach aktueller WHO-Klassifikation
- Grading
- Prognostische Faktoren: Anatomische Lokalisation, perineurale Invasion, Infiltrationstiefe, Lymphgefäßinvasion, venöse Gefäßinvasion, Wachstumsmuster an der Invasionsfront
- Aussage zur HPV-Assoziation (Empfehlungsgrad A)
Stadieneinteilung (TNM)
Die anatomische Ausbreitung soll nach der aktuellen TNM-Klassifikation erfolgen:
| T-Kategorie | Beschreibung |
|---|---|
| Tis | Carcinoma in situ (penile intraepitheliale Neoplasie) |
| Ta | Nichtinvasives lokalisiertes Plattenepithelkarzinom |
| T1a | Infiltration des subepithelialen Bindegewebes; keine lymphovaskuläre/perineurale Invasion; gut/mäßig differenziert |
| T1b | Infiltration des subepithelialen Bindegewebes; mit lymphovaskulärer/perineuraler Invasion ODER schlecht differenziert/sarkomatoid |
| T2 | Infiltration des Corpus spongiosum (mit/ohne Urethrainvasion) |
| T3 | Infiltration des Corpus cavernosum (mit/ohne Urethrainvasion) |
| T4 | Infiltration anderer Nachbarstrukturen (z. B. Skrotum, Prostata, Schambein) |
Diagnostik und Staging
- Klinische Untersuchung: Lokalisation, Größe, Wachstumsmuster und Verschieblichkeit des Primärtumors dokumentieren.
- Schnittbildverfahren: CT, MRT oder PET-CT sollen nur bei T3/T4-Tumoren oder positivem Lymphknotenstatus eingesetzt werden (Konsensbasierte Empfehlung).
Lymphknoten-Management
Der inguinale Lymphknotenstatus ist der wichtigste prognostische Faktor. Die klinische Untersuchung muss zwischen tastbaren und nicht tastbaren Leistenlymphknoten unterscheiden.
| Klinischer Befund | T-Stadium | Empfohlenes Vorgehen |
|---|---|---|
| Nicht tastbar (cN0) | bis pT1a | Regelmäßige klinische Nachbeobachtung (Surveillance) möglich (Empfehlungsgrad 0) |
| Nicht tastbar (cN0) | ab pT1b | Invasive Diagnostik mittels modifizierter inguinaler Lymphadenektomie (MIL) oder dynamischer Sentinel-Lymphknoten-Biopsie (DSNB) (Empfehlungsgrad A) |
| Tastbar vergrößert | alle | Operative Entfernung und histologische Sicherung. Bei Metastasennachweis: ipsilaterale radikale inguinale Lymphadenektomie |
Therapie des Primärtumors
Das übergeordnete Ziel ist die lokale Tumorkontrolle bei bestmöglichem Organerhalt. Patienten sollen in Abhängigkeit vom Stadium und Differenzierungsgrad organerhaltend therapiert werden.
- Oberflächliche, nicht-invasive Tumoren (Tis/Ta): Eine organ- und funktionserhaltende kurative Behandlung ist anzustreben. Zur besseren Erkennung der Ausdehnung kann eine fluoreszenzdiagnostische Technik (z. B. PDD) angewandt werden.
- Topische Therapie: Bei peniler intraepithelialer Neoplasie kann eine topische Therapie mit 5-Fluorouracil oder Imiquimod erfolgen (Empfehlungsgrad 0). Patienten müssen über den "Off-Label"-Gebrauch aufgeklärt werden.
Psychoonkologie und Palliativversorgung
- Screening: Alle Patienten sollen ein Screening auf psychosoziale Belastungen erhalten, das im Krankheitsverlauf wiederholt wird.
- Palliativversorgung: Patienten im fortgeschrittenen oder nicht-heilbaren Stadium sollen bedarfsorientiert palliativmedizinisch mitbetreut werden.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei frühen Stadien (bis T2) und unauffälligen Lymphknoten auf primäre Schnittbildgebung (CT/MRT), da diese Mikrometastasen nicht zuverlässig detektieren kann. Setzen Sie stattdessen ab pT1b auf die invasive Lymphknotendiagnostik (DSNB oder MIL).