Magenkarzinom: S3-Leitlinie zu Diagnostik & Therapie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Helicobacter pylori ist der wesentliche Risikofaktor für das Magenkarzinom; eine Eradikation senkt die Inzidenz signifikant.
- •Bei familiärer Häufung oder Erkrankungsalter unter 50 Jahren sollte eine humangenetische Beratung erfolgen.
- •In der perioperativen Therapie hat sich das FLOT-Schema weiter etabliert.
- •In der palliativen Erstlinientherapie sind Checkpoint-Inhibitoren neu zugelassen.
- •Sarkopenie gilt als neuer negativer Prognosemarker.
Hintergrund
Das Magenkarzinom und Adenokarzinome des ösophagogastralen Übergangs (AEG) gehören weltweit zu den häufigsten tumorbedingten Todesursachen. Die aktuelle S3-Leitlinie fasst den neuesten Wissensstand zu Diagnostik, Therapie und Risikofaktoren zusammen.
Risikofaktoren und Ätiologie
Die Entstehung des Magenkarzinoms ist multifaktoriell. Helicobacter pylori ist der wesentliche Risikofaktor für das Magenkarzinom (Starker Konsens). Die Infektion induziert eine chronisch-aktive Gastritis, die über atrophische Gastritis und intestinale Metaplasie zum Karzinom führen kann.
Weitere wichtige Risikofaktoren für das Nicht-Kardiamagenkarzinom sind:
- Alter und männliches Geschlecht
- Übergewicht und Adipositas
- Niedriger sozioökonomischer Status
- Tabakrauchen (Risiko steigt mit der Anzahl der Zigaretten)
- Hoher Alkoholkonsum (> 45 g/Tag)
- Vorangegangene Magenoperationen
- Hohe Zufuhr von in Salz konservierten Lebensmitteln und verarbeitetem Fleisch
- Geringer Verzehr von Obst
Für das Adenokarzinom des gastroösophagealen Übergangs (AEG) ist die Assoziation mit einer gastroösophagealen Refluxkrankheit (GERD) wahrscheinlich.
Familiäres Risiko und Genetik
Verwandte ersten Grades von Patienten mit einem Magenkarzinom haben ein 2- bis 3-fach erhöhtes Risiko.
Empfehlungen bei familiärer Belastung:
- Ein Erkrankungsalter vor dem 50. Lebensjahr und/oder eine familiäre Häufung weisen auf eine erbliche Form hin und sollten durch eine humangenetische Beratung geklärt werden.
- Bei Verwandten ersten Grades von Magenkarzinom-Patienten reduziert die Eradikation von H. pylori das Risiko signifikant.
- Personen aus Familien, die die Kriterien des International Gastric Cancer Linkage Consortium (IGCLC) für ein hereditäres diffuses Magenkarzinom (HDGC) erfüllen, gelten als Risikopersonen.
| Hereditäres Syndrom | Assoziierte Gene | Erbgang |
|---|---|---|
| Hereditäres diffuses Magenkarzinom (HDGC) | CDH1, CTNNA1 | Autosomal dominant |
| Familiäres intestinales Magenkarzinom (FIGC) | Unbekannt | Autosomal dominant |
| Gastrales Adenokarzinom mit proximaler Polypose (GAPPS) | APC Promoter 1B | Autosomal dominant |
Für Risikopersonen und Anlageträger sollen psychosoziale Beratungsangebote zur Verfügung gestellt werden.
Diagnostik und Staging
- Zur Histologie werden auch Biopsien aus nicht vom Tumor befallener Schleimhaut empfohlen.
- Die Laparoskopie ist ein bestätigter, wichtiger diagnostischer Schritt vor der perioperativen Therapie.
- Sarkopenie wurde als neuer negativer Prognosemarker identifiziert.
- Eine regelmäßige Charakterisierung von Patienten für die Mikrosatelliteninstabilität (MSI)/HNPCC sowie die immunologische Testung für Checkpoint-Inhibitoren wird empfohlen.
Therapiekonzepte
Chirurgische und Perioperative Therapie
- Die Resektionsränder bei der Gastrektomie werden diskutiert; nach neoadjuvanter Therapie kann in Einzelfällen von alten Standards mit hohem Sicherheitsabstand abgewichen werden, um eine bessere Lebensqualität zu erzielen.
- Als perioperatives Konzept hat sich das FLOT-Schema weiter etabliert.
Palliative Systemtherapie
| Therapielinie | Biomarker / Situation | Empfohlene Therapieoptionen |
|---|---|---|
| Erstlinie | MSI- und CPS-positive Karzinome | Immuntherapie mit Checkpoint-Inhibitoren |
| Erstlinie | HER2+ und PDL-1+ Karzinome | Kombinationstherapie mit Trastuzumab und Pembrolizumab |
| Zweit-/Drittlinie | HER2+ / PDL-1+ | Trastuzumab-Deruxtecan, Pembrolizumab |
In der palliativen Situation sollten die Therapieziele regelmäßig geprüft werden. In der Prävention werden keine Statine empfohlen.
💡Praxis-Tipp
Achten Sie bei Patienten mit Magenkarzinom auf das Erkrankungsalter (< 50 Jahre) und die Familienanamnese. Leiten Sie diese Patienten frühzeitig zur humangenetischen Beratung (Verdacht auf CDH1/CTNNA1-Mutation) weiter.