TIPRA 2.0: Influenza-Pandemie-Risikobewertung (WHO)
📋Auf einen Blick
- •TIPRA bewertet das Risiko einer anhaltenden Mensch-zu-Mensch-Übertragung von Influenza-Viren (Wahrscheinlichkeit und Auswirkungen).
- •Version 2 ermöglicht die Bewertung von tierischen Influenza-Viren, die noch keine humanen Infektionen verursacht haben.
- •Die Bewertung basiert auf 10 Risikoelementen aus den Bereichen Virologie, Humanpopulation und Tierökologie.
- •Fachexperten vergeben pro Element einen Score von 1 (geringes Risiko) bis 10 (hohes Risiko).
- •Die Populationsimmunität wird in Version 2 separat für die Wahrscheinlichkeit (Likelihood) und die Auswirkungen (Impact) bewertet.
Hintergrund
Das Tool for Influenza Pandemic Risk Assessment (TIPRA) der WHO dient der standardisierten und transparenten Risikobewertung von Influenza-Viren mit Pandemiepotenzial. Die zentrale Fragestellung lautet: Wie hoch ist das Risiko einer anhaltenden Mensch-zu-Mensch-Übertragung (Likelihood) und wie groß wären die gesundheitlichen Auswirkungen auf die Bevölkerung (Impact)?
Version 2 (2020) erweitert den Anwendungsbereich auf tierische Influenza-Viren, die noch keine humanen Infektionen verursacht haben, und teilt die Populationsimmunität in zwei separate Risikoelemente auf.
Trigger für eine Risikobewertung
Eine Risikobewertung wird durch spezifische epidemiologische oder virologische Ereignisse ausgelöst:
- Epidemiologisch: Erste humane Fälle durch ein tierisches Virus, Cluster von humanen Fällen, schnelle geografische Ausbreitung im Tierbestand oder ein Anstieg der infizierten Wirtsspezies.
- Virologisch: Aminosäuresubstitutionen an der Rezeptorbindungsstelle (erhöhte Affinität zu Säugetier-Rezeptoren), erhöhte Virulenz im Tiermodell oder reduzierte antivirale Suszeptibilität.
Die 10 Risikoelemente
Die Bewertung erfolgt anhand von 10 Elementen, die in drei Hauptkategorien unterteilt sind:
| Kategorie | Risikoelement | Benötigte Expertise |
|---|---|---|
| Eigenschaften des Virus | Rezeptorbindungseigenschaften | Virologen |
| Genomische Charakteristika | Molekularvirologen | |
| Übertragung im Tiermodell | Tierärzte, Virologen | |
| Empfindlichkeit gegenüber Antiviralia | Kliniker, Pharmakologen | |
| Attribute der Humanpopulation | Humane Infektionen | Epidemiologen |
| Krankheitsschwere (Disease Severity) | Kliniker, Epidemiologen | |
| Populationsimmunität (Likelihood) | Immunologen, Epidemiologen | |
| Populationsimmunität (Impact) | Immunologen, Epidemiologen | |
| Virusökologie in Tieren | Geografische Verbreitung in Tieren | Tierärzte, Epidemiologen |
| Infektionen in Tieren | Ökologen, Tierärzte |
Risikostratifizierung und Scoring
Experten bewerten jedes Element auf einer Skala von 1 bis 10. Zusätzlich wird ein Konfidenz-Score (1-5) für die Datenqualität vergeben.
| Risikostufe | Score | Beispiel: Rezeptorbindung | Beispiel: Antivirale Suszeptibilität |
|---|---|---|---|
| Gering | 1-3 | Präferenz für aviäre Rezeptoren (α2,3) | Normale In-vitro-Hemmung |
| Moderat | 4-7 | Bindung an aviäre und humane Rezeptoren | Reduzierte In-vitro-Hemmung |
| Hoch | 8-10 | Präferenz für humane Rezeptoren (α2,6) | Stark reduzierte Hemmung / Resistenz |
Gewichtung der Risikoelemente
Die einzelnen Scores werden für die Berechnung des Gesamtrisikos unterschiedlich gewichtet (Rank Order Centroid Methode):
| Rang | Likelihood (Wahrscheinlichkeit) | Impact (Auswirkungen) |
|---|---|---|
| 1 | Humane Infektionen (0,370) | Krankheitsschwere (0,457) |
| 2 | Populationsimmunität (0,228) | Populationsimmunität (0,257) |
| 3 | Übertragung im Tiermodell (0,156) | Antivirale Suszeptibilität (0,157) |
| 4 | Rezeptorbindung (0,109) | Genomische Charakteristika (0,090) |
| 5 | Genomische Charakteristika (0,073) | Rezeptorbindung (0,040) |
Hinweis: Bei tierischen Viren ohne bisherige humane Infektionen wird das Element "Krankheitsschwere" nicht regulär gescort, sondern über eine Sensitivitätsanalyse mit hohen und niedrigen Werten simuliert.
Der 10-Schritte-Prozess
Die Durchführung eines TIPRA-Assessments folgt einem strikten Ablauf:
- Auswahl des zu bewertenden Virus.
- Erstellung eines detaillierten Virus-Profil-Dokuments.
- Einladung der Fachexperten.
- Individuelles Scoring durch die Experten (inkl. Konfidenz und Begründung).
- Datensammlung und vorläufige Analyse.
- Diskussion der Ergebnisse im Plenum.
- Berechnung der finalen Risiko-Scores.
- Interpretation und Festlegung der Gesamtkonfidenz.
- Berichterstellung und Kommunikation.
- Entscheidung über zukünftige Re-Evaluationen.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie TIPRA nicht für saisonale Influenza-Viren, sondern ausschließlich für Viren mit Pandemiepotenzial (z. B. zoonotische Stämme). Beachten Sie, dass TIPRA nur die Gefahr durch das Virus selbst (Hazard) bewertet; für eine vollständige Risikobewertung müssen lokale Expositions- und Kontextfaktoren ergänzt werden.